Der heutige Beitrag bezieht sich auf die 4. Stufe der
Anti-Verbraucher-Pyramide, die das (Ver)leihen von Konsumgütern als Alternative
zum Kaufen vorschlägt.
Gerade wenn ein Gegenstand, wie zum Beispiel ein Werkzeug, nur für eine einmalige Benutzung gebraucht wird, macht es bereits aus finanzieller Sicht mehr Sinn, den Gegenstand auszuleihen anstatt diesen zu kaufen. Zudem kommt die ökologische Komponente hinzu, da Ressourcen geschont werden, wenn der Gegenstand nicht neu produziert werden muss.
Die meisten Menschen kennen das Konzept des Leihens insbesondere im Nachbar*innen-, Freund*innen- oder Bekanntenkreis. Angenommen das eigene Fahrrad hat einen platten Reifen und man bekommt von einer Freundin das Angebot mit ihrem Fahrrad in die Stadt zu fahren. Davon profitieren beide Parteien, da es praktisch ist und die eine Person der anderen eine Freude macht.
Zunehmend findet das Konzept auch im öffentlichen Rahmen Beachtung. Es gibt zahlreiche Internetplattformen, über die Personen entweder für einen geringen Preis oder gänzlich umsonst Dinge ausleihen können.
In Berlin können auf dieser Plattform aus verschiedenen Kategorien umsonst Dinge ausgeliehen werden können, wenn die Nutzenden sich anmeldet haben und selbst drei Dinge zum Ausleihen anbieten. Die Kategorien der Gegenstände, die sich zum Leihen eignen, reichen hierbei von Elektronik, über Haushaltsgeräte bis hin zu Spielen und Werkzeugen.
Für bestimmte Bereiche wie beispielsweise Bücher nutzen
viele Personen die Möglichkeit des Ausleihens in der Bibliothek. Dahingegen ist
das Ausleihen von Kleidung außerhalb des Familien- Freund*innenkreises eher
ungewöhnlich.
Celin ist Gründerin des Projekts KALEIH. Sie hat auf EcoCrowd, der nachhaltigenCrowdfunding-Plattform der Deutschen Umweltstiftung, im Februar eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne gestartet. In ihrem Projekt KALEIH handelt es sich um einen nachhaltigen Kleidungsverleih, bei dem als Alternative zum neu kaufen Second-Hand-Kleidung verliehen wird.
Durch dieses
Konzept muss kein Kleidungsstück unter
unfairen, menschenunwürdigen und umweltschädlichen Bedingungen
neu produziert werden und
die Nutzungs- und Lebensdauer von vorhandenen Kleidungsstücken wird verlängert.
Insgesamt bietet das Leihen Vorteile auf allen Ebenen der Nachhaltigkeit – Soziales, Ökonomie und Ökologie. Geld wird gespart, Ressourcen werden geschont und vorhandene Kontakte gestärkt oder neue Kontakte geknüpft.
Wenn wir uns keine Gedanken über unseren CO2-Ausstoß machen, erübrigen sich Flugreisen in wärmere Gefilde bald von selbst. Foto: NickCanon / Pixabay
Fast zwölf Tonnen CO2 verbrauchen Deutsche durchschnittlich jedes Jahr. Um die aktuellen Klimaschutzziele zu erreichen, dürften wir allerdings nur etwa 4 Tonnen verbrauchen – also ein Drittel des aktuellen Werts.
Aber wie erreichen wir diese Einsparung? Zuallererst, indem jede*r von uns bei sich selbst anfängt! Wissen Sie, wie viel CO2 Sie jedes Jahr verbrauchen? CO2-Rechner wie der vom Umweltbundesamt verraten es Ihnen.
Damit können Sie nicht nur Ihren aktuellen Verbrauch berechnen, sondern auch eine Verlaufskurve Ihres persönlichen Verbrauchs bis 2050. So sehen Sie anschaulich, in welchen Bereichen Sie noch Spielraum für Einsparungen haben und können Ihre Bilanz für die Zukunft optimieren.
Eine Alternative für Quizfans ist der Klimarechner von WWF. Bei dieser Variante machen Sie in 35 Fragen Angaben zu Ihrem persönlichen Konsumverhalten. Daraus wird anschließend ihr CO2-Fußabdruck berechnet:.
Praktisch dabei: Unter jeder Frage finden Sie Tipps, wie Sie ihren CO2-Verbrauch im konkreten Fall vermindern können. Ihr Ergebnis können Sie sich anschließend per E-Mail zusenden lassen.
