kaufnix_teaser_lean

Attraktivität des Fahrrads fördern – internationale Beispiele

Die anhaltend hohen Energiepreise und die Debatten um politische Entlastungsmaßnahmen wie den beschlossenen Tankrabatt verdeutlichen die tiefe Abhängigkeit unserer Gesellschaft vom Automobil. In vielen privaten Haushalten der Republik gehören die Kosten für Mobilität zu den größten Ausgabenposten und belasten das monatliche Familienbudget. Dennoch ist die Pkw-Dichte in Deutschland so hoch wie nie: 2026 kamen auf 1.000 Einwohner*innen 593 Pkw. Das sind rund 49,5 Millionen Fahrzeuge. 

Demgegenüber steht das Fahrrad als weitaus suffizientere und günstigere Alternative. Während eine Autofahrt unter Berücksichtigung von Wertverlust, Versicherung, Reparaturen und Betriebsmitteln je nach Fahrzeugklasse zwischen 35 und über 300 Cent pro Kilometer kostet, liegen die Kosten für das Fahrrad laut Umweltbundesamt bei durchschnittlich nur zehn Cent. Diese Bilanz erfasst lediglich die privaten Ausgaben. Gesellschaftliche Folgekosten wie Luftverschmutzung, Lärm oder der große Flächenverbrauch durch Parkräume und breite Fahrbahnen sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt.

Zudem zeigen Erhebungen, dass der Pkw gerade im urbanen Raum nur eingeschränkt Zeitvorteile bietet. Mehr als 40 Prozent der Autofahrten in deutschen Großstädten sind kürzer als fünf Kilometer – eine Distanz, auf der das Fahrrad oft das schnellste Verkehrsmittel ist. 

Trotz dieser asymmetrischen Kosten-Nutzen-Struktur fährt mehr als die Hälfte der Deutschen selten oder nie Rad, obwohl laut Umfragen der Wille zu mehr Zweiradmobilität vorhanden ist. Hinweise darauf, wie sich dieser Wunsch in die Realität umsetzen lässt, zeigen erfolgreiche Praxisbeispiele aus europäischen Ländern mit ausgeprägter Fahrradkultur.

Gute und getrennte Radwege für mehr Sicherheit

Bei der Befragung von mehreren tausend Verkehrsteilnehmer*innen zeigte sich, dass die empfundene Sicherheit im Straßenverkehr ein wichtiges Kriterium für viele Menschen ist und eine Hürde beim Umstieg auf das Fahrrad darstellen kann. Eine Möglichkeit, um viele gefährliche Situationen zu vermeiden, ist ein baulich getrennter Rad- und Autoverkehr. Die Niederlande gelten hierfür als internationales Vorbild. Dort sind Radwege vielerorts durch Bordsteine, Grünstreifen oder Poller von der Fahrbahn separiert. Breite, zweispurig angelegte Trassen mit hoher Asphaltqualität bieten ein gutes Fahrgefühl und erleichtern zudem das Überholen, was die Attraktivität des Radverkehrs im Alltag steigert. 

Schnittstellen stärken

Neben der Sicherheit entscheidet auch der Komfort über die Verkehrsmittelwahl. Ein weiterer Faktor zur Attraktivitätsförderung des Fahrrads sind daher mögliche Zeitersparnisse und kurze Übergänge auf intermodalen Routen. In vielen Innenstädten ist die Parksituation für Pkw angespannt, da Parkraumbewirtschaftung und ein hohes Verkehrsaufkommen das Parken direkt am Zielort erschweren. Der Ausweg ist häufig die Fahrt in ein kostenpflichtiges Parkhaus. Internationale Praxisbeispiele zeigen, dass gezielte Infrastrukturmaßnahmen diesen Nachteil ausgleichen und den Radverkehr fördern können. Ein Beispiel findet sich im niederländischen Utrecht. Dort befindet sich das weltgrößte Fahrradparkhaus direkt am Hauptbahnhof. Es bietet Kapazitäten für 12.500 Fahrräder sowie eine direkte intermodale Anbindung der Stellplätze an das Schienennetz. Um den Umstieg zusätzlich zu erleichtern, ist die Nutzung des Parkhauses in den ersten 24 Stunden kostenfrei. Ähnliche Fahrradparkhäuser lassen sich fast an allen niederländischen Bahnhöfen finden und stärken die intermodalen Strukturen. 

