Gebäude nachhaltig mit Leben füllen: Potenziale der effektiveren Auslastung des Gebäudebestands – ein Gastbeitrag von Astrid Hake 

Hast du dir schon einmal vorgestellt, in einem ehemaligen Kloster zu wohnen? Die Berge und den Kochelsee im Blick? Im cohaus kloster schlehdorf könntest du dies realisieren. Dort entsteht seit 2018 eine Gemeinschaft der besonderen Art: Cluster-Wohnungen, Co-Working und Raum für Veranstaltungen versammeln sich unter dem Dach des ehemaligen Klosters.

Kirchengebäude in neuer Funktion

So wie das Kloster Schlehdorf gibt es tausende kirchliche Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion angesichts einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft und schwindenden Kirchenmitgliedszahlen verlieren. Schätzungen zufolge wird rund ein Drittel der 160.000 kirchlichen Liegenschaften bundesweit in den kommenden Jahrzehnten überflüssig. Es geht dabei nicht nur um Sakralbauten, sondern auch um Gemeindezentren, Pfarrhäuser oder Kitas. Es wird innerhalb der Kirchen intensiv diskutiert, welche Gebäudeflächen für die zukünftige kirchliche Arbeit noch benötigt, finanziert und erhalten werden können. Es werden zukünftige Bedarfe prognostiziert und langfristige Planungen angestellt.

An dem Transformationsprozess kirchlicher Liegenschaften werden die konkurrierenden Interessen und die Diskussion über die Bedeutung des Gebäudebestands und seiner Nutzung deutlich. Warum sich die Mühe machen und Nutzungskonzepte überdenken? Sollen die alten Gebäude nicht einfach abgerissen und durch energieeffizientere Neubauten ersetzt werden?

Flächenfraß und Ressourcenverbrauch im Gebäudesektor

Bauen und Wohnen bringen erhebliche Klima- und Umweltbelastungen mit sich. In Deutschland ist der Gebäudesektor für 40 Prozent der Treibhausgasemissionen, 55 Prozent des Abfallaufkommens und 50 Prozent der verarbeiteten Rohstoffe verantwortlich.[1] Jeden Tag wird die Fläche von etwa 26 Fußballfeldern durch die Errichtung von Neubauten versiegelt. Hinzu kommt der Flächenverbrauch durch Straßen und Plätze, die im Umfeld der Gebäude entstehen und weitere Umweltbelastungen mit sich bringen. Gleichzeitig führt das Wohnen vor allem in den Ballungszentren wieder zu sozialen Notlagen. Heizkosten und Mieten steigen, und die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist größer als das Angebot.

Mit dem sogenannten „Bau-Turbo“ setzt die Bundespolitik bislang vor allem auf die Ankurbelung des Neubaus als Antwort auf Wohnraumknappheit. Der Reflex ist verständlich, doch greift er zu kurz. Wesentlich nachhaltiger und sozial gerechter wäre es, zunächst die Potenziale im Gebäudebestand zu nutzen. Bundesweit haben 2022 laut Gebäude- und Wohnungszählung des Zensus mehr als 1,92 Millionen Wohnungen leer gestanden. Dies entspricht einem Anteil von 4,5 Prozent. Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an ungenutztem unsichtbarem Wohnraum. Dazu gehören zum Beispiel Zimmer in großen Wohnungen oder Einfamilienhäusern, die nicht mehr benötigt werden. Diese Räume könnten eine Lösung für den Wohnungsmarkt darstellen. Schätzungen zufolge könnten über das Ausschöpfen aller Möglichkeiten des unsichtbaren Wohnraums 100.000 Wohnungen geschaffen werden. Wohnraum ist im Bestand theoretisch ausreichend vorhanden, er ist nur ungleich verteilt und befindet sich nicht immer an dem Ort, wo er gebraucht wird.

