Hast du dir schon einmal vorgestellt, in einem ehemaligen Kloster zu wohnen? Die Berge und den Kochelsee im Blick? Im cohaus kloster schlehdorf könntest du dies realisieren. Dort entsteht seit 2018 eine Gemeinschaft der besonderen Art: Cluster-Wohnungen, Co-Working und Raum für Veranstaltungen versammeln sich unter dem Dach des ehemaligen Klosters.
Kirchengebäude in neuer Funktion
So wie das Kloster Schlehdorf gibt es tausende kirchliche Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion angesichts einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft und schwindenden Kirchenmitgliedszahlen verlieren. Schätzungen zufolge wird rund ein Drittel der 160.000 kirchlichen Liegenschaften bundesweit in den kommenden Jahrzehnten überflüssig. Es geht dabei nicht nur um Sakralbauten, sondern auch um Gemeindezentren, Pfarrhäuser oder Kitas. Es wird innerhalb der Kirchen intensiv diskutiert, welche Gebäudeflächen für die zukünftige kirchliche Arbeit noch benötigt, finanziert und erhalten werden können. Es werden zukünftige Bedarfe prognostiziert und langfristige Planungen angestellt.
An dem Transformationsprozess kirchlicher Liegenschaften werden die konkurrierenden Interessen und die Diskussion über die Bedeutung des Gebäudebestands und seiner Nutzung deutlich. Warum sich die Mühe machen und Nutzungskonzepte überdenken? Sollen die alten Gebäude nicht einfach abgerissen und durch energieeffizientere Neubauten ersetzt werden?
Flächenfraß und Ressourcenverbrauch im Gebäudesektor
Bauen und Wohnen bringen erhebliche Klima- und Umweltbelastungen mit sich. In Deutschland ist der Gebäudesektor für 40 Prozent der Treibhausgasemissionen, 55 Prozent des Abfallaufkommens und 50 Prozent der verarbeiteten Rohstoffe verantwortlich.[1] Jeden Tag wird die Fläche von etwa 26 Fußballfeldern durch die Errichtung von Neubauten versiegelt. Hinzu kommt der Flächenverbrauch durch Straßen und Plätze, die im Umfeld der Gebäude entstehen und weitere Umweltbelastungen mit sich bringen. Gleichzeitig führt das Wohnen vor allem in den Ballungszentren wieder zu sozialen Notlagen. Heizkosten und Mieten steigen, und die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist größer als das Angebot.
Mit dem sogenannten „Bau-Turbo“ setzt die Bundespolitik bislang vor allem auf die Ankurbelung des Neubaus als Antwort auf Wohnraumknappheit. Der Reflex ist verständlich, doch greift er zu kurz. Wesentlich nachhaltiger und sozial gerechter wäre es, zunächst die Potenziale im Gebäudebestand zu nutzen. Bundesweit haben 2022 laut Gebäude- und Wohnungszählung des Zensus mehr als 1,92 Millionen Wohnungen leer gestanden. Dies entspricht einem Anteil von 4,5 Prozent. Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an ungenutztem unsichtbarem Wohnraum. Dazu gehören zum Beispiel Zimmer in großen Wohnungen oder Einfamilienhäusern, die nicht mehr benötigt werden. Diese Räume könnten eine Lösung für den Wohnungsmarkt darstellen. Schätzungen zufolge könnten über das Ausschöpfen aller Möglichkeiten des unsichtbaren Wohnraums 100.000 Wohnungen geschaffen werden. Wohnraum ist im Bestand theoretisch ausreichend vorhanden, er ist nur ungleich verteilt und befindet sich nicht immer an dem Ort, wo er gebraucht wird.
Umnutzen statt Neubauen
Kreative Wohnlösungen, die bestehende Ungleichheiten und die erwartbaren demografischen Veränderungen in den Blick nehmen, sind deshalb gefragter denn je. Dazu zählen z. B. die Umnutzung von Büro- und Nutzgebäuden zu Wohnraum, die Aufstockung und Erweiterung von Wohn- und Nutzgebäuden oder die Unterteilung von Einfamilienhäusern in kleinere Wohneinheiten. Diese zusätzlichen Wohnungen entstehen mit deutlich geringerem Ressourceneinsatz als bei Neubauten[2] aufgrund der eingesparten „grauen“ Emissionen, die durch Herstellung von Materialien, Transport und Bau entstehen. Langfristig verursachen Sanierungen in den meisten Fällen weniger Emissionen als Neubauten. Oft können Bedarfe ohne energie- und materialintensive Baumaßnahmen erfüllt werden, z. B. durch Wohnungstausch-Angebote, Wohnformen mit Sharing-Konzepten, Mitnutzung bestehender Infrastruktur oder Mehrfachnutzungen, Aktivierung von Leerstand im ländlichen Raum, Untervermietung oder Formen gemeinschaftlichen Wohnens wie Wohnpartnerschaften und Mehrgenerationen-WGs.