Eine Alternative speziell für Autofahrer*innen und Flieger*innen sind die CO2-Rechner von Atmosfair und Naturefund: Hier brauchen Sie jeweils nur zwei Angaben zu machen, um die ausgestoßene Menge CO2 für eine bestimmte Fahrt oder einen bestimmten Flug zu berechnen.
Die Angaben dieser beiden Rechner sind zwar weniger detailliert und lassen auch keine Angaben zu künftigen Entwicklungen zu. Dafür können Sie direkt im Anschluss an die Berechnung Bäume pflanzen oder nachhaltige Projekte unterstützen, um ihren CO2-Ausstoß zu kompensieren.
Damit verringern Sie nicht nur Ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck – Sie vergrößern auch Ihren ökologischen Handabdruck. Dieser Wert soll ein positives Gegenmodell zum ökologischen Fußabdruck darstellen. Denn nicht die negativen Auswirkungen auf die Umwelt, sondern der gesellschaftliche und nachhaltige Mehrwert von Handlungen und Produkten steht hier im Fokus. In diesem Sinne: Einfach mal die Füße hochlegen, Hand drauf!
Durch Kaufkonsum von neuwertigen Produkten wird Wirtschaftswachstum unterstützt. Flohmärkte und Online-Plattformen wie „Kleiderkreisel“ oder „Ebay-Kleinanzeigen“ bieten hier nur teilweise eine Alternative. So werden als gebraucht deklarierte Sachen immer öfter überteuert verkauft. Mit Blick auf die dritte Stufe der Anti-Verbraucher-Pyramide „Tauschen“ kann dieses Problem umgangen werden.
Durch Kleidertauschpartys kann man seinen Kleiderschrank umkrempeln. Als Extra spart man, durch den Verzicht auf neue Klamotten, Energie und vermindert den Ressourcenverbrauch. Foto: rose_mcavoy / Pixabay
Ein gutes Beispiel für die dritte Stufe „Tauschen“ bieten sogenannte „Kleidertauschpartys“. Wie das Wort „Kleidertausch“ vermuten lässt, tauschen Menschen ihre mitgebrachten Anziehsachen, die sie nicht mehr haben wollen.
Vor über drei Jahren wurde die ehrenamtliche Initiative „Kleidertausch Kreuzberg“ in Berlin gegründet. Egal ob für Kinder, Frauen oder Männer – hier ist jede Art von Bekleidung gewünscht.
Die Kleidertauschparty in der Nostitzstraße läuft wie folgt ab:
Zuerst wird die Kleidung nach Größe oder Sorte sortiert. Dabei spielt die Anzahl der mitgebrachten Kleidungsstücke keine Rolle. Jedoch sollten sie unbeschädigt sein. Die Kleidung, die nicht mitgenommen wurde, kann von dem/der Besitzer*in wieder mitgenommen werden. Ansonsten wird sie für einen guten Zweck gespendet.
„Auch wenn es Ausnahmen gibt und die Qualität der Kleidung manchmal nicht unseren Vorstellungen entspricht, stellen wir doch fest, dass es meist genug für alle gibt und die Solidarität groß ist“, erzählt Jennifer G.
„KlamottenTauschbar“ findet seit 2014 auch im Partykeller des Studierendenwohnheims in Berlin statt. Der Kleidertausch wird von der Selbstverwaltung des Gebäudes zusammen mit ehemaligen Mitgliedern alle halbe Jahre organisiert.
Eine Treppe führt hinunter zum Partykeller. An der Wand hängen Billardstäbe. Drumherum stehen Sofas, auf denen Menschen sich über Themen wie Konsumverhalten und Nachhaltigkeit unterhalten. Zwei kleine Jungs sind mit dem Kicker beschäftigt, während die Eltern sich am Buffet auf Spendenbasis bedienen. Der umfunktionierte Partykeller wird ein Ort für soziale Kontakte.
Gespräche und Diskussionen entstehen auch wegen eines kleinen runden Tisches in einer Ecke des Raumes. Darüber hängt ein Zettel, auf dem geschrieben steht: “Müllecke – für alles mit Löchern und Flecken“. Bei jedem Kleidertausch entsteht dort ein großer Berg an Kleidung und soll die Menschen zum Nachdenken und selbst reflektieren anregen.
