Wie können wir darauf verzichten, die Mitwelt zu zerstören? – ein Gastbeitrag von Maja Göpel

Beim Gedanken an eine suffiziente Wirtschaft ziehen die betroffenen Akteure/Akteurinnen häufig ein saures Gesicht und lästern über Verzichtsrhetorik. Das ist alltäglichem Verhalten und politischen Rahmenbedingungen geschuldet – muss aber nicht so bleiben.

Ein Gutes Leben für alle ist nur im Einklang mit den Regenerationszyklen der Natur möglich. Foto: SplitShire / Pixabay.

Wieso wird es in Wohlstandsgesellschaften mit stabilen Bevölkerungszahlen als naiv oder politisch unrealistisch abgetan, eine Suffizienzwirtschaft zu fordern? Wieso scheint ein Wohlfahrtsmodell mit genug materieller Versorgung für ein glückliches, gesundes und produktives Leben der Bevölkerung utopisch zu sein – selbst wenn die negativen Folgen eines überdrehten Wachstumsmodells der Überproduktion und Müllproblematik bekannt sind?

Diese Fragen sind für Nachhaltigkeitsforscher*innen und -politiker*innen zentral. Denn ein Wohlfahrtsmodell des friedlichen globalen Zusammenlebens kann nur eines sein, das ein Gutes Leben für alle Menschen mit den Logiken der Regeneration unserer Ozeane, Wälder, Böden, Artenvielfalt und Klimastabilität in Einklang bringt. Wie aber kommen wir zu einem solchen Modell?

1. In der Komfortzone sein ist menschlich

Menschen sparen durch Routinen viel Energie. Neurowissenschaftler*innen können abbilden, wie sich eingeschleifte Abläufe mit weniger aktivem Nachdenken und Hinterfragen entspannend auf das Gehirn auswirken. Wir funktionieren dann auf Auto-Pilot. Verhaltensforscher*innen haben durch Beobachtungen festgestellt, dass wir bevorzugen, was uns bekannt vorkommt, gute Assoziationen hervorruft oder schlicht im Geschäft auf Augenhöhe steht.

Neues testen und Routinen durchbrechen bedeutet mehr Anstrengung, selbst wenn es sich spannend anfühlt. Unter dem Schlagwort „Nudging“, dem Versuch der aktiven Beeinflussung von menschlichen Verhaltensweisen, wurden diese Erkenntnisse für Strategien in Richtung Nachhaltigkeit diskutiert. Es hagelte Proteste. Der Staat solle uns nicht bevormunden. Was nicht diskutiert wurde, waren die Effekte der schon jetzt überall vorhandenen Nudges. Auch seltsam unterbelichtet blieb die Tatsache, dass ein riesiger Werbe- und Marketingsektor sich durch den Verkauf erfolgreicher Nudging-Strategien definiert und finanziert.

Die aktuellen Nudges stupsen uns oft gerade nicht in Richtung Nachhaltigkeit, sondern Überkonsum. Diesen „normalen“ Lebensstil kultiviert z.B. die Werbung. Sie nutzt die Forschungsergebnisse der Psychologie, Neurowissenschaften und Soziologie um zu verhindern, dass wir uns für ein anderes Produkt entscheiden oder uns mit dem zufrieden geben, was wir haben.

Nicht die Produktmerkmale, sondern Geschichten über damit verbundene Erlebnisse, also unsere Assoziationen und Emotionen, stehen dabei im Mittelpunkt. Abenteuer, Status, Spaß, Geld sparen. Und je stärker die Geschichten ziehen, desto höher bewerten wir den Vorteil, desto mehr hormonelle Botenstoffe belohnen uns für diese Leistung mit Glücksgefühlen. Dieser biologische Nudge aus Zeiten der Überlebenssicherung wirkt selbst in Übersättigungsgesellschaften – wenn auch nur kurzfristig.