Nicht so schnell: Tempolimits 

Niedrigere Geschwindigkeiten im motorisierten Individualverkehr verringern das Unfallrisiko und die Schwere von Verletzungen im Radverkehr. Neben den Effekten für den Klimaschutz, der Luftreinhaltung und der urbanen Lebensqualität bildet dieser Sicherheitsaspekt ein wichtiges politisches Motiv für andernorts durchgeführte Verkehrsregulierungen. Oslo und Helsinki setzten im Rahmen ihrer „Vision Zero“-Strategien auf flächendeckende Geschwindigkeitsreduzierungen. Es handelt sich dabei um ein strategisches Leitbild mit dem Ziel, schwere Unfälle und Verletzungen u. a. im Straßenverkehr vollständig zu vermeiden. Als erstes europäisches Land verankerte Spanien 2021 ein landesweit abgestuftes innerörtliches Tempolimit von 20 oder 30 km/h für Straßen mit maximal einer Fahrspur pro Richtung. 

Fix am Ziel: Fahrradschnellwege

Um den Pendlerverkehr zwischen der Peripherie und den urbanen Zentren zu Stoßzeiten zu entlasten, helfen noch andere Pull-Faktoren. Darunter werden positive Anreize verstanden, mit denen der Wechsel des Verkehrsmittels erleichtert wird. Dänemark setzt hierfür gezielt auf Fahrradschnellwege, die bspw. Wohngebiete im Umland Kopenhagens kreuzungsarm mit den Arbeitsplätzen in der Stadt verknüpfen. Die Routen sind auf längere Distanzen ausgelegt und sollen ein unterbrechungsfreies Fahren auf hochwertigem Untergrund ermöglichen. Bereits vorgenommene Evaluationen zeigen den Erfolg der Maßnahme: Auf den untersuchten Routen stieg der Radverkehr nach dem Ausbau im Schnitt um 52 Prozent. Bemerkenswerte 14 Prozent der dort erfassten Pendler*innen gaben an, zuvor das Auto genutzt zu haben. Die Schnellwege schonen dabei nicht nur die Umwelt, sondern entlasten zugleich in Stoßzeiten die Straßen bzw. den öffentlichen Nahverkehr. 

Lohnt sich finanziell

Ein anderer Pull-Faktor findet in Belgien Verwendung: Die Attraktivität des Fahrrads wird gezielt politisch mittels finanzieller Anreize gefördert. Personen, die für ihren Arbeitsweg das Rad nutzen, profitieren dort von einer steuerfreien Kilometerpauschale. Unternehmen sind über nationale Tarifverträge gesetzlich dazu verpflichtet, einen Mindestsatz von 0,35 Euro pro gefahrenen Kilometer an radelnde Angestellte auszuzahlen, was sich für aktive Pendler*innen auf mehr als dreitausend Euro netto im Jahr aufsummieren kann.

Fazit: den Wechsel leicht machen

Diese internationalen Praxisbeispiele zeigen ein breites Spektrum an Möglichkeiten, mit denen der (teilweise) Umstieg vom Automobil auf das Fahrrad im Sinne der Ressourcenschonung begünstigt werden kann. Anstelle einer Betrachtung von Push-Faktoren, die die Nutzung des Pkw unattraktiver machen sollen, standen Pull-Faktoren im Fokus, die die Vorteile des Fahrrads in den Mittelpunkt rücken und zur Geltung kommen lassen. So können positive Verstärker geschaffen werden, um die eingangs genannte Zielgruppe wechselwilliger Menschen dabei zu unterstützen, von Zeit zu Zeit das Auto aus eigenem Antrieb zugunsten des Rades stehenzulassen.