Was außerdem auffällt – es gibt nur Frauenkleidung zur Auswahl. Männer sind meistens nur die Begleitung. Deswegen versuchte die Selbstverwaltung, die männliche Beteiligung zu erhöhen. Zudem wünscht sich eine Mitveranstalterin, dass die Kleidertauschparty eine Möglichkeit füreinkommensschwache Personen biete. Die Gäste sind nicht verpflichtet, Kleidung mitzubringen und die Anziehsachen befinden sich in einem guten Zustand.
Was mit den Anziehsachen am Ende des Kleidertausches geschieht:
Die übergebliebenen Sachen des Kleidertausches werden an lokale Organisationen aufgeteilt. Das Hauptkriterium bei der Auswahl der Organisationen ist, dass die Kleidung weiterverwendet wird. Dazu zählen die Sozialkaufhäuser der Caritas und der DRK-Laden des Deutschen Roten Kreuz. Dort werden die Anziehsachen zu einem geringen Preis verkauft und die Erlöse für die Finanzierung sozialer Angebote genutzt. Der Rest wird zum Beispiel an die Wärmestube oder die Kleiderkammer vom Deutschen Familienverband vergeben und an Obdachlose und Bedürftige verteilt.
„Der Wunsch der Veranstalter*innen ist es, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu vertiefen. Außerdem ermöglicht NEO soziale Verantwortung in der Hochschule und Gesellschaft“, sagt Mona S.
Neben zahlreichen Kleidertauschpartys organisiert NEO verschiedene Veranstaltungen und führt diese durch. Dazu gehören zum Beispiel konsumkritische Stadtrundgänge, Workshops zur Herstellung von Reinigungs- und Pflegeprodukten, Vorträge und Filmvorführungen zu nachhaltigen Themen.
Wir bedanken uns bei den Veranstalter*innen für Ihre Unterstützung.
Auf der Veranstaltungsseite von Greenpeace finden Sie Kleidertauschpartys, die in Ihrer Nähe stattfinden. Oder sind Sie daran interessiert, Ihren eigenen Kleidertausch zu organisieren? Dann finden Sie hier eine Vorlage.
Unser heutiges Interview im Rahmen der #kaufnix-Kampagne mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Kemfert dreht sich um das Wachstumsparadigma und mögliche Handlungsoptionen, die zu mehr Nachhaltigkeit führen.
Änderung von Konsummustern?
Deutsche Umweltstiftung (DUS): Unsere Kampagne fordert ein Ende des maßlosen Konsums. Dies würde sich auch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Was denken Sie, brauchen wir Wirtschaftswachstum? Warum bzw. warum nicht?
Claudia Kemfert (CK): Wachstum ist eigentlich etwas Wunderbares – nicht nur in der Kindheit wachsen wir, sondern unser ganzes Leben lang. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Teil eines ewigen Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Leben ist Wachstum. Die Erde ist über Milliarden von Jahren zu dem gewachsen, was sie heute ist. Und sie dreht sich immer weiter. Wäre das Wirtschaftswachstum ähnlich organisiert, würden wir uns darüber freuen.
Problematisch ist ein ungezügeltes Wirtschaftswachstum, das den
Planeten zerstört statt ihn zu beleben. Wir müssen das Wirtschaftswachstum vom
fossilen Energieverbrauch entkoppeln. Und wir müssen uns abgewöhnen, das
Wirtschaftswachstum als Maßstab für Wohlstand zu definieren. Statt vor der
Tagesschau Börsenkurse zu zeigen, sollten wir lieber die Indikatoren der
Nachhaltigkeit unseres Planeten erfahren: Ressourcenverbrauch, die Sauberkeit
der Luft oder der Anteil erneuerbarer Energien.
Wachsender Umweltschutz, wachsende Gesundheit, wachsender
Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie hingegen sind wünschenswert.
Der wachsende Einsatz von beispielsweise erneuerbarer Energien, klimaschonender
Mobilität, steigender Gesundheitsvorsorge sowie Techniken zur Herstellung von
sauberem Trinkwasser kann für wachsenden Wohlstand sorgen. Dann wäre Wirtschaftswachstum
nicht die Ursache eines globalen Klimawandels, sondern dessen Lösung.
DUS: Sind die Klimaschutzziele und uneingeschränkter Konsum miteinander vereinbar? Sollten wir unseren jetzigen Konsum einschränken?