Denn neben der Bequemlichkeit wohnen in der Komfortzone auch Gewöhnung und Sicherheit. Studien zur „Hedonistischen Tretmühle“ zeigen auf, dass Zugewinne sich schnell als Standard anfühlen. Dadurch wächst das, was wir als genug empfinden ständig mit. Insbesondere wenn wir uns mit anderen vergleichen und diese deutlich mehr haben. 

2. Überproduktionsgesellschaften: ständig davonlaufende Komfortzone 

Wir leben in einer Form des Wirtschaftens, die nur eine Richtung kennt: Mehr. Wachstum der produzierten Waren und Dienstleistungen ist und bleibt das übergeordnete Ziel, trotz lange stabiler Bevölkerungszahlen und historisch einzigartigem Wohlstand wie Reichtum. Wieso ist das so?

Befragen wir die traditionelle Ökonomie, ist das schlicht rational. Sie hat ihr ganzes Theoriegebäude um ein Menschenbild gebaut, das egoistische Nutzenmaximierer beschreibt. Die Anteile des Altruismus, der Freude am Teilen und des Nein-Sagens im menschlichen Repertoire kommen in der Theorie nicht vor. Wir bleiben nur dann friedlich und glücklich, wenn unser Konsum und Besitz kontinuierlich ansteigt. 

Nur sind sie in einer Zeit entstanden, in der es etwa 1 Milliarde Menschen gab, wenig materielle Versorgung und keine Ahnung, dass Menschen die Erde in ihrem Metabolismus verändert könnten. Jetzt befinden wir uns mitten im Anthropozän: Die Vorstellung von immer mehr für alle und für immer ist schlicht unrealistisch geworden.

Glücklicherweise können wir das Wissen darum, dass es v.a. Erlebnisse und Erfahrungen sind, die Wohlergehen ausmachen, auch für material- und emissionsarme Lebensstile nutzen. Denn ist die materielle Versorgung gesichert, stehen Gesundheit, soziale Beziehungen und produktive Teilhabe sowie Anerkennung im Mittelpunkt eines Lebens mit hoher Lebensqualität.

Doch dafür gilt es, die Idee und gesellschaftliche Organisation des Guten Lebens neu auszurichten. Denn aktuell tut die Konsum- und Wettbewerbskultur alles dafür, dass diese Erlebnisse und Erfahrungen direkt mit „mehr haben“ zusammenhängen: Sage mir, was du verdienst, besitzt und bereist und ich sehe, was du wert bist. Dazu kommt die Privatisierung in vielen Bereichen der Daseinsvorsorge – gute Bildung, Krankenversicherung, Wohnraum, Rente und ökologische Lebensmittel sind im Zweifel nur noch dann sicher zugänglich, wenn ich zuzahlen kann. 

Gleichzeitig ist gerade seit der Finanzkrise 2008 so viel Geld in Umlauf gebracht worden und Zinsen so stark gesenkt worden, dass ungekannte Geldvolumen in privater Hand auf der Suche nach möglichst hoher oder sicherer Rendite die Privatisierung weltweit vorantreiben. Rasante Steigerungen der Mieten und Grundstückspreise sind die Konsequenz. Gekoppelt mit verhältnismäßig geringen Lohnsteigerungen sowie zerschmelzenden Ersparnissen durch Minimal-Zinsen wird ein Teilzeitjob zur Hochrisiko-Strategie. Die vergleichsweise höheren Preise für ökologisch-sozial produzierte Waren und Dienstleistungen werden dagegen zur Barriere für Durchschnittsverdiener*innen. So leben wir heute in Strukturen, in denen ein auf Suffizienz und starke Nachhaltigkeit ausgelegtes Leben genau eins bedeutet: gegen den Strom zu schwimmen.