Umnutzen statt Neubauen

Kreative Wohnlösungen, die bestehende Ungleichheiten und die erwartbaren demografischen Veränderungen in den Blick nehmen, sind deshalb gefragter denn je. Dazu zählen z. B. die Umnutzung von Büro- und Nutzgebäuden zu Wohnraum, die Aufstockung und Erweiterung von Wohn- und Nutzgebäuden oder die Unterteilung von Einfamilienhäusern in kleinere Wohneinheiten. Diese zusätzlichen Wohnungen entstehen mit deutlich geringerem Ressourceneinsatz als bei Neubauten[2] aufgrund der eingesparten „grauen“ Emissionen, die durch Herstellung von Materialien, Transport und Bau entstehen. Langfristig verursachen Sanierungen in den meisten Fällen weniger Emissionen als Neubauten. Oft können Bedarfe ohne energie- und materialintensive Baumaßnahmen erfüllt werden, z. B. durch Wohnungstausch-Angebote, Wohnformen mit Sharing-Konzepten, Mitnutzung bestehender Infrastruktur oder Mehrfachnutzungen, Aktivierung von Leerstand im ländlichen Raum, Untervermietung oder Formen gemeinschaftlichen Wohnens wie Wohnpartnerschaften und Mehrgenerationen-WGs.

Umbau rechnet sich auch wirtschaftlich. Untersuchungen zeigen, dass Aufstockungen oder Umnutzungen von Bürogebäuden im Vergleich zu einem konventionellen Neubau 28 Prozent bzw. 62 Prozent günstiger sind. Die Preisunterschiede werden wahrscheinlich hinsichtlich steigernder Bauzinsen, Problemen in den Lieferketten, veränderten Förderbedingungen, der allgemeinen Inflation sowie des Fachkräfte- und Materialmangels weiter steigen. Die bedarfsgerechte Versorgung mit Wohnraum im Quartier durch diese Möglichkeiten steigert zudem die soziale Stabilität und Wohnzufriedenheit. Gemeinschaftliche Wohnformen können ein Mittel gegen die Vereinsamung sein.

Wandel ermöglichen

Die Vorteile des Vorrangs für Bauen im Bestand liegen auf der Hand, viele Fachleute sehen darin einen Weg, schneller, ökologischer und günstiger Wohnraum zu schaffen. Es erfordert von Stadtplanung und Bauwirtschaft andere Instrumente als beim Neubau, bei dem vieles standardisiert ist. Stattdessen sind Analysefähigkeit, Problemlösungskompetenz und Improvisationsbereitschaft gefragt. Von der politischen Seite könnte eine effektivere Auslastung des Bestands unterstützt werden. Steuerungsmöglichkeiten gäbe es zahlreiche: von meldepflichtigem Leerstand, Wohnraumagenturen, Recht auf Wohnungstausch, Förderprogrammen bis hin zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Umbau erleichtern, wie etwa die Muster-Umbauordnung.

Es kommt in jüngster Zeit einiges bei dem Thema in Bewegung. Davon zeugen zahlreiche Tagungen, Diskussionsforen, Fachartikel, politische Forderungen von Netzwerken und nicht zuletzt 2023 die Gründung des Verbands Bauen im Bestand. Es entstehen neue Kooperationen und Netzwerke auch mit kirchlichen Institutionen wie der Arbeitskreis kirchliche Liegenschaften im Forum gemeinschaftliches Wohnen.

