Wenig(er) Fläche – mehr Raum

Suffizienzansätze im Bereich Wohnen setzen häufig auf der individuellen Ebene an und versuchen, den Ressourcenbedarf durch Verhaltens- und Konsumänderungen bzw. angepasste individuelle Alltagspraktiken zu verringern. Exemplarisch lassen sich hierfür die Senkung der Raumtemperaturen im Winter, die Vermeidung von Stand-by-Funktionen oder ein bewusst verringerter Warmwasserverbrauch anführen. Dies schont zwar Ressourcen, stellt jedoch keine Antwort auf den wachsenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum insbesondere in urbanen Zentren dar.

Stellschrauben suffizienten Wohnens

Um dieser vielerorts großen Nachfrage nach Wohnraum ressourcenschonend zu begegnen, betonen weitere Suffizienzansätze daher zugleich den Mehrwert raumsparender Wohnkonzepte, die vorhandene Strukturen bestmöglich nutzen, anstelle mittels Neubauten zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht wesentlich von Ansätzen, die den Nachhaltigkeitsstrategien Effizienz und Konsistenz zuzuordnen sind: Effizienzmaßnahmen zielen darauf ab, auf technischem oder baulichem Weg bspw. durch Fenstertausch, Dämmungsmaßnahmen der Außenhülle oder die Installation einer stromsparenden Beleuchtung Ressourceneinsparungen zu erreichen. Konsistenz betont hingegen die Bedeutung der Kreislauffähigkeit von (Bau-)Materialien im Sinne einer Bioökonomie oder die Notwendigkeit einer Umstellung auf erneuerbare Energien.

Ausgangspunkt für die Notwendigkeit solcher Suffizienzmaßnahmen ist dabei häufig die Diagnose, dass in Deutschland im Verlauf der letzten 30 Jahre die durchschnittliche Wohnfläche deutlich zugenommen hat. Zahlen des Umweltbundesamtes zeigen, dass sie zwischen den Jahren 1990 und 2025 von durchschnittlich 34,8 m² auf 49,2 m² angewachsen ist. Außerdem steigt vielerorts die Zahl von Singlehaushalten. Exemplarische soziale Folgen dieser Entwicklungen sind zunehmende Befunde von Vereinsamung und Schwierigkeiten für Paare, bezahlbaren Wohnraum für die anstehende Familiengründung zu finden.

Suffizienzansätze betonen daher den Mehrwert einer Verbindung ökologischer und sozialer Aspekte des Wohnens entlang unterschiedlicher Lebensphasen und hinterfragen vorherrschendes Statusdenken. Aus dieser Perspektive ist beispielsweise auch eine Verringerung des Wohnraums im Alter oder nach abgeschlossener Familienplanung nicht als ein in der Gesellschaft häufig kritisch beäugter Verzicht zu sehen, sondern reflektiert vielmehr auch den persönlichen Ausdruck geänderter Lebensumstände und Bedürfnisse. Überdies wird in suffizienten Wohnraumkonzepten häufig versucht, mehr Raum für den sozialen Austausch zwischen Menschen zu schaffen. Dies kann bspw. durch die Schaffung von Gemeinschaftsräumen oder WG-ähnlichen Strukturen geschehen, in denen die Bewohner*innen eigene Privatbereiche bewohnen, jedoch Flächen wie Küchen, Waschkeller oder Gemeinschaftsgärten teilen. Platzsparendes und ressourcenschonendes Wohnen soll in diesem Fall zugleich der zunehmenden Vereinsamung entgegenwirken und kann unfreiwillig isoliert lebenden Menschen einen Weg zu mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bieten.  