3. Ein großes Umdenken für unsere gemeinsame Zukunft

Das macht doch keinen Sinn? Finden immer mehr Menschen in Deutschland auch. Und so wird in einigen, meist urbanen Ballungszentren aus dem Gegen-den-Strom Schwimmen ein Trend. Und Trends haben den Vorteil, dass sie die Komfortzonen verändern. Bestelle nicht nur ich die Bio-Kiste, sondern viele andere auch, können wir unsere Informationen und Erfahrungen teilen, uns gegenseitig in der guten Intention bestätigen. Wir können die Kisten von der Lieferstation mitbringen und anderen davon erzählen. Das reduziert den Aufwand und führt im besten Fall zu mehr Anbieter*innen und damit mehr Liefertagen und einem breiteren Spektrum an Produkten – also einfacheren Routinen.

Ist eine bestimmte Anzahl von Menschen in den Trend eingestiegen, verändern sich Normsetzungen und Idealvorstellungen darüber, was angemessen, sinnvoll und erfolgreich ist.  Schritt für Schritt zeigen sich neue Erfolgsdefinitionen, Geschäftsmodelle, Kooperationsformen und Investitionsstrategien. Das Angebot an alternativen Komfortzonen wächst und wir verzichten darauf, die Umwelt zu ruinieren. Bald ist eine kritische Masse erreicht, bei der das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe entsteht.

Um aber aus der Nische zu kommen und volkswirtschaftlich stabil zu funktionieren, braucht eine Suffizienzwirtschaft zunächst einmal einen anderen Polarstern: das endlose Wachstum ökonomischer Produktion und dessen Absatz, wie im BIP gemessen, steht einem Genug schlicht im Weg. Ein neuer Polarstern könnte Wohlbefinden (Wellbeing) oder eben Gutes Leben sein, was sich nun auch ein global rasant wachsendes Netzwerk mit vielen Initiativen und einige Regierungen auf die Fahnen geschrieben haben. Verbindliche Leitplanken des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen sind ein Anteil, z.B. Konsumbudgets für CO2, ein Steuersystem, das Ressourcenproduktivät anreizt und nicht die noch intensivere Ausbeutung menschlicher Arbeitszeit oder ihren Ersatz durch Roboter.

Die Produktivitätsgewinne und Automatisierungsprozesse durch neue Technologien gilt es mit Arbeitszeit-, Einkommens- und Sozialversicherungssystemen auszubalancieren, die Wertschöpfung wieder bei den daran Beteiligten ankommen lässt und Wertextraktion in Richtung der Investoren reduziert. Verbindliche Reduktion der Arbeitszeit für Alle ließe aus der Hochrisikostrategie den Zeitwohlstand werden, den viele als Wunsch formulieren. 

Und zu guter Letzt gilt es, die massive Konzentration von Reichtum zurückzudrehen. Aktuell gewinnen fast ausschließlich Menschen mit Investitionskapital dazu und viel zu viele Lebensräume – Wohnungen wie Infrastruktur wie Natur – werden in Investitionsobjekte transformiert, also in Renditeträger, deren Preise steigen sollen. Wenn die Angst weniger wird, hinter die anderen und das Gute Leben zurückzufallen, kann sich auch eine Kultur des Miteinanders leichter entfalten.

4. Suffizienzpolitik als Strategie für Gutes Leben im 21. Jahrhundert

Das klingt wie ein System-Update und ist es auch. Historisch betrachtet haben Projekte dieser Größenordnung aber schon stattgefunden. Sie gingen immer mit einem Paradigmenwechsel einher, der auch die geistigen Landkarten zum Verständnis der Welt neu zeichnete. So wie der Umbruch aus feudalen Agrargesellschaften zu kapitalistischen Industriegesellschaften mit neuen philosophischen und polit-ökonomischen Theorien einherging, so brauchen wir diese neuen Landkarten auch heute in Form von Institutionenrevolutionen und Technologiedurchbrüchen.

Solche tiefgreifenden Veränderungen finden längst rund um uns herum statt. Nur sind viele von ihnen nicht auf das Ziel der nachhaltigen Suffizienzwirtschaft ausgerichtet. Daher geht es neben dem Experimentieren, Trend-Setzen und Kommunizieren auch um das politische Einmischen für Suffizienzpolitik. Es geht um die Neukonfiguration von Identitäten, Interessen, Privilegien und Macht.

