Ecoswaraj – Degrowth Konzepte in Indien

Die Idee von Degrowth beziehungsweise Postwachstum bezieht sich meistens auf die Länder des globalen Nordens. Die Industriestaaten sollen ihr Wirtschaftswachstum stoppen oder sogar umkehren, um die planetaren Belastungsgrenzen nicht zu überschreiten. In Ländern wir Indien oder China hat das starke Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte ebenfalls viele negative Auswirkungen, wie etwa die Zerstörung der Umwelt und eine sich verstärkende soziale Ungleichheit. Die reichen Menschen profitieren hauptsächlich vom Wirtschaftswachstum, während marginalisierte Gruppen ausgebeutet werden. Solange die Grundbedürfnisse vieler Menschen noch nicht gedeckt sind, können diese Probleme nicht alleine durch einen Stopp des Wirtschaftswachstum gelöst werden. Stattdessen muss das Konzept von Degrowth an die Länder des globalen Südens angepasst werden, wie das bei der „Radikalen Ökologischen Demokratie“ in Indien geschah.

In Indien formierten sich in den letzten Jahrzehnten viele hunderte kleine bis große Bewegungen. Diese Initiativen bekämpfen einerseits Ungerechtigkeiten, wie etwa den Landraub durch große Unternehmen oder Frauenrechtsverletzungen. Andererseits zeigen sie andere Lebensentwürfe und positive Transformationen. Aus diesen Widerstands- und Wiederaufbaubewegungen entstand „Ecoswaraj“ beziehungsweise die „Radikale Ökologische Demokratie“.

Landlose Dalits protestieren für ihre Rechte

Das Konzept „Swaraj“ wurde durch Gandhi und die Unabhängigkeitsbewegung bekannt und bedeutet übersetzt Selbstverwaltung. Ecoswaraj greift dieses Konzept auf und erweiterte es durch ökologische Aspekte. Die wichtigsten Punkte der „Radikalen Ökologischen Demokratie“ sind ökologische Nachhaltigkeit. Die Gesellschaft solle die planetaren Belastungsgrenzen nicht überschreiten und den natürlichen Kreislauf der Natur schützen. Außerdem ist das soziale Wohlergehen, soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit wichtiger Teil von Ecoswaraj. Soziales Wohlergehen bedeutet hierbei nicht eine Anhäufung des Wohlstands, sondern ein Zurückbesinnen auf alte indische Traditionen wie Genügsamkeit oder einen freiwilligen Minimalismus. Zudem spielt Selbstbestimmung eine wichtige Rolle, weshalb Entscheidungen durch direkte Demokratie gefällt werden. Die Wirtschaft wird ebenfalls demokratisiert, indem lokale Gemeinschaften Kontrolle über Ressourcen und Arbeitsmittel haben und lokales Wirtschaften priorisiert wird. Um Hierarchien zu vermeiden, wird auch Wissen geteilt und modernes und traditionelles Wissen gleichberechtigt behandelt.

Beispiele für „Radical Ecological Democracy“ findet man in ganz Indien. Zum Beispiel ließen Kleinbäuer*innen in Andhra Pradesh und Telangana ökologische Landwirtschaft wieder aufleben, erreichten eine volle Ernährungssouveränität, kollektivierten Ressourcen und Arbeit und sicherten die Grundrechte aller Menschen in der Gemeinschaft. In Zentralindien gewannen Gemeinschaften wie die Mendha-Lekha Gemeinschaft die Kontrolle über die umliegenden Wälder zurück und initiierten eine nachhaltige Waldbewirtschaftung. Vom Verkauf von Bambus und anderen Waldprodukten profitierten die Bewohner*innen der Gemeinde und verbesserten die Stromversorgung. Zur „Ecoswaraj“ Bewegung zählen zudem Bildungseinrichtungen, in denen Schüler*innen nicht nur modernes Wissen und Fähigkeiten erlernen, sondern auch mit ihren kulturellen und ökologischen Wurzeln verbunden bleiben sollen.

Die Mendha-Lekha Gemeinschaft in Maharashtra

Obwohl viele Bewegungen klein und zerstreut sind, konnten einige der Initiativen alternative Lebensweisen aufzeigen und die Politik beeinflussen. Zum Beispiel haben ein dutzend indische Bundesstaaten mittlerweile Förderprogramme oder Richtlinien bezüglich ökologischer Landwirtschaft initiiert. Diese Veränderung wurde durch Bäuer*innen angestoßen, die biologischen Anbau demonstrierten.