Ökologisch und sozial ein Gewinn

Innerhalb der Kirchen werden vielerorts kreative Nutzungskonzepte, Umbau- und Umnutzungen umgesetzt. Kooperationen mit kommunaler Verwaltung, Vereinen oder anderen Religionsgemeinschaften zur gemeinschaftlichen Entwicklung und Nutzung des Gebäudebestands kommen dabei in den Blick und stellen eine Möglichkeit dar, die Gebäude im Bestand zu halten. Die Stiftung KiBa, die sich für den Erhalt von Kirchbauten einsetzt, lässt der Fantasie freien Lauf, wie Kirchräume genutzt werden könnten. Die Palette ist vielfältig und umfasst ebenso die Einrichtung eines Repair-Cafés, einer Paketstation oder einer Herbergsunterkunft wie die Durchführung von Tanzveranstaltungen oder Trampolinspringen. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche mag in unserer säkularisierten Gesellschaft rückläufig sein, aus baukultureller Sicht prägen die Kirchgebäude unsere Wahrnehmung vom öffentlichen Raum. Zwischen Wohnung und Arbeit dienen sie als dritte oder vierte Orte, die Räume für Begegnung und Gemeinschaft anbieten. Wenn sich Gemeinden für einen Umbau oder eine Umnutzung entscheiden, kommen vielfältige Möglichkeiten zustande: vom Wohnen, Tanz- und Theatersälen, Stadtteilzentren, Cafés und Begegnungstätten, sozialen Einrichtungen bis hin zu Werkstätten. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gebäude erhalten bleiben und einer gemeinwohlorientierten Nutzung übergeben werden, um auch dem Anspruch an Kirche gerecht zu werden „Gebäude nachhaltig mit Leben füllen!“.

Astrid Hake ist Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung und Unternehmensverantwortung. Sie arbeitet als politische Referentin im bundesweiten kirchlichen Bündnis „Eine Erde. Das ökumenische Netzwerk“, das sich für die sozial-ökologische Transformation in Kirche, Politik und Gesellschaft einsetzt. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Suffizienz.

Literatur

[1] Bauwende Allianz (aufgerufen am 04.03.2026).

[2] Fuhrhop, Daniel (2023): Der unsichtbare Wohnraum, Bielefeld: transcript.

Der ökologische Handabdruck

Konzepte wie der Ökologische oder der CO₂‑Fußabdruck sind immer mehr Menschen ein Begriff. Sie zeigen die ökologischen Konsequenzen unserer Lebens- und Konsumgewohnheiten und dienen als Maßstab dafür, wie sich unser individueller Lebensstil auf das Klima auswirkt. Eine ganze Reihe von Tools wie bspw. der CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes oder der Kalkulator des Global Footprint Networks machen es möglich, per Klick die eigenen Umweltauswirkungen zu erfassen. Anhand der Auswertungsübersichten können sich Interessierte mit dem nationalen oder sogar globalen Durchschnitt vergleichen und gleichzeitig Bereiche und Tätigkeiten erkennen, die besonders ressourcenintensiv sind. 

In den allermeisten Fällen liegt der Ressourcenverbrauch von Menschen aus Ländern des Globalen Nordens dabei mehr oder weniger deutlich oberhalb dessen, was mit einer nachhaltigen Lebensweise auf unserem Planeten vereinbar ist. Dies zeigt der im Zeitverlauf immer weiter an den Jahresanfang rückende Erdüberlastungstag anschaulich.

Quelle: RCraig09, Earth Overshoot Day, online unter: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61539157#/media/File:1971-_Earth_Overshoot_Day_-_line_chart.svg, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Konzept des Erdüberlastungstags markiert dabei den Tag des Jahres, an dem alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht wurden, die uns die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann. Letztes Jahr war dieser Punkt auf globaler Ebene bereits am 24. Juli erreicht. Jedoch variieren die Konsummöglichkeiten und Lebensweisen von Menschen in verschiedenen Ländern erheblich. Würden alle Menschen der Erde so leben wie die Einwohner*innen Deutschlands, würde der Erdüberlastungstag schon am 10. Mai, im Falle Kolumbiens dagegen erst am 1. Oktober erreicht werden. 

Mehr als individueller Verzicht – der ökologische Handabdruck

Wenn sich Personen mit dem Thema „Ressourcenverbrauch“ auseinandersetzen und eines der diversen Berechnungstools ungeschönt ausfüllen, kann ein deprimierendes Bild entstehen: Der eigene Bedarf ist deutlich zu hoch und der individuelle Handlungsspielraum begrenzt.