Suffizienzpolitik steht dafür, qualitativ blindes und zunehmend stressiges und ungerecht verteiltes Wachstum von Produktions- und Konsummengen unter der Diktatur der Finanzmärkte mit einer neuen Idee von Wertschöpfung zu ersetzen, die unter den Bedingungen eines 21. Jahrhunderts mit vielen Menschen und wenig Naturreserven sinnvoll ist. Sinnvoll weil friedens- und wohlfahrtstiftend, Menschen und ihre Mitwelt respektierend. Sinnvoll weil langfristig möglich im Sinne des Genug. Für Alle. Für Immer.

Über die Autorin
© Kai Müller

Als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) arbeitet Maja Göpel an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zum Thema Nachhaltigkeitstransformationen. Maja Göpel ist Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Mitglied des Club of Rome, der Balaton Group und des Deutschen Sustainable Development Solutions Network sowie Beirätin der Generationenstiftung und der Stiftung Entwicklung und Frieden und seit 2019 Policy Fellow beim Progressiven Zentrum. Maja Göpel ist diplomierte Medien-Wirtin, in Politischer Ökonomie promoviert und Mutter zweier großartiger Töchter.

Weniger Ressourcenverbrauch, mehr Lebensqualität – ein Gastbeitrag von Christine Wenzl

Für eine nachhaltige Entwicklung müssen wir unser Konsumverhalten umstellen und weniger verbrauchen. Doch um langfristig mehr Suffizienz zu erreichen, muss auch die Kommunal- und Bundespolitik aktiv werden und Umsteuerungsmaßnahmen ergreifen.

Umweltschädliche Subventionen beispielsweise für Dieselkraftstoffe und Kerosin liefern falsche Anreize. Foto: ResoneTIC / Pixabay.

Am 3. Mai 2019 war der deutsche Erdüberlastungstag: An diesem Tag hatte Deutschland – rein rechnerisch – alle für das gesamte Jahr zur Verfügung stehenden erneuerbaren Ressourcen verbraucht. Würden alle Staaten so wirtschaften und alle Menschen auf der Welt so leben wie Deutschland, so bräuchten wir drei Planeten.

Allzu offensichtlich haben wir die Grenzen unseres Planeten erreicht. Die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse sind alarmierend: Sie betreffen die Auswirkungen der Klimakrise, die Verschmutzung der Weltmeere mit Plastikmüll, den weltweiten Verlust der Artenvielfalt. Tatsächlich kalkulieren auch Wirtschaftsunternehmen, Banken und Versicherungen längst mit beträchtlichen Umweltschäden. Auch Ökonomen haben eingesehen: Wirtschaft kann nicht immer weiter wachsen. Zugleich stellen immer mehr Menschen hierzulande die Verheißungen des „immer schneller, immer mehr“ und eines unbegrenzten Konsums in Frage.

Weniger ist mehr: Von Reparaturinitiativen bis Radverkehr

Weniger ist mehr: Dieses Motto bringt immer häufiger Menschen zusammen. Sie setzen Ideen eines nachhaltigen Wirtschaftens und Lebens praktisch um. Weit über 700 Reparaturinitiativen organisieren deutschlandweit regelmäßige Treffen, um defekte Alltagsgegenstände gemeinschaftlich zu reparieren. Leihläden und Onlineportale ermöglichen weniger Konsum; in Ernährungsräten kommen Landwirte, Einkäuferinnen, Politik und Verwaltung zusammen, um unsere Städte gesund und regional zu ernähren und die bäuerliche Landwirtschaft im Umland zu erhalten.

Auch im eigenen Alltag pflegen immer mehr Menschen nachhaltige Lebensstile – indem sie auf Ökostrom umsteigen, weniger Fleisch essen und weniger Plastik verbrauchen oder Carsharing betreiben, statt selbst ein Auto zu besitzen. Oder indem sie öfter aufs Fahrrad steigen.