Europäer*innen könnte einiges von Radical Ecological Democracy lernen, zum Beispiel dass Suffizienz auch „bottom-up“ organisiert werden kann. Viele Länder des globalen Nordens könnten die Prinzipen Freiheit, Selbstverantwortung und Autonomie stärker in ihre Politik einbinden. Außerdem sollten Personen von indigenen Traditionen und ihrer Art mit der Natur zu leben, lernen.

Quellen:
Kothari, Ashish (2016): Radical Ecological Democracy. Reflections from the South on Degrowth. URL: https://www.degrowth.info/wp-content/uploads/2016/06/DIB_RED.pdf

Campen fürs Klima vor dem Bundeskanzleramt

Vom 19. – 27. September fand in Berlin das zweite We4Future Camp statt. Neun Tage campten Klimaaktivist*innen vor dem Bundeskanzleramt und veranstalteten verschiedene Workshops zum Thema Klima- und Umweltschutz. Während des ersten We4Future Camps im Juni wurde der zivile Klimanotstand ausgerufen. Wir von der Deutschen Umweltstiftung haben das Camp besucht und erzählen von unseren Erfahrungen:

Am Dienstag wurde ein Workshop mit anschließender Diskussionsrunde über das Thema „Müssen wir über Verzicht debattieren?“ angeboten, in welchem die „Imperiale Lebensweise“ des globalen Nordens kritisch beleuchtet wurde. Ausgangspunkt des Vortrags war die Annahme, dass durch die Konsummuster der früh-industrialisierten Länder auf Kosten der Menschen des globalen Südens gelebt wird. Die dadurch entstandene soziale Ungerechtigkeit ist Teil der Klimakrise und hat in einigen Teilen der Bevölkerung eine moralisierende Debatte des Verzichtes im Sinne einer gerechteren Welt mobilisiert. Ziel des Workshops war es zu erarbeiten, wie der Verzicht zu einer positiven und politischen Debatte umgewandelt werden kann, welche alle Milieus erreicht und an den alltäglichen Bedürfnissen der Bevölkerung anknüpft.

Die Teilnehmenden des Workshops waren zum Großteil sehr vertraut mit den Auswirkungen der konsumorientierten westlichen Gesellschaft und dementsprechend in ihren eigenen Verhaltensweisen reflektiert. Menschen, die sich schon sehr ausführlich mit ihren Konsummustern auseinandergesetzt haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass persönliche Kaufentscheidungen nur einen kleinen Beitrag zu einer nachhaltigen und gerechten Welt leisten können. Die Handlungsoptionen beim Einkaufen oder bei der Wahl des Verkehrsmittel sind nur beschränkt und können das Ausmaß der ausbeuterischen Industrienationen nicht grundlegend und vor allem nicht schnell genug verändern. Die Dringlichkeit das System an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen fordert die Politik dazu auf konkrete Maßnahmen für eine global tragbare Lebensweise umzusetzen.

Letztendlich waren sich Teilnehmenden des Workshops einig, dass die Gesellschaft zwar durch ihre persönlichen Handlungsentscheidungen nur wenig bewirken kann, es dennoch wichtig ist, dass weiterhin Druck auf die Politik ausgeübt wird. Hinzukommt, dass ein nachhaltiger Konsum von ökologisch und sozial tragbaren Produkten von der Bevölkerung ein monetärer und zeitlicher Mehraufwand bedeuten würde, welcher aufgrund begrenzter Ressourcen für die meisten sozialen Milieus nicht möglich ist. Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Konsumierenden und muss auch von der Politik und anderen „global players“ anerkannt werden, damit eine Transformation zu einer sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Gesellschaft entstehen kann.

An drei Tagen luden Vertreter*innen von Fridays for Future zu der Veranstaltung „Politiker*innen fragen – Fridays for Future antwortet“ ein. Dazu wurden Einladungen an alle im Bundestag vertretenen Parteien geschickt, nur von der AfD kam keine Rückmeldung. Als wir am Donnerstag das Klimacamp besuchten, bereiteten sich Vertreter*innen von Fridays for Future auf die Diskussion mit den Politiker*innen vor. Wie kann man Politiker*innen davon überzeugen, Klimaschutz zu priorisieren, wenn sie es selbst nicht als wichtiges Thema empfinden? Wie solle man auf Ausweichfragen reagieren, z.B wenn die Aktivist*innen gefragt werden, was sie persönlich für den Klimaschutz machen? Diese Fragen wurden diskutiert, während die Aktivist*innen auf das Eintreffen der Politiker*innen warteten. Während unseres Besuches erschien nur Isabel Mackensen, Bundestagsabgeordnete der SPD, die zunächst allgemeine Fragen über das Klimacamp und die Motivation der Fridays for Future Aktivist*innen stellte.