Um neue Kraft zu schöpfen, kann sich ein Perspektivwechsel anbieten. Anstelle bloß auf die verursachten Ressourcenverbräuche zu schauen, werden zusätzlich persönliche Anstrengungen im Sinne der Nachhaltigkeit berücksichtigt. Auch alltägliche Suffizienzmaßnahmen erscheinen dabei in einem anderen Licht, denn im Mittelpunkt steht nun weniger das, worauf man verzichtet. Vielmehr geht es um das, was man alleine, aber vor allem gemeinsam mit anderen verändert und verbessert. Die Rede ist an dieser Stelle vom ökologischen Handabdruck. Er wurde von der indischen Bildungseinrichtung Centre for Environmental Education entwickelt. Das Konzept hilft dabei, das eigene Engagement sichtbar zu machen – sei es im persönlichen Umfeld oder durch politische Mitgestaltung. Während der ökologische Fußabdruck didaktisch den Fokus auf Ursachentransparenz und Vermeidungspotentiale legt, steht der Handabdruck symbolisch für Gestaltungswillen und Machbarkeit. 

Den eigenen Handabdruck vergrößern – ein Plädoyer für mehr gemeinsame Lösungen

Die Vergrößerung des eigenen Handabdrucks kann dabei auf vielerlei Wegen erfolgen. Es ist ebenso die politische Unterstützung einer sozial-ökologischen Petition wie die Sachspende für den örtlichen Stadtgarten oder die finanzielle Unterstützung einer Klimaschutz-Initiative. 

Der ökologische Handabdruck betont dabei den Mehrwert, den wir gemeinsam mit und für andere erreichen können. Er kann sowohl dazu beitragen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken als auch ressourcenschonende Alternativen zu erproben, die einem alleine verschlossen bleiben. Ein gutes Beispiel dafür ist die Organisation von Fahrgemeinschaften in Regionen mit einem ausgedünnten ÖPNV-Netz. Erst durch die Abstimmung mit anderen wird es möglich, die eigene ökologische Mobilitätsbilanz dauerhaft zu verbessern und das kommunale PKW-Aufkommen auf den Straßen zu vermindern. Nebenbei hat es noch weitere Vorteile: Man ist häufiger Beifahrer*in, lernt in Gesprächen die Mitfahrenden besser kennen und kommt entspannter an. Auch Fahrgemeinschaften zwischen Eltern bieten in dieser Hinsicht Vorteile: Sie entlasten die Umwelt infolge eines sinkenden PKW-Aufkommens und helfen zugleich, alle beruflichen und familiären Tagesaufgaben unter einen Hut zu bekommen. Ein anderes Beispiel ist die Verschwendung von Lebensmitteln: Auf individueller Ebene lässt sich durch weitsichtiges Einkaufen und eine strukturierte Nahrungsmittelverwertung persönlich vermeiden, dass Lebensmittel in großer Menge in den Müll wandern. Berücksichtigt man jedoch die immensen Mengen an Nahrungsmitteln, die bereits im Einzelhandel entsorgt werden, wird schnell klar, dass gemeinsam mit anderen noch deutlich mehr möglich ist. Folgerichtig haben sich aus diesem Grundgedanken an vielen Orten ehrenamtliche Foodsharing-Initiativen gebildet, die sich immer über Mitstreiter*innen freuen. Und falls es in einem Ort noch kein entsprechendes Angebot gibt, ist es sicherlich an der Zeit, dem Abhilfe zu schaffen. 

Dies sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass Suffizienz- und Nachhaltigkeitsbemühungen nicht auf die individuelle Ebene begrenzt sein sollten. Falls der eine oder andere sich nun fragt, welche Möglichkeiten es noch gibt, um seinen ökologischen Handabdruck zu vergrößern, dem sei diese Infoseite von Germanwatch mit vielen Anregungen wärmstens empfohlen.