Ein Beispiel, das anschaulich zeigt, wie essenziell gute Rahmenbedingungen sind: Zugeparkte Radwege, zu schnell fahrende Autos, keine Abstellmöglichkeiten – dies und anderes mindert vielerorts die Freude am Radfahren. Dabei wünschen sich 79 Prozent der Deutschen bessere Alternativen zum Auto. Laut einer neuen Studie des Umweltbundesamtes ist eine große Mehrheit derer, die hauptsächlich Auto fahren, bereit, auf das Rad oder auf Öffentliche umzusteigen.

An diese Bereitschaft müssen Städte und Gemeinden stärker anknüpfen. Sie haben es in der Hand, die Nahversorgung zu verbessern, für einen preiswerten öffentlichen Verkehr mit guter Anbindung zu sorgen und mehr und bessere Radwege auszuweisen. Doch auch die Bundespolitik ist gefragt: Sie muss die Kommunen unterstützen. Man stelle sich vor, sie streiche die (jährlich!) 28,6 Milliarden Euro umweltschädlicher Verkehrssubventionen – und beschließe stattdessen, eine klimaschonende Mobilität zu fördern: mit einer Investitionsoffensive für den Rad- und Fußverkehr und einer Politik, die für deutlich weniger Autos in unseren Städten sorgt. All das würde unsere Lebensqualität spürbar erhöhen.

Klare Regeln, gute Angebote: Politik ist gefragt

Politische Maßnahmen, Anreize und Impulse sind auch in anderen Bereichen sind gefordert – und auch hier setzt der BUND mit seinem Engagement an.

Zum Beispiel Reparatur. Ein erster Schritt: In ihrer neuen Richtlinie für Ökodesign hat die EU z.B. für Waschmaschinen, Fernsehgeräte und Leuchten Vorgaben festgelegt, um die Reparatur zu erleichtern. So müssen Produkte zerlegbar sein und Ersatzteile verfügbar. Jetzt ist die Bundesregierung am Zug. Sie muss national dafür sorgen, dass Reparaturen für Verbraucher*innen tatsächlich leichter möglich werden.

Zum Beispiel Fleischkonsum. Durchschnittlich rund 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf verspeisten die Deutschen im Jahr 2017; als gesund gilt höchstens die Hälfte. Es ist Zeit für ökologische und vegetarische Alternativen auf den Speiseplänen von Kitas, Schulen, öffentlichen Kantinen. Und: Die Bundesregierung muss eine verbindliche Haltungskennzeichnung für Fleisch schaffen. Damit wir beim Einkauf erkennen können, wie die Tiere gehalten wurden.

Denn bislang wird die Verantwortung für einen Lebensstil, der weniger Ressourcen verbraucht, noch allzu oft als rein persönliche Entscheidung angesehen. Tatsächlich ist aber die Politik gefragt. Der BUND plädiert daher für Suffizienzpolitik. Sie muss den Rahmen setzen für zukunftsfähige Lebensstile und Suffizienz. Mehr Effizienz und technische Lösungen allein reichen nicht, um unseren Energie-, Material- und Flächenverbrauch absolut zu begrenzen. Auch wenn in der Gebäudesanierung, in effizienteren Geräten und Autos enormes Potenzial liegt: Unsere Klimaschutzziele bleiben außer Reichweite, wenn zugleich die Zahl der Autos, ihre Größe und Leistungsstärke weiter ungebremst wachsen. Oder wenn immer neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen, selbst bei sinkender Einwohnerzahl.

Umweltschädliche Subventionen streichen – Nachhaltigkeitsziele umsetzen

Die Bundesregierung muss politisch mutig und konsequent gegensteuern. Vor allem aber wird immer offensichtlicher, dass ein wirksamer Ressourcenschutz mit ungebremstem Wirtschaftswachstum nicht vereinbar ist. Es gilt, Alternativen aufzuzeigen. Für Wohlstand und soziale Gerechtigkeit – statt Wachstum um jeden Preis!