CK: Auch hier ist die Frage: Konsum von was? Konsum, der zu Überfischung, Vermüllung und Zerstörung der Erde führt, muss natürlich aufhören und zwar sofort! Aber wir werden die Treibhausgase nicht allein über Verzicht um 95% reduzieren. Ein solches Ziel scheint unerreichbar fern. Wir müssen den Menschen einen machbaren Weg zeigen und dafür auch politisch die Weichen stellen. Statt Askese zu predigen und zu üben, sollten wir uns freuen: Mit Klimaschutz bleibt die Welt lebenswert. Klimaschutz macht Spaß. Und nachhaltig konsumieren ist einfach.
DUS: Was braucht es, um das angestrebte 2-Grad-Ziel zu erreichen? Denken Sie, es ist machbar, dieses Ziel zu erreichen?
CK: Sicher ist das machbar! Es bedarf aber eines kompletten Umsteuerns in allen Bereichen: Ab sofort muss jede Investition statt in fossile in erneuerbare Energien fließen. Das Motto lautet: „Renewables First“! Also Schluss mit Subventionen für fossile oder atomare Energien. Stattdessen müssen die Folgeschäden endlich eingepreist werden. Wenn Öl, Gas und Kohle so teuer wären, wie sie es in Wahrheit sind, werden die Leute mit großer Begeisterung auf Wind, Wasser, Sonne und Geothermie umsteigen. Wir brauchen eine Regulierung der Finanzmärkte für attraktive Investitionen in die globalen Energiewende. Das ist der Anfang und mit dem entsprechenden politischen Willen leicht umzusetzen. Dann geht’s weiter mit dem nächsten Schritt: Alle Produkte müssen nachhaltig und recycelbar sein. Die Mobilität sollte öko-elektrisch und klimaneutral sein. Auch das kann man durch entsprechende Rahmenbedingungen ermöglichen und einen Wettbewerb klimabewusster Ökonomie in Gang setzen.
Handlungsmöglichkeiten zu mehr Nachhaltigkeit
DUS: Effizienz, Suffizienz und Konsistenz gelten als Strategien der nachhaltigen Entwicklung. Wenn Sie diese Strategien gewichten, wie würde das aussehen und warum?
CK: Das Problem an solchen Begriffen ist leider immer, dass man sich erstmal verständigen muss, was damit gemeint ist. Dabei ist doch klar, dass wir – nach über 40 Jahren Diskussion über die Grenzen des Wachstums, über Umwelt- und Klimaschäden als Folge unseres Wirtschaftens – jetzt endlich handeln müssen.
Effizienz, die Vermeidung von Verschwendung, also mit möglichst wenig Ressourcenverbrauch ans Ziel zu kommen, ist dabei natürlich wichtig. Andererseits neigt der Mensch dazu, ständig mehr zu wollen. Das führt zu sogenannten Rebound-Effekten. Autos beispielsweise verbrauchen heute theoretisch weniger Sprit als früher, tatsächlich aber verbrauchen sie mehr, weil sie größer und schwerer geworden sind und mit Klimaanlage und elektronischem Service unterm Strich einen höheren Energieverbrauch haben als die Spritfresser früherer Jahrzehnte.
Suffizienz, Genügsamkeit, ist deswegen der logische nächste Schritt. Oder anders gesagt: Verzicht scheint unverzichtbar. Wir brauchen ein Konsumbewusstsein, das den realen Bedarf hinterfragt und vor allem die jeweiligen Folgen eines bestimmten Konsumverhaltens einbezieht. Wenn wir nicht von selbst aufhören, immer mehr zu brauchen, müssen wir eine klimaverträgliche Obergrenze definieren. Eine Art CO2-Budget ist sinnvoll: wenn jeder Mensch nur noch 6,5 Kilogramm CO2 pro Tag ausstoßen darf, dann wird er lernen, wie er mit weniger zurecht kommt. Jedes Land ist gefordert, dass dieses Klima-Budget nicht überschritten wird und muss dies mit entsprechenden Maßnahmen umsetzen.
Konsistenz, Kreislaufwirtschaft, also eine Welt ohne Abfälle,
in der alles wiederverwertet wird, ist ein verlockender Gedanke. Die Natur
macht es uns in wunderbarer Weise vor. Bislang gelingt es uns nur, die
Lebensdauer von Rohstoffen im Verwertungsprozess zu verlängern, von echten
Kreisläufen kann kaum die Rede sein. Es wird zwar viel von „Re-Cycling“
gesprochen, aber vollkommene Kreisläufe sind noch Utopie.
Deswegen ist die Strategie-Diskussion nicht hilfreich, erst
recht nicht die Frage, welche der Strategien die beste ist. Derzeit sollten wir
alle drei Wege beschreiten, gleichzeitig nebeneinander oder am besten
miteinander verzahnt. Hauptsache, wir kommen endlich mit großen Schritten weiter!