Fazit 

Der ökologische Fuß- und Handabdruck sind interessante, sich ergänzende Konzepte zur nachhaltigen Ausrichtung unseres Alltagshandelns. Einerseits sehen wir das Ausmaß unseres Ressourceneinsatzes und unsere Verbindlichkeiten gegenüber der Umwelt. Andererseits liefert der ökologische Handabdruck Inspirationen, um gemeinsam mit anderen ins Handeln zu kommen und einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten. Dabei ist es wie mit vielen anderen Dingen im Leben auch: Zusammen macht es einfach mehr Spaß.

Wenn das Klima kippt: zur Rolle der Suffizienz

Es steht außer Frage, dass der Klimawandel kein fernes Zukunftsszenario mehr ist, sondern längst unsere Gegenwart prägt: Temperaturen steigen, Extremwetter häufen sich, Gletscher schmelzen. Während frühere Klimaschwankungen teils natürliche Ursachen hatten, ist die heutige Erderwärmung eindeutig menschengemacht. Durch die Verbrennung enormer Mengen fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas gelangen riesige Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre und treiben die Erwärmung weiter an. Seit Langem warnen Forschende davor, dass das Klima ein sensibles, komplexes System ist, das abrupt und dauerhaft kippen kann. Diese Kipppunkte lassen sich als kritische Schwellenwerte beschreiben, bei dessen Überschreitung ein Teil des Erdsystems plötzlich und meist unumkehrbar in einen neuen Zustand übergeht – mit tiefgreifenden Folgen für das Leben auf der Erde. Einmal ausgelöst, lassen sich diese Prozesse kaum oder gar nicht mehr stoppen. Im kürzlich veröffentlichtem „Global Tipping Points Report 2025“ haben über 150 Forschende die Kipppunkte des Erdsystems untersucht – mit alarmierenden Ergebnissen.

Die rote Linie des Klimasystems

Je stärker sich die Erde erwärmt, desto näher rückt die Gefahr, dass kritische Kipppunkte des Erdsystems erreicht oder überschritten werden. Forschende haben bereits eine Vielzahl an Kippelementen identifiziert, darunter der Amazonas-Regenwald, die Eisschilde an den Polkappen und Korallenriffe. Im neuen Kipppunkte-Bericht wurde nun deutlich, dass viele Warmwasser-Korallenriffe ihren Kipppunkt bereits erreicht haben und in den nächsten Jahrzehnten drohen, großflächig abzusterben. Darüber hinaus wird davor gewarnt, dass die Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze weitere Kipppunkte im Erdsystem auslösen könnte. Dies kann langfristig einen Meeresspiegelanstieg und gravierende Folgen für Küsten, Klima und das Leben von Millionen Menschen weltweit bedeuten. Trotz dieser Entwicklungen gibt es auch einen Hoffnungsschimmer: die sogenannten positiven Kipppunkte

Positive Kipppunkte verstehen und gestalten

Positive Kipppunkte sind Entwicklungen, die die Wende zu einer nachhaltigen Zukunft möglich machen: Beispielsweise boomen regenerative Energieerzeugungsformen weltweit. Sie werden immer günstiger und verdrängen zunehmend fossile Brennstoffe. Solche selbstverstärkenden nachhaltigen Veränderungen können helfen, das Klima zu stabilisieren und damit den Klimawandel abzubremsen. Doch was benötigt es, um solche positiven Kipppunkte auszulösen und ihre Wirkung zu verstärken?

Maßgeblich sind klare politische Richtlinien für klimafreundlichere Technologien. Es braucht einen politischen Rahmen, der das Auftreten positiver Kipppunkte nicht nur erlaubt, sondern aktiv fördert und fordert. Doch der Bericht macht auch klar, dass politische Maßnahmen und das Vertrauen in technologische Innovationen allein nicht ausreichen. So muss auch der Wirkung von sozialen Dynamiken eine zentrale Rolle auf dem Weg zu einer langfristig klimafreundlichen Zukunft zugeschrieben werden. Aus dem Global Tipping Points Report geht hervor, dass soziale Dynamiken dazu führen können, positive soziale Rückkopplungen hin zu einer klimafreundlicheren Lebensweise anzustoßen. Neben dem aktiven gesellschaftlichen Engagement als Wirkungshebel auf politische Entscheidungsprozesse lassen sich auch zentrale Prinzipien der Suffizienz im Bericht wiedererkennen.