Ein erster konsequenter Schritt wäre, endlich alle umweltschädlichen Subventionen abzuschaffen. Die Subventionen – u.a. Steuervergünstigungen für Kohle, Dieselkraftstoffe und Kerosin – belaufen sich auf über 57 Milliarden Euro im Jahr. Sie belasten den Staatshaushalt doppelt: Zunächst durch Mehrausgaben und Mindereinnahmen des Staates, später durch erhöhte Kosten, um die  Schäden an Umwelt und Gesundheit zu beseitigen.

Einen guten Rahmen für eine nachhaltige Politikwende bilden die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Bis zum Jahr 2030 will die Weltgemeinschaft Hunger und Armut beenden, die weltweite Ungleichheit verringern, allen Menschen Zugang zu nachhaltiger Energie verschaffen, den Klimawandel bekämpfen, den Artenverlust stoppen. Die Ziele machen Hoffnung, sie gelten für alle Länder der Welt und vereinen soziale und Umweltziele miteinander.

Höchste Zeit für die Bundesregierung, diese Agenda zur politischen Priorität zu erklären und umzusetzen. Seit 2016 orientiert sie ihre Nachhaltigkeitsstrategie an der globalen Agenda, doch bislang sind wesentliche Ziele wie das Klimaschutzziel 2020 fern davon, erreicht zu werden. Auch im Verkehr, in der Landwirtschaft, beim Artenschutz und im Umgang mit Böden und Flächen gilt es dringend umzusteuern. Nachhaltige Entwicklung bedeutet, verantwortungsbewusst mit unseren Lebensgrundlagen umzugehen. Nur so werden heutige und zukünftige Generationen weltweit ein Leben in Würde führen können, gemäß ihren Bedürfnissen. Ohne grundlegende Veränderungen in unserer Wirtschafts- und Lebensweise wird dies nicht gelingen. Denn aktuell ist unser westlicher Lebensstil von globaler Gerechtigkeit weit entfernt.

Über die Autorin
© Christine Wenzl

Christine Wenzl ist die Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit beim Bund für Umwelt und Naturschutz e.V. (BUND).

Ein Suffizienz-Netzwerk für Thüringen – ein Gastbeitrag von Robert Bednarsky, Rica Braune und Sebastian Götte

©slideshare (bearbeitet)

Nimmt man die Nachhaltigkeit mit ihren drei Dimensionen der Suffizienz, Konsistenz und Effizienz als Lebens- und Wirtschaftsprinzip ernst, dann bedeutet das eine sehr grundlegende Transformation aller gesellschaftlichen Handlungsbereiche. Bei dieser Transformation müssen Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft sowie Medien und jedes Individuum Hand in Hand arbeiten.

Auf politischer Ebene bedarf es einer mutigen Orientierungs- und Steuerungspolitik, die den Mitgliedern der Gesellschaft durch einen veränderten Handlungsrahmen deutlich macht, in welche Richtung die Zukunft gehen soll. Aus Sicht der Initiatoren des Netzwerks Suffizienz in Thüringen braucht es einen solchen Handlungsrahmen, um suffiziente Praktiken gegenüber anderen attraktiv zu machen.

Denn die großen Herausforderungen von sozialer Ungleichheit, das massive Artensterben und die Begrenzung der Erderwärmung durch den menschengemachten Klimawandel werden wir nur mit grüner Technologie nicht bewältigen können. Was aber nicht besagt, dass wir hier die Dimensionen des kulturellen Wandels gegeneinander stellen: Nein, so denken wir nicht und betonen, dass alles erdenklich Mögliche in den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit getan werden muss und das auch noch schnellstmöglich!

