Forschungsprojekt „Digitale Suffizienz“

Die Schnelllebigkeit unserer Konsumgesellschaft spiegelt sich heutzutage deutlich in der Smartphone-Nutzung wider. Ständig kommen neue Modelle auf den Markt, die ältere Versionen ersetzen sollen. In der Folge tauschen die Deutschen ihr Smartphone durchschnittlich nach nur zwei Jahren gegen ein neueres Modell aus. Laut Verbraucherzentrale befinden sich deshalb rund 124 Millionen Altgeräte in deutschen Haushalten. Die in ihnen verbauten Rohstoffe sind knapp und wertvoll. Außerdem gilt ihr Abbau als umweltschädlich. Und nicht nur das: Auch die Nutzung und Entsorgung von elektronischen Geräten können schlecht für die Umwelt sein.

Mit dieser Problematik befasst sich das Forschungsprojekt „Digitale Suffizienz“ der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZAHW). Ziel des Projektes war es, herauszufinden, wie die Digitalisierung zum Erreichen der Umweltziele beitragen kann. Vordergründig war die Förderung des suffizienten Smartphone-Konsums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Im ersten Schritt des Forschungsprojektes wurde eine repräsentative Befragung sogenannter „Digital Natives“ zwischen 12 und 25 Jahren durchgeführt. Dabei kam heraus, dass nahezu alle Befragten ein Smartphone besaßen und Dreiviertel von ihnen es alle zwei Jahre gegen ein neues Modell austauschten. Durchschnittlich verbrachten die Befragten täglich drei Stunden mit ihrem Smartphone, doch nur wenige waren sich den ökologischen Folgen ihres Konsumverhaltens bewusst.

Daraufhin untersuchte die Forschungsgruppe „Ökobilanz“ der ZAHW die Umweltfolgen von Herstellung und Nutzung von Smartphones. Sie kamen zu dem Schluss, dass insbesondere die Herstellung und die kurze Lebensdauer der Geräte der Umwelt schaden. Die Kurzlebigkeit verschwende nämlich wertvolle Ressourcen wie Kobalt, Silber und Gold. Die tatsächliche Nutzung des Smartphones sei zwar etwas weniger schädlich, doch insbesondere das Streamen von Filmen und Serien habe einen hohen Energieverbrauch. Bewusstere und längerfristige Nutzung von Geräten sei daher nötig, um die Umweltbelastungen zu reduzieren.

In diesem Zusammenhang stellten sich die Forscher*innen die Frage, wie Jugendliche und junge Erwachsene zu einem suffizienten Smartphone-Konsum angeregt werden können. Dazu entwickelten sie die Online-Kampagne „ugphone“ (Abbildung 1), die über eine eigene Webseite, soziale Netzwerke und mit Unterstützung von Influencern verbreitet wurde. Im Rahmen der Kampagne wurde das gleichnamige, nachhaltige Smartphone vorgestellt. Es besteht aus recyceltem Aluminium und Bio-Kautschuk und ist mit nur einer Taste sowie einem kleinen Bildschirm ausgestattet. Dies soll potenzielle Schäden minimieren. Außerdem bietet es die Möglichkeit mit einer Kurbel eigenen Ökostrom zu generieren. Das „ugphone“ erweist sich zwar als umweltfreundliche Alternative, ist in der Nutzung aber als extrem unpraktisch.

Abbildung 1: Das nachhaltige „ugphone“. Quelle: Spinas Civil Voices / ZHAW / myblueplanet.

Das „ugphone“ als humorvolle „Drohkulisse“ sollte die Jugendlichen dazu ermutigen die Lebensdauer ihres Smartphones zu verlängern, damit die tatsächliche Einführung des „ugphones“ nicht nötig ist. Auf der Kampagnenwebsite konnten sie das Versprechen abgeben ihr Handy mindestens drei Jahre lang zu nutzen.