Der persönliche Beitrag zum Klimaschutz: Suffizienz im Alltag verankern

Großflächige Effizienzgewinne und eine zirkuläre Verwendung von Rohstoffen sind wichtige Voraussetzungen, um als Gesellschaft den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu senken. Doch sollte dies nicht verdecken, dass auch auf der persönlichen Ebene große Einsparpotentiale bestehen. Ressourcensparende Verhaltensänderungen können zudem kostengünstig und schnell mittels relativ einfacher Maßnahmen freigesetzt werden, wie die nachfolgende Abbildung des Kompetenzzentrums Nachhaltiger Konsum zeigt:

Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann bis zu einer halben Tonne Treibhausgase einsparen. Auch der Verzicht auf einen spontanen Hin- und Rückflug von Berlin nach Rom für ein romantisches Wochenende spart knapp eine halbe Tonne CO₂ ein. Wer regelmäßig für den Weg zur Arbeit oder Kita auf das Auto verzichtet, setzt einen weiteren Big Point um. 

Suffizienz kann so schrittweise zu einem selbstverstärkenden Prozess werden, indem nachhaltige Lebensstile nicht mehr als Einschränkung, sondern als neue Normalität wahrgenommen werden. Je stärker suffizientes Verhalten jedoch zur neuen gesellschaftlichen Norm wird, umso mehr erhöht dies auch den Druck auf Politik und Märkte, sich mit Maßnahmen bzw. Angeboten im Sinne nachhaltiger Lebensweisen zu befassen. 

Laut Global Tipping Points Report 2025 sind es genau diese einfachen Anpassungen, die das größte Potenzial haben, positive Kipppunkte zu erzeugen. Die positiven Auswirkungen sind potentiell enorm: Immerhin zeigt die Abbildung, dass bereits mit den Big-Point-Maßnahmen eine Halbierung des durchschnittlichen CO₂-Fußabdrucks möglich ist. Würde jede*r der rund 50 Millionen erwachsenen Bundesbürger*innen rund 5 Tonnen Treibhausgase jährlich einsparen, wären das gigantische 250 Millionen Tonnen jedes Jahr. Der Versuch lohnt sich also, im Freundes- und Bekanntenkreis darüber zu reden. 

Was kippt zuerst, das Klima oder wir?

Der Bericht macht deutlich: Wir stehen an einer Schwelle, an der über die Zukunft entschieden wird. Wie diese Zukunft aussehen wird, liegt bei uns und den Entscheidungen, die wir heute treffen – auf persönlicher ebenso wie auf hochrangiger politischer Ebene. Auf Letzterer steht in wenigen Tagen eine neue Verhandlungsrunde an: Vom 10. bis 21. November 2025 findet in der brasilianischen Stadt Belém im Herzen des Amazonasgebiets die 30. Weltklimakonferenz statt. Zum Wohle der Weltgemeinschaft ist zu hoffen, dass von diesem besonderen Ort ein neuer Wind für den Klimaschutz ausgeht. 

Junge Menschen für Suffizienz begeistern

Jugendliche

Digitale Anwendungen können neue Wege eröffnen, um den eigenen Ressourcenverbrauch sichtbar zu machen und konkrete Alternativen zu erproben. Interaktive Selbsttests helfen, individuelle Konsummuster einzuordnen, deren Umweltauswirkungen in Zahlen zu fassen und dadurch persönliche Handlungsspielräume nachvollziehbar zu machen. Ein bekanntes Beispiel ist der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes, mit dem Nutzer*innen ihren CO2-Fußabdruck bspw. bei einer Flugreise ermitteln können. Eine stärker ganzheitlich auf das Thema Suffizienz ausgerichtete Alternative ist der SuffizienzCheck des ifeu, über den hier berichtet wird. In diesem Beitrag steht nun der schulische Fokus und die Lebenswirklichkeit junger Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Suffizienz entdecken 