DUS: Wie schätzen Sie die Handlungsmöglichkeiten der Politik ein? Wie kann/muss die Politik dazu beitragen, Suffizienz zu verwirklichen?
CK: Die Verantwortlichen in der Politik sind genauso gefragt wie jeder einzelne Mensch. Es geht vor allem darum, jegliches Wirtschaften komplett auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz auszurichten. Dies braucht einem bunten Strauß an Instrumenten aus Ordnungsrecht und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Politik muss die Instrumente bauen und zur Verfügung stellen; die Menschen müssen dann verantwortungsbewusst, kreativ und harmonisch auf ihnen spielen.
DUS: Was denken Sie über die Bewegung “Scientists for Future”? Unterstützen Sie die Bewegung?
CK: Ich habe als eine der Erstunterzeichnerinnen den Appell unterzeichnet unterstütze die Bewegung und war bisher auch beim March for Science dabei. Die Wissenschaft hat die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse in die aktuelle Debatte einzubringen und auf die Dringlichkeit des Handelns hinzuweisen. Die Schülerinnen und Schüler der „Fridays for Future“ fordern völlig zu recht viel ambitionierteres Handeln ein, sie sind die Betroffen. Die Wissenschaft liefert seit über 40 Jahre wissenschaftliche Fakten, die Politik reagiert zu zögerlich und zu spät. Wir haben keine Zeit mehr. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem.
DUS: Sie arbeiten in einem Institut. Warum haben Sie sich für dieses Institut entschieden und was denken Sie, ist die Rolle des Instituts in der nachhaltigen Entwicklung?
CK: Wir liefern seit über 15 Jahren wissenschaftliche Erkenntnisse zum besseren Verständnis, welche ökonomischen Konsequenzen ein ungebremster Klimawandel und auch Klimaschutzmaßnahmen haben werden. Die Rolle der Wissenschaft ist eindeutig: wissenschaftliche Erkenntnisse müssen in der Politikberatung und in der öffentlichen Diskussion eingebracht werden.
Frau Prof. Dr. Claudia Kemfert hat Wirtschaftswissenschaften studiert und leitet seit 2004 die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Sie ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der privaten Universität, der Hertie School of Governance, in Berlin und als Gutachterin und Politikberaterin in verschiedenen Nachhaltigkeitsbeiräten und Kommissionen tätig.
Wachstum und Konsum bereiten
vielen Menschen große Freude. Sie gehen einher mit Wahlmöglichkeiten und einem
vermeintlichen Gefühl der Freiheit. Konsumverzicht und Genügsamkeit sind nicht
automatisch gleichermaßen beglückend, und dennoch bedeuten sie die neue –
notwendige – Stufe der Zivilisierung.
Der Mensch ist ein Tier, aber ein besonderes. Gewöhnlich
wird hervorgehoben, dass es sich um ein zu herausragender Intelligenz
befähigtes Wesen handelt, Homo sapiens
– der vernünftige Mensch. Diese Vernunft reicht soweit, dass wir derartig
intensiv über uns selbst nachdenken können wie wohl sonst keine anderen
Organismen. Wir machen uns sogar über schier Unvorstellbares Gedanken wie den
eigenen Tod. Eigentlich sind wir Menschen zukunftsfähig, weil wir
Zukunftsszenarien entwickeln können, die über unser eigenes Ende hinausgehen.
Wir sind so schlau, dass wir für etwaige riskante, schlechtere Zeiten vorsorgen
können. Wir können aktuelle Bedürfnisse zurückstellen, um Ressourcen für die
Zukunft zu sammeln und aufzubewahren oder uns gar auf ein angenommenes Leben im
Jenseits vorbereiten. Wir empfinden Empathie mit Mitmenschen – unter Umständen
sogar mit solchen, die noch nicht geboren sind, und wir kooperieren mit
unseresgleichen. Diese Gefühle zeichnen den Menschen in besonderem Maße aus:
ein vernunftbegabtes und soziales Wesen mit einem gewissen Faible für
zukunftsorientiertes Risikomanagement durch Anhäufen von Ressourcen. Aus dieser
Mischung wurde ein Erfolgsmodell – und gleichzeitig ein ‚evolutiver Sprengsatz‘.