Wohnflächenoptimierung durch Bonuspunktesystem in Wien

Ein Beispiel dafür, wie Wohnflächen einerseits nachhaltiger genutzt und andererseits auch an sich verändernde Lebensumstände angepasst werden können, ist das im Jahr 2023 realisierte Projekt „65+“ vom Wiener Gemeindebau. Dieses ermöglicht es Senior*innen, ihre Gemeindewohnungen gegen eine flächenverringerte und barrierefreie Wohnung zu tauschen. Nach der Integration des 65+-Projekts in das neue Bonuspunktesystem, das vom Landtag beschlossen wurde, werden Bürger*innen in Wien künftig mittels systematischer Erfassung ihrer spezifischen Lebenssituation im Wohnungsvergabe- und Wohnungstauschprozess entsprechend eingestuft und berücksichtigt. Durch das Anpassen bzw. Verkleinern der Wohneinheit soll der Ressourcenverbrauch pro Kopf gesenkt und die ungenutzte Wohnfläche wieder in den Wohnungsmarkt eingespeist werden. Dadurch kann beispielsweise Menschen mit Kindern bedarfsgerecht eine größere Wohnung zur Verfügung gestellt werden und auch Auszubildenden oder Gewaltbetroffenen kann so schneller bei ihrem dringenden Wohnraumbedarf geholfen werden. Die zentrale Organisation durch die Stadt Wien bildete die Grundlage, um notwendige rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Auf diese Weise wird auch sichergestellt, dass die Lösung großflächig und mit einer breiten Teilnehmerzahl realisiert werden kann. 

Vom Büro zum temporären Bett

Auch eine mehrfach- beziehungsweise multifunktionale Nutzung von gewerblichen Gebäuden bietet viele Chancen, um dem wachsenden Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum in Städten nachzukommen und parallel dazu die soziale Teilhabe zu unterstützen. Im spendengeförderten Projekt „Bureaux de Coeur“ aus Frankreich können Unternehmen Teil des Netzwerks werden und ihre Büro-, Konferenz- oder Lagerräume für die Übernachtung von Wohnungslosen bereitstellen. Soziale Träger übernehmen die Auswahl und Vermittlung der Personen an das Netzwerk der teilnehmenden Unternehmen. Eine Voraussetzung ist unter anderem, dass mittels der Unterstützung der jeweiligen sozialen Vereine während der Teilnahme am Projekt nach einer festen Anstellung sowie einer dauerhaften Unterbringung gesucht wird. Somit nutzt die Initiative temporär ungenutzte Flächen und stärkt die soziale Teilhabe, indem sie die Wiedereingliederung von Personen ohne festen Wohnsitz in Alltag und Berufsleben fördert. 

Community ist nicht gleich Kommune 

Dennoch wird es natürlich auch weiterhin die Notwendigkeit für Neubauten geben. In diesem Fall sollte jedoch stärker als bisher in der Planung üblich auch der Blick durch die Suffizienzbrille erfolgen. Das bereits 2013 fertiggestellte LILAC-Projekt (Low Impact Living Affordable Community) aus Leeds zeigt, wie ein sozial und ökologisch nachhaltiges Bauprojekt Elemente der Effizienz, Konsistenz und Suffizienz vereinen kann. Dabei wurden nicht nur gezielt nachhaltige Baumaterialien eingesetzt, sondern durch die Kombination von privaten Wohneinheiten mit Gemeinschaftsräumen und einem Gemeinschaftsgarten bewusst der persönliche Flächenbedarf reduziert und die soziale Interaktion und Kooperation zwischen den Bewohner*innen gefördert. Die Finanzierung des Projekts als „Mutual Home Ownership Society“ (MHOS) erfolgt in Form einer Beteiligung anteilig an der Wohnungsgröße und am individuellen Einkommen. So wurde erreicht, dass das Objekt langfristig gemeinschaftliches Eigentum bleibt und Bewohner*innen verschiedener Einkommensgruppen die Teilnahme an der Initiative möglich ist.

Fazit

Die Beispiele zeigen skizzenhaft die vielfältigen Möglichkeiten, um den Gebäudebestand als sozial-ökologischen Transformationstreiber einzusetzen – sei es durch Wohnungstausch, multifunktionale Flächennutzung oder die Installation von Gemeinschaftsbereichen. Die Maßnahmen versprechen dabei eine doppelte Rendite: Sie schonen ökologische Ressourcen und können das soziale Miteinander stärken. Die erfolgreiche Umsetzung solcher Suffizienzansätze setzt allerdings die Bereitschaft aller Akteure voraus, Wohnraum neu zu denken und tradierte Muster konsequent aufzubrechen.