Außerdem fragte Isabel Mackensen, wie Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinbar seien. Denn von den Klimaschutzmaßnahmen seien vorwiegend Menschen niedrigeren Einkommens betroffen, so die Politikerin. Diese Behauptung wurde von einem Aktivisten zurückgewiesen. Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit seien keine Gegensätze: Man könne ihn sozial gerecht gestalten, indem man zum Beispiel die CO2 Steuer gemeinsam mit einer Klimadividende einführt. Das bedeutet, das jegliche Einnahmen aus der CO2 Steuer gleichmäßig an alle Bürger*innen zurückgezahlt werden. Dementsprechend müssten nur Menschen, die sehr klimaschädlich leben (das sind hauptsächlich reiche Menschen) höhere Abgaben durch die CO2 Steuer zahlen. Menschen, die weniger CO2 Emissionen verursachen als die Durchschnittsbevölkerung (das sind meistens Menschen mit niedrigem Einkommen) profitieren sogar von dieser CO2 Steuer. Von diesem Konzept hat die Politikerin zuvor noch nicht gehört, versprach aber, sich über die Klimadividende zu informieren. Die Aktivist*innen betonten außerdem, fass es ihnen um Klimagerechtigkeit ginge. Von den Folgen eines Klimawandels sind die Menschen am stärksten betroffen, die ihn am wenigsten verursacht haben. Diese Ungerechtigkeit wolle Fridays for Future bekämpfen. Selbst wenn wenige Menschen von Klimaschutzmaßnahmen negativ betroffen seinen, müsse man das Klima trotzdem schützen, da es keine Alternative dazu gibt.

Zum Abschluss stellten die Aktivist*innen Fragen an Isabel Mackensen. Warum setze sich die Politik nicht stärker für Klimaschutz ein, obwohl ihnen die Konsequenzen eines Klimawandels bewusst seien? Die Politikerin antwortete, die Politik müsse auch die Menschen mitnehmen, die z.B. nicht an Erneuerbare Energien glauben. Wenn man zu radikalen Klimaschutz betreibe, würden die Menschen abgeschreckt und schlössen sich rechten Parteien an. Sie habe Angst davor, dass durch einen Rechtsruck Parteien an die Macht kommen, die Freiheiten einschränken. Davor habe sie mehr Angst als vor einem Klimawandel. Dass jedoch durch einen starken Klimawandel sehr viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen und soziale Ungerechtigkeiten verstärkt werden, was wiederum zu einem starken Rechtsruck führen kann, bedachte die Politikerin nicht. Das Klimaschutzpaket sei ihrer Meinung nach bereits ein Schritt in die richtige Richtung und sie hoffe darauf, dass dieses Paket in den nächsten Monaten ausgeweitet wird.

Insgesamt verlief die Diskussion sehr konstruktiv. Trotz der teils verschiedenen Positionen zeigte die Politikerin Verständnis für die Positionen von Fridays For Future. Außerdem war sie offen für die Vorschläge der Jugendlichen. Es bleibt zwar fraglich, ob solche Gespräche zu politischer Veränderung führen, allerdings schadet es nie, Diskussionen mit Menschen außerhalb der eigenen „Blase“ zu führen. 1

Sharing Economy – Die Ökonomie des Teilens

Sharing Economy – die „Ökonomie des Teilens“ ist eine alternative Form des Wirtschaftens, bei der ein Wandel vom Besitz zum Gebrauch von Gütern stattfindet. Somit können mehrere Personen ein Produkt benutzen, ohne dabei die Anschaffungskosten tragen zu müssen. Durch das gemeinsame Nutzen von Gütern und Dienstleistungen sollen ökologische und soziale Aspekte positiv beeinflusst werden.