Keine Art vor uns hat es aus eigener Kraft geschafft, den gesamten Planeten zu
besiedeln, die unterschiedlichsten Ökosysteme für das Überleben zu nutzen,
fossile Ressourcen aus vergangenen Erdzeitaltern anzuzapfen, sich global zu
vernetzen und letztlich ein exponentielles Wachstum von Population und
Ressourcenumsatz zu erreichen.
Durch Wachstum zum
Erfolg – und zurück
Der sein eigenes Wachstum entfesselnde Mensch hat die
Regulation durch das globale Ökosystem scheinbar außer Kraft gesetzt … endlich
die Fesseln der Natur gesprengt, die unsere Freiheit über Jahrtausende beschränkte.
Der Mensch maximiert die Ressourcenverfügbarkeit für sich selbst – aber auf
Kosten der Ressourcen für andere Arten und die Funktionstüchtigkeit des großen
Ganzen. Eine verhängnisvolle Falle, die sehr groß ist und deshalb nur langsam
und unmerklich zuschnappt. Denn das globale Ökosystem wird auch unser Wachstum
wieder einhegen, so wie es die starke Vermehrung von Algen, Krankheitserregern
oder Heuschrecken früher oder später wieder einfängt. Im Moment zählt aber nur:
Während die Verfügbarkeit fundamentaler Lebensressourcen für jüngere und
spätere Generationen schwindet, gelingt es zumindest einer großen Gruppe der aktuell
lebenden Menschen, ein historisch einzigartiges Wohlergehen zu erreichen, indem
der materielle und energetische Einsatz von Ressourcen ins Unermessliche
gesteigert wird. Dieses Wachstum zahlt sich kurzfristig aus, ist angenehm,
macht Spaß, regt an, vermehrt Handlungsoptionen und die Selbstwirksamkeit. Zugegeben,
das neue Zeitalter der großen Beschleunigung, nennen wir es Tachyzän, überfordert uns inzwischen
auch schon mal. Aber der Stress mit „Hülle und Fülle“ ist nichts gegen
Hungertod und Unfreiheit. Als Hochkultur berauschen wir uns an vor Kurzem noch
kaum absehbaren Leistungen der Menschheit: Wir überwinden die Grenzen der
früheren Generationen, fliegen mit Überschallgeschwindigkeit umher, besuchen
andere Planeten, fotografieren schwarze Löcher, bauen kilometergroße Gebäude,
die uns unsere eigene Größe spiegeln, entwickeln Apparate mit künstlicher
Intelligenz, die uns immer mehr mühselige Arbeiten abnehmen. Ist das alles nicht
großartig? Natürlich ist es das. Nicht viel scheint deshalb dafür zu sprechen,
diesen Trip freiwillig zu beenden. Außer vielleicht das zukünftige Leid
Jüngerer und Nichtgeborener, die vom beschädigten globalen Ökosystem nicht mehr
ernährt und beschützt werden können? Nach einigen Jahrzehnten des
exponentiellen Wachstums von Material- und Energieumsatz, technologischer
Entwicklung und unserer Population ist es schwieriger geworden, die Folgekosten
zu ignorieren oder zu verbergen. Energie- und Platzbedarf unseres
Wachstumshungers sind die größten Probleme. Ursprünglich setzten Menschen mit
ihrem Körper ca. 3,5-5 Giga-Joule (GJ) pro
Jahr und Person um – inzwischen ist der Energieumsatz bis um das Hundertfache
gesteigert. Um eine Nahrungs-Kalorie bereitzustellen, setzen wir für manche
Produkte ein Vielfaches an (meist fossiler) Energie ein. Inzwischen haben wir
allein ca. die Hälfte der Biomasse auf den Kontinenten verbraucht … gegessen,
verbrannt, verdrängt. Die allermeisten bioproduktiven Flächen nutzen wir für
unsere Zwecke und lassen anderen Mitbewohnern der Erde immer weniger Platz. Die
letzten sich mehr oder weniger selbst steuernden Ökosysteme zerschneiden und
stören wir mit Straßen und anderer Infrastruktur. Allesamt – zu Lande und zu
Wasser – traktieren wir sie mit Giftstoffen und setzen sie einem sich
beschleunigenden Klimawandel aus. Die Folgewirkungen schlagen inzwischen auch
auf die Menschen zurück: Wetterkatastrophen, Ernteeinbußen oder neuartige
Erkrankungen sind nur einige Beispiele.