Die abschließende Evaluation des Forschungsprojektes ergab, dass die Kampagne einen insgesamt positiven Effekt auf die Teilnehmenden hatte und Aufmerksamkeit für das Thema digitale Suffizienz erzeugen konnte. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie durch die Kampagne zum Nachdenken über die Umweltfolgen ihres Konsum- und Nutzungsverhaltens angeregt wurden. Außerdem gaben über 200 Personen das Versprechen ab, ihr Smartphone mindestens drei Jahre zu verwenden.

Im Rahmen weiterführender Forschungen entwickeln die Forscher*innen der ZAHW aktuell Konzepte zur Lebenszeitverlängerung von mobilen Endgeräten. Mit Lösungen, die sowohl für Konsumenten als auch für Produzenten attraktiv sind, wollen sie den Lebenszyklus von Smartphones nachhaltiger gestalten.

Quellen:
Stiftung Mercator Schweiz (2018): Digitale Suffizienz. URL: https://www.stiftung-mercator.ch/de/projekte/digitale-suffizienz/.
Verbraucherzentrale (2020): Handy und Smartphone reparieren, verkaufen oder spenden. URL: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/umwelt-haushalt/nachhaltigkeit/handy-und-smartphone-reparieren-verkaufen-oder-spenden-8198.
Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (2018): Forschungsdatenbank: Digitale Suffizienz – Förderung einer öko-suffizienten und -effizienten Nutzung digitaler Medien. URL: https://www.zhaw.ch/no_cache/de/forschung/forschungsdatenbank/projektdetail/projektid/1389/.
Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (2018): Digitale Suffizienz: Ressourcenleichter mit digitalen Medien umgehen. URL: https://projektdaten.zhaw.ch/Research/Projekt-00001389/DigiSuff_Summary.pdf.

Suffizienter Konsum durch Digitalisierung – ein Interview mit Maike Gossen

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft, Wirtschaft, sowie auch unsere privaten Konsum- und Lebensweisen. Verbraucher*innen erhalten personalisierte Werbung direkt auf das private Endgerät und können viel gezielter online nach Produkten suchen. Lassen sich diese Entwicklungen mit einem suffizienten, nachhaltigen Konsum vereinen? Wir haben mit Maike Gossen vom IÖW über die Chancen und Risiken der Digitalisierung für einen nachhaltigen Lebensstil gesprochen.

Suffizienter Konsum durch Digitalisierung

Deutsche Umweltstiftung (DUS): Sie arbeiten in der Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ an der TU Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Inwieweit beeinflusst die Digitalisierung bestimmte Konsummuster der Gesellschaft?

Maike Gossen (MG): Die Digitalisierung transformiert unsere Konsum- und Lebenswelten. So verschiebt sich der Konsum von Produkten und Dienstleistungen zunehmend ins Internet. Neben Online-Shopping wird das Internet für die Informationssuche zu Produkteigenschaften und Preisen genutzt. Wir erstellen digitale Wunschlisten und lassen uns von den Empfehlungen anderer in Foren und Social-Media-Angeboten wie Instagram inspirieren oder verwenden Apps auf dem Smartphone für den Produktvergleich. Der digitale Konsum ist also durch verbesserte Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten sowie den verbesserten Zugang zu Informationen und Konsumoptionen gekennzeichnet.

DUS: Und welche Rolle spielt Suffizienz in dem Kontext?

MG: Durch die umfassenden Veränderungen unserer Konsumgewohnheiten durch die Digitalisierung ergeben sich unter anderem auch Chancen und Risiken für Suffizienz. Wir verstehen unter Suffizienz die absolute Reduktion des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen und Energie. Das heißt, dass sich suffizienter Konsum nicht nur in der Wahl langlebiger und hochwertiger Produkte, sondern auch in einem niedrigeren Konsumniveau ausdrückt. Damit verbunden sind Fragen nach dem genügenden Maß an Gütern und Dienstleistungen für ein gutes Leben.