Mit Unterstützung des Umweltbundesamtes und dem Umweltministerium hat die Deutsche Umweltstiftung 2020 die Suffizienzdetektive entwickelt: suffizienzdetektive.de

Es handelt sich um eine multimediale Internetseite für junge Menschen, die auf spielerische und leicht zugängliche Weise erklärt, was es bedeutet, die eigene Lebens- und Freizeitgestaltung ressourcenschonend vorzunehmen und wie dies im Alltag gelingen kann.

In einem Prozess des Erforschens und Entdeckens können die jungen Nutzer*innen mehr über die Methoden erfahren, mit denen sie das Prinzip der Suffizienz in ihr Leben integrieren können. Auf der Internetseite finden sich dazu neben vielen Tipps und Tricks auch Poetry Slams, Videos und ein Browsergame, bei dem die junge Emma durch die vielfältig auftretenden Dilemma einer suffizienten Lebensgestaltung geführt werden muss. Auf diese Weise verbindet die Internetseite spielerischen Wissenserwerb mit der Einladung zur kritischen Selbstreflexion und persönlichen Veränderung.

Browsergame „Emma im Dilemma“

Ein kleiner Hinweis für Lehrkräfte 

Die Internetseite ist auch hervorragend geeignet, um das Thema in den Unterricht oder einen Projekttag zu integrieren. Sie enthält dazu diverse Unterrichtsmaterialien, um Schüler*innen mit dem Thema Nachhaltigkeit allgemein und insbesondere Suffizienz vertraut zu machen.

Lehrkräfte können kostenlos einen Ablaufplan für eine videogestützte Unterrichtseinheit herunterladen. Die Videos sind bewusst auf junge Menschen und ihre Alltagswirklichkeit zugeschnitten. Dabei werden Themen wie der eigene Lebensstil, die persönliche Ernährung, der Umgang mit elektronischen Geräten oder Kleidung sowie das eigene Mobilitätsverhalten betrachtet. Experteninterviews und ein Audioguide zur suffizienteren Gestaltung des schulischen Alltags runden das Angebot ab.

Suffizienz im eigenen Leben verankern

Sicherlich: Damit sich Menschen suffizient verhalten können, braucht es zukünftig noch mehr politische Weichenstellungen und entsprechende Angebote. Dennoch sollte dies keine Ausrede sein, um das eigene Verhalten nicht kritisch reflektieren zu müssen. Denn oft lassen sich suffiziente Veränderungen im persönlichen Kontext bereits heute mit kleinen Maßnahmen erreichen. Digitale Anwendungen wie der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes, der SuffizienzCheck des ifeu oder die Suffizienzdetektive helfen dabei – egal, ob jung oder alt.

SuffizienzCheck

Nachhaltigkeit steht bei vielen Menschen hoch im Kurs. Tipps, wie man sich entsprechend verhält, und illustrierende alltagsnahe Beispiele wurden bis vor einigen Jahren zumeist in Form von Broschüren und Ratgebern verbreitet. Im Zeitalter der Digitalisierung tritt an diese Stelle verstärkt ein digitales Angebot mit Informationsportalen und zunehmend auch interaktiv bzw. spielerisch gestalteten Apps. 

Ein großer Vorteil ist dabei, dass diese Anwendungen häufig die Eingabe eigener Daten erlauben. Dies ermöglicht es Nutzer*innen, binnen von Minuten einen quantifizierten Eindruck ihrer persönlichen Lebenssituation zu erhalten. Das vermutlich bekannteste Beispiel für eine derartige Anwendung ist der CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes, mit dem Nutzer*innen ihren CO₂-Fußabdruck bestimmen und so bspw. die Klimawirkung ihrer Flugreise ermitteln können. 

