Suffizienz als „Strategie des Genug“

Wir leben in einer Zeit multipler ökologischer Krisen und Herausforderungen. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass ein „weiter so” katastrophale Folgen für die Lebensgrundlagen des Menschen haben wird. Nichts zeigt dies eindrücklicher als ein Blick auf die Planetaren Grenzen (siehe Abb.), von denen bereits sechs der neun überschritten sind. Als eine der größten Volkswirtschaften der Erde trägt Deutschland dabei eine entscheidende Mitverantwortung. Umso alarmierender ist es, dass das Land aktuell eine ganze Reihe von Umweltzielen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2030 zu verfehlen droht. Es braucht offensichtlich dringender denn je Maßnahmen und innovative Ansätze zur Minderung des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung.

 

Ein Diskussionspapier – 16 Thesen

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) hat vor diesem Hintergrund kürzlich ein Diskussionspapier veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass die bisweilen immer noch vernachlässigte Nachhaltigkeitsstrategie der Suffizienz die Hauptrolle spielt. Anhand von ineinander verzahnten 16 Thesen, die jeweils inhaltliche Aspekte rund um Suffizienz fokussieren, wird die Notwendigkeit dieser Nachhaltigkeitsstrategie in einem kondensiert zusammengetragenen wissenschaftlichen Diskurs dargelegt. Das Diskussionspapier bietet dabei einen umfassenden Blick auf die im Rahmen der planetaren Grenzen erforderliche Rolle von Suffizienz im Zusammenspiel von Natur und Kultur. Die Thesen entfalten sich bewusst nicht entlang einer linearen Logik, sondern spannen Bögen innerhalb thematisch gruppierter Blöcke:

Das Fundament: Warum Nachhaltigkeit ohne Suffizienz nicht möglich ist 
These 1: Suffizienz ist für eine Stabilisierung der Erde innerhalb planetarer Grenzen unerlässlich.
These 2: Suffizienz ist Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben aller in planetaren Grenzen.

Die Zusammenhänge: Fünf Thesen für ein systemisches Verständnis von Suffizienz 
These 3: Suffizienz ist notwendiger Teil einer Strategie, um schädliche Eigendynamiken der Technosphäre einzuhegen.
These 4: Suffizienz kann den Bedarf an Rohstoffen reduzieren und zu ihrer langfristigen Verfügbarkeit beitragen. 
These 5: Die Verbreitung suffizienter Praktiken erfordert auch strukturellen Wandel. 
These 6: Ressourcenintensive Lebensstile gefährden die Freiheit anderer und es gibt keinen moralischen Anspruch, dies zu ignorieren. 
These 7: Suffizienz konfrontiert die Gesellschaft mit den Widersprüchen der westlichen Moderne. 

Vier fachliche Perspektiven: Suffizienz in Ökonomie, Kreislaufwirtschaft, Recht und Kultur
These 8: Suffizienz erfordert ein zukunftsfähiges Wohlfahrtsverständnis und ein vorsorgeorientiertes Wirtschaftssystem. 
These 9: Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft setzt Suffizienz voraus.
These 10: Eine Politik der Suffizienz ist verfassungsrechtlich möglich und unter bestimmten Bedingungen sogar geboten.
These 11: Kultureller Wandel ist Voraussetzung für und Resultat von Suffizienzpolitik. 

Die Herausforderungen: Fünf Thesen zu Chancen von und Hindernissen für Suffizienz 
These 12: Suffizienz kann Baustein eines gelingenden Lebens sein.
These 13: Ökonomische Analysen zu Ökologie und Verteilungsgerechtigkeit bereichern den Suffizienzdiskurs.
These 14: Suffizienzpolitik wird auf gesellschaftliche Widerstände treffen. 
These 15: Suffizienzpolitik muss sozial gerecht gestaltet werden und kann Ungleichheit verringern. 
These 16: Es bedarf einer Verständigung auf zentrale Handlungsfelder für Suffizienzmaßnahmen. 

Lösungen brauchen Dialog und Akzeptanz

Das knapp 100-seitige Dokument erlegt sich bereits zu Beginn selbst die Grenze auf, das „Warum” jedoch nicht das „Wie” zu erörtern. Es geht den Autor*innen darum, evidenzbasiert die Notwendigkeit einer stärkeren Berücksichtigung von Suffizienz neben Effizienz und Konsistenz zu diskutieren. Es geht dem Diskussionspapier nicht darum, finale Lösungen zu präsentieren, sondern einen Debattenbeitrag zu leisten und zu einer pluralen Debatte hinsichtlich einer nachhaltigen Zukunftsfähigkeit und einem zeitgemäßen Wohlfahrtsverständnis anzuregen. 

Dabei zeigt die Lektüre des inhaltlich verdichteten Diskussionspapiers eindrücklich eine wiederkehrende Herausforderung in der Wissenschaftskommunikation sowie allgemeinen Bürgerbeteiligung: Wie gelingt es, komplexe Zusammenhänge zugleich inhaltlich tiefgehend zu behandeln und laienfreundlich darzustellen, sodass eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung ohne unzulässige Simplifizierungen möglich wird. 

Ein erster Schritt zur öffentlichen Debatte mit Fachpublikum wurde bereits mit einer Online-Veranstaltung des SRU Ende April gelegt, die Raum für Diskussionsbeiträge von Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft bot. Die fehlenden Antworten auf die Frage des „Wie“ wurden dabei wiederholt durch teilnehmende Impulsgeber*innen während der Veranstaltung angemerkt, insb., da sie die Vermittlung des „Warum“ in den letzten Jahrzehnten als erfolgsarmes Unterfangen resümieren. Zwar hält das Diskussionspapier dafür – wie gesagt – bewusst wenig konkrete Handlungsempfehlungen bereit, legt jedoch schlüssig und eindrücklich dar, dass notwendige Maßnahmen nur auf demokratischen Wege zu finden sind. Dafür wird es jedoch auch weiterhin erheblicher Anstrengungen bedürfen, um die komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisse niederschwellig in die Gesellschaft zu tragen und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für substantielle Veränderungen zu erreichen. 

Da die Zeit mehr denn je drängt, ist zu hoffen, dass dieser Austausch nur der Auftakt für einen verstetigten, umfassenden und inklusiven Dialogprozess ist – ganz im Sinne der formulierten abschließenden Diskussionseinladung der Autor*innen des vorgestellten Papiers.

Das Diskussionspapier des Sachverständigenrats für Umweltfragen steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.