Photo:TheDigitalArtist/Pixabay

Es gibt verschiedene Stimmen zu der Intention und Auswirkung von Sharing-Plattformen. Zum einen wird die Sharing Economy als soziale Bewegung wahrgenommen, die eine menschlichere Wirtschaft anstrebt, bei der Werte wie Solidarität, Kooperation und Gemeinschaft zählen. Die Teilungspraktiken werden in dem Sinne als Reaktion auf die traditionelle westliche Konsumkultur wahrgenommen (Ranchordas, 2015). Zum anderen gibt es auch kritische Stimmen, die meinen es sei ein neoliberaler Ansatz (Peitz et al., 2016). Denn durch die neu entstandenen Online-Märkte können Unternehmen gesetzliche Regulierungen umgehen und somit Kosten einsparen, was konkurrierende Unternehmen vom Markt verdrängt. Es entstehen Probleme beim Verbraucher- und Datenschutz, welche gesetzlich noch nicht geregelt sind und zunächst zu einem Verbot der Unternehmen führen kann (Peitz et al., 2016).

Demzufolge ist die Motivation sowohl von Seiten des Anbietenden als auch die des Nutzenden für die sozialen und umweltrelevanten Auswirkungen ausschlaggebend. So ist die Motivation bei Plattformen wie Carsharing eher ökonomischen Interessen zuzuordnen, während angenommen wird, dass beim Teilen von Werkzeugen soziale Motivationen überwiegen (Böcker et al., 2017). Zum Beispiel gibt es viele nicht-kommerzielle Plattformen, die zur Sharing Economy gezählt werden. Auf diesen Seiten können Besitzer*innen Güter, die sie nur selten nutzen, kostenlos verleihen. Ein Beispiel hierfür ist die Plattform berlin.fairleihen.de, auf der Büchern, Fahrräder, Haushaltsgeräte und vieles mehr kostenlos verliehen werden. Weitere Positivbeispiele für Sharing Economy sind auf der Utopia Website aufgeführt. Zudem variiert die Motivation je nach sozial-demographischem Hintergrund, sowie zwischen dem Anbietenden und Nutzenden (Böcker et al., 2017).

Die Weiterentwicklung von Informations- und Kommunikationssystemen sowie die Fortentwicklung von globalen Internetdiensten befördert die Sharing Economy. Plattformen wie Uber im Transportsektor und Airbnb in der Unterkunftsvermietung erweitern Angebote etablierter Branchen (Peitz et al., 2016). Hinzu kommt, dass Sharing-Dienste oftmals Güter mit hohen Anschaffungskosten anbieten, da sich andernfalls der Erwerb für die Privatperson nicht lohnen würde.

Ein weiteres Element ist, dass Vertrauen zwischen den beiden teilenden Parteien eine größere Rolle einnimmt. Viele Plattformen enthalten unterstützend Bewertungs- und Ratingsysteme, die Vertrauen aufbauen und Informationen asymmetrisch aufbauen. Bei einer Wohnungsvermietung sollte bspw. die mietende Person sicher sein, dass die Wohnung entsprechend der Fotos aussieht und die vermietende Person davon ausgehen können, dass mit der Wohnung ordnungsgemäß umgegangen wird.

Im Hinblick auf den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung kann über Sharing Economy keine pauschale Aussage getroffen werden, da es auch vom Nutzungsverhalten der Konsumierenden abhängig ist. Wenn Menschen, die zuvor in Hotels übernachtet haben nun stattdessen eine Wohnung über Airbnb mieten, kann der negative Effekt auf die Umwelt geringer ausfallen. Verleitet das günstige Angebot jedoch dazu mehr und vorwiegend mit kraftstoffbetriebenen Fahrzeugen zu Reisen, dann wird die Umwelt noch mehr belastet. Somit ist es wichtig, den geringeren Ressourcenverbrauch, welcher durch das Teilen entsteht, gegen die erhöhte Nutzungsintensität und damit den auftretenden „Rebound-Effekten“ abzuschätzen. Rebound Effekte können bspw. auch beim Carsharing auftreten. Laut einer Studie ersetzt ein Carsharing Auto acht private PKWs. In der Rechnung würde das zu weniger Parkplätze in der Stadt führen und Ressourcen für die Herstellung der Autos einsparen. Eine Studie des Ökoinstitutes zeigte allerdings, dass nur wenige Carsharing Nutzer*innen ihr eigenes PKW verkaufen. In Köln und Frankfurt wurden für jedes eingesetzte Auto der Carsharing Plattform car2go 0,3 bis 0,7 private PKWs abgeschafft. Das heißt, die Anzahl an PKWs erhöhte sich sogar durch Carsharing Plattformen.