In diesem Beitrag soll ein anderes Beispiel im Fokus stehen: der SuffizienzCheck. Er wurde vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts „SuPraStadt II – Lebensqualität, Teilhabe und Ressourcenschonung durch soziale Diffusion von Suffizienzpraktiken in Stadtquartieren” entwickelt. 

Ernährung, Reisen, Wohnen 

Das Besondere an der Anwendung ist der Fokus auf ressourcenschonende Lebensstile. Die Anwendung erlaubt es User*innen anonym, die eigenen Mobilitätsmuster, die aktuelle Wohnsituation und die persönliche Ernährung hinsichtlich des Grads an Suffizienz binnen weniger Minuten abzuschätzen. Dazu führt das Programm den oder die Anwender*in durch einen themenspezifischen Fragebogen, um die relevanten Eckpunkte zu ermitteln. So werden bspw. zur Ermittlung des Nutzerprofils bei der Wohnsituation die Eigentumsverhältnisse (Miete, Eigentum), die Quadratmeter, Zimmer- und Personenanzahl des Haushalts abgefragt. Auf Basis dessen wird sodann eine relative Bewertung im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt generiert und darüber hinaus ein anzustrebender Optimalwert als Richtwert unter Berücksichtigung globaler Gerechtigkeitserwägungen generiert. 

Im Bereich „Reisen” können die ökologischen Auswirkungen privater und dienstlich bedingter Mobilität ermittelt werden. Dabei verdeutlicht die Anwendung per Klick grafisch anschaulich die unterschiedlichen Treibhausgasemissionen und den relativen Anteil von Reise- und Aufenthaltszeit. Letzteres wird dabei der allgemeinen Grundeinstellung zuwiderlaufend nicht zwingend negativ verstanden, sondern als ein Indikator der Entschleunigung interpretiert. So kann durch die Brille der Suffizienz betrachtet, ein längerer Reiseweg bereits ungeachtet der ökologischen Vorteile erstrebenswert sein, wenn er positive Erlebnisse, Erholung oder Spaß fördert. Das altbekannte Sprichwort „Der Weg ist das Ziel” erscheint hier in neuem Gewand. 

In der dritten Kategorie steht die persönliche Ernährung im Vordergrund. Nutzer*innen können aus einer Vielzahl von Menükomponenten repräsentative Mahlzeiten bestehend aus einer Hauptkomponente, zwei Beilagen und einer Nachspeise kreieren. Optional können zudem bereits praktizierte Maßnahmen ausgewählt werden, die der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken, wie bspw. die Beteiligung an lokalen Foodsharingprojekten. Anschließend erhalten die Nutzer*innen Informationen hinsichtlich der damit einhergehenden Treibhausgasemissionen. 

Ein alltagsnaher Begleiter

Eine ganze Reihe von Dingen macht den SuffizienzCheck zu einer rundum gelungenen Anwendung.

  1. Visualisierte Soll-Ist-Vergleiche

Die Anwendung bietet für alle Bereiche grafische Elemente, die die ermittelten Werte veranschaulichen, sei es die relative Größe der eigenen Wohnung zum bundesweiten Durchschnitt oder die Klimarelevanz unterschiedlicher Nahrungsmittel. 

  1. Konkrete Tipps

Anders als andere Anwendungen endet der Prozess nicht bei der quantitativen Darstellung. Ergänzend erfolgt eine qualitative Einordnung, die das Konsummuster einordnet und alltagsnahe Tipps gibt, wie das eigene Verhalten noch ressourcenschonender gestaltet werden könnte.

  1. Vermittlung von Hintergrundwissen

An vielen Stellen erfahren User*innen mit kompakten Informationsblöcken mehr zum Thema Suffizienz allgemein bzw. bezogen auf die Bereiche Ernährung, Reisen und Wohnen. Dabei ist der Tenor betont sachlich und informativ. Für Neugierige bieten weiterführende Links die Möglichkeit, tiefer in die Materie einzusteigen.   

Abschließend bleibt zu sagen: Checken Sie hier Ihre Suffizienz.