Umbau rechnet sich auch wirtschaftlich. Untersuchungen zeigen, dass Aufstockungen oder Umnutzungen von Bürogebäuden im Vergleich zu einem konventionellen Neubau 28 Prozent bzw. 62 Prozent günstiger sind. Die Preisunterschiede werden wahrscheinlich hinsichtlich steigernder Bauzinsen, Problemen in den Lieferketten, veränderten Förderbedingungen, der allgemeinen Inflation sowie des Fachkräfte- und Materialmangels weiter steigen. Die bedarfsgerechte Versorgung mit Wohnraum im Quartier durch diese Möglichkeiten steigert zudem die soziale Stabilität und Wohnzufriedenheit. Gemeinschaftliche Wohnformen können ein Mittel gegen die Vereinsamung sein.
Wandel ermöglichen
Die Vorteile des Vorrangs für Bauen im Bestand liegen auf der Hand, viele Fachleute sehen darin einen Weg, schneller, ökologischer und günstiger Wohnraum zu schaffen. Es erfordert von Stadtplanung und Bauwirtschaft andere Instrumente als beim Neubau, bei dem vieles standardisiert ist. Stattdessen sind Analysefähigkeit, Problemlösungskompetenz und Improvisationsbereitschaft gefragt. Von der politischen Seite könnte eine effektivere Auslastung des Bestands unterstützt werden. Steuerungsmöglichkeiten gäbe es zahlreiche: von meldepflichtigem Leerstand, Wohnraumagenturen, Recht auf Wohnungstausch, Förderprogrammen bis hin zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Umbau erleichtern, wie etwa die Muster-Umbauordnung.
Es kommt in jüngster Zeit einiges bei dem Thema in Bewegung. Davon zeugen zahlreiche Tagungen, Diskussionsforen, Fachartikel, politische Forderungen von Netzwerken und nicht zuletzt 2023 die Gründung des Verbands Bauen im Bestand. Es entstehen neue Kooperationen und Netzwerke auch mit kirchlichen Institutionen wie der Arbeitskreis kirchliche Liegenschaften im Forum gemeinschaftliches Wohnen.
Ökologisch und sozial ein Gewinn
Innerhalb der Kirchen werden vielerorts kreative Nutzungskonzepte, Umbau- und Umnutzungen umgesetzt. Kooperationen mit kommunaler Verwaltung, Vereinen oder anderen Religionsgemeinschaften zur gemeinschaftlichen Entwicklung und Nutzung des Gebäudebestands kommen dabei in den Blick und stellen eine Möglichkeit dar, die Gebäude im Bestand zu halten. Die Stiftung KiBa, die sich für den Erhalt von Kirchbauten einsetzt, lässt der Fantasie freien Lauf, wie Kirchräume genutzt werden könnten. Die Palette ist vielfältig und umfasst ebenso die Einrichtung eines Repair-Cafés, einer Paketstation oder einer Herbergsunterkunft wie die Durchführung von Tanzveranstaltungen oder Trampolinspringen. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche mag in unserer säkularisierten Gesellschaft rückläufig sein, aus baukultureller Sicht prägen die Kirchgebäude unsere Wahrnehmung vom öffentlichen Raum. Zwischen Wohnung und Arbeit dienen sie als dritte oder vierte Orte, die Räume für Begegnung und Gemeinschaft anbieten. Wenn sich Gemeinden für einen Umbau oder eine Umnutzung entscheiden, kommen vielfältige Möglichkeiten zustande: vom Wohnen, Tanz- und Theatersälen, Stadtteilzentren, Cafés und Begegnungstätten, sozialen Einrichtungen bis hin zu Werkstätten. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gebäude erhalten bleiben und einer gemeinwohlorientierten Nutzung übergeben werden, um auch dem Anspruch an Kirche gerecht zu werden „Gebäude nachhaltig mit Leben füllen!“.
Astrid Hake ist Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung und Unternehmensverantwortung. Sie arbeitet als politische Referentin im bundesweiten kirchlichen Bündnis „Eine Erde. Das ökumenische Netzwerk“, das sich für die sozial-ökologische Transformation in Kirche, Politik und Gesellschaft einsetzt. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Suffizienz.
Literatur
[1] Bauwende Allianz (aufgerufen am 04.03.2026).
[2] Fuhrhop, Daniel (2023): Der unsichtbare Wohnraum, Bielefeld: transcript.