Das Konzept der Sharing Economy hat großes Potenzial, Ressourcen zu schonen. Ob es aber wirklich zu Einsparungen kommt, hängt sowohl von den Verleihenden als auch den Nutzenden ab.

Quellen:

Böcker, L. & Meelen, T. (2017). Sharing for people, planet or profit? Analysing motivations for intended sharing economy participation. In: Environmental Innovation and societal Transition. Volume 23, S. 28-39.

Peitz, M. & Schwalbe, U. (2016): Zwischen Sozialromantik und Neoliberalismus: Zur Ökonomie der Sharing-Economy, ZEW Discussion Papers, Nr. 16-033, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim.

Ranchordas, S. (2015). Does Sharing Mean Caring? Regulating Innovation
in the Sharing Economy. In: Minnesota Journal of Law, Science & Technology. Volume 16, Issue 1, Article 9.

Buen Vivir – ein südamerikanisches Konzept für ein gutes Leben

Suffizienz wird als relativ neues Thema angesehen, dass erst aktuell in der Nachhaltigkeitsdebatte Platz findet. In den letzten Beiträgen wurden viele Projekte aus Deutschland oder Europa vorgestellt, die sich mit Suffizienz beschäftigen. Wussten Sie, dass Suffizienz sogar in den Verfassungen mancher Länder verankert ist?

Die Verfassungen in Ecuador und Bolivien beziehen sich seit 2008 bzw. 2009 auf die Lebensphilosophie „Buen Vivir“. Buen Vivir oder Sumak Kawsay (auf Quechua) ist eine Weltanschauung der indigenen Bevölkerung im Andenraum von Südamerika. Nachdem die eigenen Traditionen und Lebensweisen 500 Jahre lang durch Kolonialisierung unterdrückt wurde, schlossen sich verschiedene indigene Gruppen zusammen, um ihre Vorstellung eines guten Lebens zu verbreiten. Aufgrund der Vielzahl indigener Völker existieren auch verschiedene Variationen von Buen Vivir. Alle Konzepte haben jedoch die Gemeinsamkeit, dass sie nicht materiellen Reichtum, sondern sozialen Zusammenhalt und ein harmonisches Verhältnis zur Natur als Ziel des guten Lebens betrachten. Damit widerspricht Sumak Kawsay dem westlichen Entwicklungskonzept, das von einer linearen Entwicklung ausgeht und vornehmlich Wachstum und Fortschritt als Ziel sieht. Anstelle von Wirtschaftswachstum möchte Buen Vivir einen Gleichgewichtszustand mit der Natur erreichen.

„Primer Encuentro de los Pueblos y Nacionalidades Andinas por el Sumak Kawsay“, Cancillería Ecuador, CC BY-SA 2.0

Ecuador und Bolivien verankerten diese Lebensphilosophie in ihren neuen Verfassungen. In der ecuadorianischen Verfassung ist „das gute Leben“ als Ziel festgeschrieben, wozu unter anderem das Recht auf Ernährung, Gesundheit, Bildung und Wasser gehören. Die Forderungen der Verfassung gehen weit über Menschenrechtsforderungen hinaus: Die Rechte der indigenen Bevölkerung, Respekt vor der Vielfalt und Harmonie mit der Natur sind ebenfalls durch die Verfassung geschützt. In Bolivien ist zudem ein Gesetz zum Schutz der Erde erlassen worden. Ein Absatz in der Verfassung garantiert aber nicht, dass Buen Vivir umgesetzt und Umweltzerstörungen verhindert werden. Allerdings stieß die Verfassungsänderung eine lebendige Debatte in Südamerika an.

Der Yasuni-Nationalpark in Ecuador

Sumak Kawsay hat in vielen Bereichen bereits das politische Handeln verändert. Im Yasuni Nationalpark in Ecuador befinden sich große Ölreserven, deren Abbau den Regenwald zerstört würde. Alberto Acosta, prominenter Vertreter von Sumak Kawsay und damaliger Minister für Energie und Bergbau beschloss, auf die Erdölförderung im Yasuni Nationalpark zu verzichten. Mit Verweis auf Sumak Kawsay wollte er auf Profit verzichten, um die Umwelt zu schützen, obwohl Erdöl das wichtigste Exportprodukt Ecuadors ist. Die Maßnahme wäre wohl mit der Forderung eines deutschen Ministers vergleichbar, die Automobilindustrie für den Klimaschutz abzuschaffen.

