Die Distanz zwischen dem, was auf unseren Tellern landet, und den Menschen, die es erzeugen, war noch nie so groß wie heute. Bei den meisten Waren, die im Einkaufswagen landen, wissen Verbraucher*innen in der Regel nicht, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind, und ahnen oft kaum, welche Kosten der Kassenbon verschweigt. Hier setzt Frank Herrmann mit seinem Buch „DIREKT – Einkaufen (fast) ohne Supermarkt“ an. Der Betriebswirt lebte rund zwanzig Jahre in Lateinamerika, wo er u. a. als Entwicklungsexperte tätig war. Diese Erfahrungen bilden das Fundament seines Buches. Herrmann möchte aufzeigen, dass eine ökologisch und sozial gerechtere Ernährung jenseits der erdrückenden Marktmacht großer Supermarkt- und Lebensmittelkonzerne möglich ist.
Verdeckte Kosten
Herrmann beginnt seine Ausführungen mit einem Blick auf die Entwicklung der Lebensmittelpreise und deren sozial-ökologischer Aussagekraft. Er legt dar, dass ein Großteil der ökologischen und sozialen Kosten – zum Beispiel Klimaschäden – externalisiert werden und in den aktuellen Preisen nicht enthalten seien. Diese verdeckten Kosten müssten stattdessen von der Gesellschaft getragen werden, insbesondere von künftigen Generationen und von Menschen in fernen Erzeugerländern. Herrmann zeigt zudem anhand des Beispiels einer Aktion des Discounters Penny, wie stark sich Preise auf das Kaufverhalten auswirken. Eine Woche lang verkaufte die Kette in allen Filialen neun Produkte zu Preisen, die die tatsächlichen Umwelt- und Gesundheitsfolgen der Produkte widerspiegeln sollten. Die Mehreinnahmen wurden an das Projekt „Zukunftsbauer“ gespendet. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Die meisten Produkte verkauften sich schlecht.
Das System Supermarkt
Im zweiten Kapitel beleuchtet der Autor kritisch die Rolle großer Lebensmittelhändler und die Preisbildung zwischen Erzeuger*innen und Handel. Er argumentiert, dass in Folge einer starken Marktkonzentration nun mehr vier große Konzerne den deutschen Lebensmittelhandel beherrschen. Diese Marktdominanz bewirke, dass die Handelsunternehmen über eine enorme Verhandlungsmacht gegenüber Hersteller*innen verfügen und zugleich mittels der Gestaltung ihrer Sortimente und konsumfördernder Absatzstrategien das Einkaufsverhalten der Verbraucher*innen beeinflussen. Herrmann unterfüttert diese Feststellung mit Darstellungen zu empirischen Preisbildungsprozessen zwischen Erzeugern und Handel und einer Beleuchtung der verdrängenden Kraft preisgünstiger Eigenmarken in den Sortimenten, mit denen sogar Druck auf große Hersteller wie Nestlé, Mars oder Heinz ausgeübt werden könne. Politische Maßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene seien bislang häufig unzureichend, da sie unlautere Handelspraktiken oft nicht wirksam unterbinden und Herstellern infolgedessen keinen wirksamen Schutz böten, wie Herrman anhand mehrerer Beispiele zeigt. Abschließend präsentiert er mit dem in Frankreich und Spanien erprobten Modell der Drei-Parteien-Verträge eine Alternative, mit der Machtungleichgewichte entlang der Lebensmittellieferkette entgegengewirkt werden können.
Regionalität zwischen Ideal und Realität
Mit der regionalen Wertschöpfung stellt der Autor im dritten Kapitel eine Alternative zu den langen globalen Wertschöpfungsketten großer Lebensmittelkonzerne vor. Dazu setzt er sich kritisch mit dem ungeschützten Begriff „regional“ auseinander und warnt vor falschen Versprechen sowie Greenwashing. Anhand von Beispielen geht er auch auf die Schattenseiten des positiv konnotierten Begriffs ein. Regionalität könne zum Beispiel falsche Erwartungen bei den Konsument*innen wecken, wenn Produkte deutlich weitere Transportwege aufweisen als von ihnen vermutet. Er zeigt außerdem, dass große Einzelhändler ebenfalls vermehrt mit dem Prädikat „regional“ in Verbindung mit diversen eigenen Siegeln werben und es in der Vergangenheit dabei wiederholt zu Greenwashing gekommen ist.