Die Digitalisierung erleichtert beispielsweise die geteilte Nutzung von Produkten, also Sharing, und bietet damit die Möglichkeit, auf Neukauf zu verzichten. Zudem ermöglicht die Analyse von Daten (big data) die Entwicklung von Produkten entlang von kundenindividuellen Präferenzen, was die Nutzungsdauer einzelner Produkte verlängern kann. Ein individualisierbares Produktangebot kann aber auch zusätzlichen Konsum generieren.

Im Bereich der Werbung kann Content Marketing genutzt werden, um über die positiven Umweltwirkungen von Konsumvermeidung aufzuklären und Anregungen zur nicht-materiellen Bedürfnisbefriedigung zu verbreiten. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass durch personalisierte Online-Werbung neue Bedürfnisse generiert werden und das individuelle Konsumniveau steigt. Eine abschließende Bewertung, ob die Digitalisierung nachhaltigen bzw. suffizienten Konsum voranbringt oder eher zur Konsumsteigerung führt, kann also nicht vorgenommen werden. Dafür sind die Veränderungen durch die Digitalisierung zu schnelllebig. Wir versuchen aber mit unserer Forschung, den Diskurs zur Digitalisierung kritisch-konstruktiv zu begleiten, indem wir die Auswirkungen der Entwicklungen auf Konsumstile, Wirtschaft und sozialen Wandel untersuchen

DUS: Für Ihre Doktorarbeit forschen Sie zu dem Thema Suffizienzmarketing. Marketing wird aber üblicherweise zum Zweck der Verkaufssteigerung und Profitmaximierung eingesetzt. Wie passt das zu dem Thema Suffizienz?

MG: Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich paradox: In unserer auf Wachstum ausgerichteten Ökonomie nehmen sich Unternehmen vor, durch ihr Marketing Suffizienz zu fördern. Bisher sind es noch wenige, aber es gibt sie, wie die Beispiele Patagonia, Vaude oder Avocadostore belegen. Da Unternehmen mit ihrem Produktangebot im Wesentlichen bestimmen, was wir konsumieren, können sie auch großen Einfluss auf die Verbreitung von suffizientem Konsum nehmen. Im Rahmen ihres Marketings und insbesondere ihrer produkt- und kommunikationspolitischen Aktivitäten können sie Verhaltensänderungen bewirken und Verbraucher*innen dabei unterstützen, ihr Wohlbefinden zu steigern, ohne dabei Geld, Material und Energie für Produkte zu verschwenden, die die Lebensqualität auf lange Sicht nicht verbessern. Um ein Beispiel zu nennen: Der Online-Marktplatz für nachhaltigen Konsum Avocadostore hat sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein und die Akzeptanz von suffizienten Konsumstilen zu unterstützen und stellt bei seinen Social Media-Aktivitäten bewusst Alternativen zum Neukauf in den Mittelpunkt oder regt zur Reflexion über Konsumbedürfnisse an.

DUS: Wie gehen Sie selber damit um? Haben Sie Tipps für einen suffizienten Konsum?

MG: Ich finde den Ansatz, langlebige, zeitlose und qualitativ hochwertige Produkte zu kaufen, von denen ich lange habe, sehr einfach umzusetzen. Auch das Tauschen bzw. Weitergeben von gebrauchten Dingen wie etwa Kinderkleidung ist ein kleiner Schritt. Indem ich mich täglich im Rahmen meiner Forschung mit den konkreten Praktiken aber auch den Herausforderungen eines suffizienten Lebensstils beschäftige, überlege ich mittlerweile zweimal, ob ich dieses oder jenes Ding wirklich brauche. Ich konsumiere im Alltag also sehr viel reflektierter und versuche so oft es geht Alternativen zum Neukauf zu finden.

über die Interviewpartnerin
©Maike Gossen

Maike Gossen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Doktorandin an der TU Berlin in der BMBF-geförderten Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nachhaltiger Konsum, Suffizienz und Nachhaltigkeitsmarketing.