Aber dies alles lässt sich ja vielleicht reparieren und
zukünftig vermeiden, weil uns noch großartigere Erfindungen einfallen, die uns
ein fortgesetztes Wachstum ermöglichen: künstliche Manipulation der Atmosphäre
zum Beenden des Klimawandels, unbegrenzte Energieverfügbarkeit durch
Kernfusion, künstliche Photosynthese und im Labor gezüchtetes Fleisch zur
Ernährung der wachsenden Bevölkerung, letztlich die Besiedelung von Ozeanen und
des Alls … – Was nur, wenn nicht? Was, wenn wir die Rechnung ohne den Wirt
machen – das globale Ökosystem?
Haste was, biste was –
wie in der Gesellschaft, so in der Natur?!
Die individuelle Erfahrung der meisten Menschen sowie auch die Kollektiverfahrung der globalen Zivilisation mit ihrer vermeintlichen Fortschrittskultur besagen, dass ein Mehr an Ressourcen – für mich und die meinen, heute und morgen – größeren Wohlstand, bessere Gesundheit und die Verringerung vieler unmittelbarer Risiken bedeutet. „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, „Haste was, biste was“, „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden“ (Bibel, Matthäus 25:29). So ist das nämlich. Wir haben gelernt, Mitmenschen nicht nur durch unsere Fähigkeiten zu beeindrucken, sondern vor allem durch unseren Besitz, unseren Schmuck und unsere Kleidung, die anzeigen, dass wir erfolgreich und vertrauenswürdig sind. Besitz um des Scheins willen und Statussymbole finden sich weltweit wohl in den meisten Kulturen. Federschmuck, Amtskette, Frack, Porsche und iPhone verleihen uns Würde, Respekt oder Anerkennung. Digitalisierung und Informationstechnologie haben nicht nur unseren Zugang zu vorher unerreichbaren Ressourcen erleichtert, sondern auch das Wünschbare vervielfältigt. Die ganze Erde ist nicht ein Dorf, sondern ein globales Schaufenster geworden, eine Shopping-Mall sowie ein weltweites Theater, in dem sich alle Nutzer*innen der sozialen Medien etwas mit ihrem Konsum vorspielen können.
Nach wie vor sind die materiellen Vorteile von größerem Besitz nicht von der Hand zu weisen. Wenn unser Kapital abundant ist oder gar wächst, können wir es einsetzen, um es zu vermehren. Tatsächlich ein recht natürliches Geschehen, das auch in Ökosystemen zu beobachten ist. Wenn nach einem Vulkanausbruch ein nackter Fels von Bakterien, Flechten und ersten Pflanzen besiedelt wird, kommt es ebenfalls zu einem exponentiellen Wachstum. Wo viele Pflanzen wachsen, können mehr Sonnenenergie und weitere Ressourcen gebunden werden, entsteht mehr Biomasse, die günstig auf die Produktivität wirkt … es kommt zu einer Eskalation des Lebens. Schnelles nichtlineares Wachstum ist eine wichtige Strategie der belebten Natur, um Lücken zu füllen, Gelegenheiten zu nutzen und neue Chancen zu eröffnen. Wenn allerdings der physisch verfügbare Raum aufgebraucht ist, schalten Ökosysteme um, ohne ihre Funktionen einzustellen: Es reduziert sich das Massewachstum und strebt letztlich gegen Null. Im System erfolgt nur noch qualitatives Wachstum in Form von immer neuer genetischer Information, einer Zunahme von unterschiedlichen Arten, Lösungen und Lebensstrategien, die zu einer effizienteren Ressourcennutzung, einer erhöhten Systemintegration und vor allem zu einer immer besseren Selbstorganisation und –regulation im System führen. Dies bedeutet in ‚reifen‘ Ökosystemen einen Rückgang von Konkurrenz und eine Steigerung der Bedeutung von Kooperation und positiver Interaktion zwischen den Systemkomponenten. Ressourcen werden effizient aufgenommen, verwendet und – sofern möglich – recycelt. Die Wahrscheinlichkeit von abruptem Wandel und Zusammenbruch wird zumindest reduziert. Das System operiert an den Grenzen des Wachstums und ist suffizient. Kann uns als menschliche Gesellschaft Vergleichbares gelingen? Können wir Triebe und Wachstumswünsche regulieren und hintanstellen? Können Solidarität und Kooperation Konkurrenz- und Wachstumszwang eindämmen?