Eine Alternative könnte in einem integrativen Ansatz liegen, bei dem bio und regional stärker als bislang zusammengedacht werden. Eine konsequente Vernetzung von Wirtschafts-, Agrar- und Kommunalpolitik „in Zeiten von Klimakrise, geopolitischer Instabilität und zunehmender sozialer Spaltung“ könne als stabilisierendes Fundament wirken (S. 57). Dabei zu bewältigende Herausforderungen und wichtige Stellschrauben beleuchtet der Autor anschließend kursorisch, ehe er sich im vierten Kapitel Vor- und Nachteilen des Direktvertriebs im Sinne eines nachhaltigen Lebensmittelsystems widmet.
Plädoyer für den Direktvertrieb
Im vierten Teil des Buches setzt sich Herrmann kritisch mit dem Konzept der Direktvermarktung auseinander. Dazu geht er einerseits auf potentielle Vorteile wie eine verstärkt regionale Wertschöpfung, eine wachsende unternehmerische Stabilität kleinerer Betriebe oder eine wiederkehrende Annäherung zwischen Erzeuger*innen und Konsument*innen ein. Andererseits beleuchtet er auch die damit einhergehenden Herausforderungen für Erzeuger*innen wie beispielsweise bürokratische Hürden und hohe Bodenpreise, wobei er auch die Grenzen der Skalierbarkeit des Ansatzes in den Blick nimmt. So gestalten sich aus seiner Sicht Direktvermarktungskonzepte gegenwärtig vor allem in kleinem Maßstab umsetzbar. Eine großflächige Versorgung ganzer urbaner Zentren erscheint aus diversen Gründen wie beispielsweise logistischer Limitationen und einer breiten von den Konsument*innen erwarteten Produktpalette unrealistisch. Nicht nur an dieser Stelle verdeutlichen die Ausführungen des Autors anschaulich, dass die politischen Rahmenbedingungen ein maßgeblicher Faktor sind, der über den Erfolg oder das Scheitern von regionalen Versorgungskonzepten (mit-)entscheidet. Dabei konstatiert er gegenwärtig in der deutschen und europäischen Landwirtschafts- und Handelspolitik eine starke Schieflage, die den globalen Status quo einer nicht nachhaltigen Agrarpolitik zementiert und sich beispielsweise in immer stärkerer Landkonzentration oder Dumpingpreisen niederschlägt.
Einkaufen ohne Supermarkt
Das umfangreichste Kapitel ist zugleich das praxisorientierteste. Der Autor stellt eine Vielzahl verschiedener Ansätze vor, mit denen Verbraucher*innen die Dominanz großer Einzelhändler zumindest teilweise umgehen können – von Hofläden, Wochenmärkten und Erzeugergemeinschaften über Streuobstinitiativen, FoodCoops und solidarische Landwirtschaft bis hin zu Commons, Micro Gardening und digitaler Direktvermarktung. Nicht nur in Ländern des globalen Südens könne fairer und direkter Handel dabei Missständen entgegenwirken, Erzeuger*innen stärken und für faire Löhne, Transparenz und solidarische Preise sorgen. Eindrücklich sind seine Beispiele auch zum Empowerment von Frauen ebenso wie jene zu Ausbeutung und miserablen Arbeitsbedingungen mitten in Europa.
Fazit: Konsum als politische Handlung
Ganz im Sinne der Suffizienz ist für Herrmann ein gutes Leben für alle möglich, wenn Ernährung, Arbeit und Ressourcen gerecht verteilt sind und zivilgesellschaftliches Engagement die Wende mitträgt. Konsumentscheidungen wohnen für ihn daher auch politischen Handlungen inne. Gute Lebensmittel seien immer beides, nämlich gesund für uns und für Böden und Klima. Sie werden regional und saisonal erzeugt, direkt vermarktet und dies zu Preisen, die für alle Beteiligten fair sind. Nicht nur aufgrund dieses Anspruchs ist „DIREKT – Einkaufen (fast) ohne Supermarkt“ ein durchweg interessantes und aufschlussreiches Buch.
Buchinformationen
Autor: Frank Herrmann
Titel: DIREKT – Einkaufen (fast) ohne Supermarkt
Verlag: Brandes & Apsel
ISBN: 978-3-95558-424-5
Softcover, 177 Seiten
Erscheinungsjahr: 2026