Im Gegenzug forderte Ecuador die internationale Gemeinschaft dazu auf, einen Teil der erwarteten Exporteinnahmen zu entschädigen. Die meisten Staaten, unter ihnen Deutschland, weigerten sich jedoch zu zahlen, weshalb nur 0,37 % des Kompensationsbetrages zusammenkamen. Im Ergebnis beschloss Ecuador wiederum, das Erdöl zu fördern.

Schlussendlich wurde im Yasuni Nationalpark nicht nach dem Konzept Buen Vivir gehandelt. Trotzdem zeigten die Vorschläge von Alberto Acosta einen möglichen Perspektivwechsel der Politik. Würden wir öfter nach den Prinzipien von Sumak Kawsay handeln, könnten wir vielleicht viele Umweltprobleme lösen.

Quellen: Fatheuer, Thomas (2011): Buen Vivir: Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. Band 17 der Schriftenreihe Heinrich Böll Stiftung.
Francois, Houtard (2011): El concepto de sumak kawsai (buen vivir) y su correspondencia con el bien común de la humanidad. alai. URL: https://www.alainet.org/es/active/47004.
Marinko, Jan (2018): Ecuador: Neue Bohrungen zur Förderung von Erdöl im Yasuní-Nationalpark. amerika 21. URL: https://amerika21.de/2018/01/193447/neue-bohrungen-yasuni-nationalpark-ecuador.

Acht Wochen #kaufnix – wir ziehen Bilanz

Es sind längst nicht mehr nur einige Ökos, die erkannt haben, dass die aktuelle Gesellschaft sich in eine Richtung entwickelt hat, die kein nachhaltiges Zukunftskonzept beinhaltet. Deshalb fordern Stiftungen und Verbände, aber auch Wirtschaftsgrößen, eine radikale Veränderung der menschlichen Lebens- und Verhaltensformen. Suffizienz als eine Säule der Nachhaltigkeit kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Jörg Sommer, seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, forderte bereits zu Beginn der Kampagne eine zeitnahe und konsequente Veränderung unseres Verhaltens. In einem Interview äußert er sich noch einmal abschließend zur Kampagne und weist auf die Probleme unserer derzeitigen Lebensweise hin.

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Jörg Sommer im Interview

Diese Veränderungen müssen bei jedem Einzelnen beginnen. Deshalb betrachteten wir aus verschiedenen Blickwinkeln die Themenkomplexe Konsum, Wachstum sowie Suffizienz und haben uns vor allem ausführlich mit der Anti-Verbraucher-Pyramide beschäftigt. Wir sind überzeugt: Die Stufen „Vorhandenes nutzen“, „machen“, „tauschen“, „leihen“ und „sparen“ bieten uns genug gangbare Alternativen zum Kaufen.

Wir durften außerdem beispielhaftes Engagement in der Nachhaltigkeitsszene kennenlernen. Ein Besuch im Repair-Café, in einem Upcycling-Laden und bei einer Kleidertauschparty haben uns gezeigt, dass es jetzt schon viele kleine Keimzellen für einen suffizienteren Lebensstil gibt. Wir müssen nur genau hinschauen.

Natürlich blieb auch Kritik nicht aus, aber wir stellten uns dieser. Viel beeindruckter waren wir allerdings von der positiven Resonanz. Immer wieder erreichten uns zahlreiche Kooperationsanfragen aus allen Bereichen der Nachhaltigkeit. Dadurch konnten wir mehr als elf Forschende, Aktivist*innen und Engagierte interviewen und erhielten 14 Autor*innen für Gastbeiträge zu Themen wie bspw. „wirtschaftliche Steuerungsoptionen“, „politische Perspektiven“ und „suffizienten Handlungsalternativen“. Für Sie haben wir hier eine Liste mit lesenswerten Beiträgen zusammengestellt.

25 Gastautor*innen und Interviewte auf kaufnix.net

All das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Getreu dem Stiftungsmotto „Hoffnung durch Handeln“ braucht es eine breite gesellschaftliche Bewegung, die Suffizienz als Leitmotiv des eigenen Lebens annimmt.

Hören wir also auf zu warten und beginnen jetzt damit!

Sind sie mit dabei?

Ja, auf jeden Fall! Wenn es weitergeht, senden Sie mir weitere Informationen.