Menschliche
Selbstzähmung und ökologische Zivilisierung
Basta! Es muss doch reichen. Menschen können nachgewiesenermaßen mit sehr viel weniger Konsum glücklich sein, gegebenenfalls sogar deutlich glücklicher als der von sozialem Verbrauchs- und Darstellungszwang, Dauerwerbebeschallung und Beschleunigung gestresste Mensch der entfesselten Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Tatsache ist zudem, dass uns ein enormes Potenzial der Selbstzähmung innewohnt. Im Rahmen der Zivilisierung haben wir gelernt, uns Regeln des Zusammenlebens zu geben und sie mehr oder weniger zu respektieren; wir sind überwiegend in der Lage, Flucht- und Angriffsreflexe zu unterdrücken. Unsere Kultur hat uns beschert, dass sogar bei steigender Bevölkerungsdichte das Risiko, gewaltsam in Konflikten zu Schaden zu kommen, erheblich reduziert wurde. Den Individuen fallen das Unterordnen und Zurücknehmen in vielerlei Lebenslagen durchaus schwer, aber gesellschaftliche Normen, Erziehung und Bildung geben uns einen lenkenden Rahmen. Dabei sind wir in der Lage, unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche hintanzustellen, vor allem, wenn wir von der Gesellschaft bzw. vom Staat nicht gezwungen werden, sondern wenn uns Anerkennung und Belohnung winken. Menschen sind nicht nur veranlagt, möglichst viel haben zu wollen und sich alles zu nehmen, was sie bekommen können. Wir sind auch empathisch und solidarisch, wir sind bereit, Not zu lindern. Und uns ist die Vernunft gegeben, uns selbst kritisch zu hinterfragen und unser Handeln zu überdenken. Das fällt leichter, wenn es dafür Anerkennung gibt. Auch mit guten Taten kann man sich darstellen, Anhänger*innen und Follower gewinnen – viele Celebrities machen es vor.
Alle Menschen können sich dafür einsetzen, dass sie nicht mehr in erster Linie als Verbraucher*innen bezeichnet und angesehen werden. Sie können mit Eigeninitiative vorangehen und müssen gleichzeitig die angemessenen politischen Rahmensetzungen einfordern. Nur mit einer gesamtgesellschaftlichen ergebnisoffenen Anstrengung, Entwicklung und Zivilisierung wirklich neu zu denken und die Wurzelgründe unserer Probleme abzustellen, können wir eine echte Transformation schaffen. Wir müssen eine Kultur anstreben, in dem das soziale oder ökologische Jahr und die in ihm gewonnenen Erfahrungen mehr zählen als ein Porsche. Teilzeitarbeit, unvergütete Beschäftigungen und Beiträge zur Selbstversorgung gehören politisch aufgewertet und unterstützt. Tätigkeiten für Menschen und Natur verdienen eine besondere Förderung – z.B. durch freien Zugang zu bestimmten Leistungen etwa im kulturellen Bereich. Konsum und Schadschöpfung durch Produktion müssen angemessen besteuert werden. Eine CO2-Steuer kann nur der Anfang sein, genauso müssen Wasser- und Landverbrauch sowie die Störung von Ökosystemen angemessen verteuert werden. Konsumvermeidende Geschäftsideen, Reparatur und Recycling bedürfen der massiven Förderung. Bildungspolitisch ist die Bedeutung der Ethik aufzuwerten. Wir benötigen eine intensivere Reflektion über die Folgewirkungen unseres Handelns und deren Vermeidung sowie ein Nachdenken darüber ‚was wirklich zählt‘.
Bereits
1993 erfand der Soziologe Wolfgang Sachs das Konzept der Suffizienz. Im selben
Jahr warb Walther Kösters für eine „ökologische Zivilisierung“. Beides hat ein
Vierteljahrhundert später erheblich an Brisanz gewonnen. Allem Wachstum zum
Trotz, das damals noch gar nicht vorstellbar schien. Wachstum verringert die
Halbwertzeit von so mancher Technologie und vielerlei Wissen – unbequeme
Wahrheiten und richtige Ideen schafft es nicht aus der Welt.
Prof. Dr. Pierre Ibisch ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und Mitherausgeber des Buchs „Der Mensch im globalen Ökosystem. Eine Einführung in die nachhaltige Entwicklung“. Er wirbt für eine ökologische Radikalität und ökosystembasierte nachhaltige Entwicklung. Er verfasste bereits vor einem Jahrzehnt u.a. für ZEIT ONLINE Beiträge zur Suffizienz und Nachhaltigkeit wie etwa „Das Primat des Wirtschaftswachstums beenden“ „Nicht die Armut, das Wachstum muss bekämpft werden“. Siehe auch Interview „Wirtschaftswachstum ist schädlich“ auf Deutschlandfunk Kultur.