In der Wirtschaft müssen sich zum Beispiel neue Unternehmensziele und -strategien durchsetzen, die nicht allein auf materielles Wachstum und Umsatzsteigerung sowie Gewinnmaximierung der Kapitalseite setzen. In der Zivilgesellschaft bedarf es avantgardistischer Initiativen, die suffiziente Praktiken in vielen Handlungsbereichen (Mobilität, Energie, Landwirtschaft, Ernährung, Konsum etc.) im Kleinen ausprobieren und Vorbild, Leuchttürme sein könnten. Diese können dann mit Hilfe politischer Steuerung in der gesamten Gesellschaft verbreitet werden.

©Rockström et al (bearbeitet)

Diese Prozesse müssen auf allen gesellschaftlichen Ebenen – also in Deutschland auf Bundesebene, in den Bundesländern und Kommunen angestoßen werden. Deshalb haben wir uns als Initiativ-Gruppe von Suffizienz-Überzeugten Anfang 2018 dazu entschieden, den Faden für Thüringen aufzunehmen.

Wie kann es gelingen, mehr Menschen für suffiziente Praktiken zu begeistern? Sie davon zu überzeugen, dass ein ressourcenleichterer Lebensstil den ökologischen Fußabdruck reduziert und die eigene Lebensqualität erhöht? Die Thüringer Mitglieder der „Suffizienz-Gruppe“ haben sich das Ziel gestellt, an dieser Frage zu arbeiten. Dabei sollen über die RENN.mitte (Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien) auch die anderen mitteldeutschen Bundesländer einbezogen werden.

©Kate Raworth (bearbeitet)

Auf mittlere Sicht sind Maßnahmen der Erwachsenenbildung und auch ganz konkrete Projekte zur Umsetzung suffizienter Praktiken geplant. Dabei halten wir den Fokus offen, denn Ansatzpunkte gibt es in praktisch allen gesellschaftlichen Teilbereichen, wie Mobilität, Nahrungsversorgung, Gesundheit, Arbeitswelt und vielen anderen.

Wir verfolgen als grundlegende Strategie, ein Thüringer Netzwerk aufzubauen, mit dem Ziel, die Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Richtung eines suffizienten Zusammenlebens zu motivieren. Dabei soll Wohlstand anders gelebt und eine rückwärtsgewandte Verzichtsdiskussion („Askese ist cool“ o.ä.) vermieden werden.

Die nachfolgenden Ziele will die Steuergruppe in 2019 und darüber hinaus weiterverfolgen:

  1. Thüringen als lebenswerten und nicht nur materialistisch orientierten Lebensraum erfahrbar, erlebbar machen und dafür werben.
  2. Aufklärung und Vernetzung in Thüringen und Mitteldeutschland voranbringen, damit die Akteure Kräfte bündeln und voneinander lernen und vorhandene, exemplarische Leuchttürme bekannter werden.
  3. Mit kleinen und großen Veranstaltungen und zivil- und parteipolitischen Maßnahmen den Entwicklungsprozess hin zu einem sozial-ökologischen Wandel weiter unterstützen und beschleunigen. Dabei gilt es vor allem, Suffizienz kontinuierlich in die breitere Gesellschaft hineintragen und so immer mehr Menschen von diesem notwendigen Handeln überzeugen.

Wir wissen es alle: Wir haben nicht mehr viel Zeit, unsere Lebens- und Wirtschaftsweise auf planetar verträglichere Füße zu stellen. Wer Lust hat mitzutrommeln und mitzuwirken, ist herzlich willkommen!

Über die Autoren
© Matthias Eckert Fotografie.

Robert Bednarsky, Rica Braune und Sebastian Götte (v. l. n. r.) engagieren sich als private Bürger*innen für einen Wandel hin zu einer suffizienteren Gesellschaft. Gemeinsam mit weiteren Engagierten haben sie in Thüringen die Initiative „Wohlstand neu definieren“ gegründet. Diese will als Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteure Thüringens Weg aus der Wachstumsgesellschaft mitgestalten. Als Teil des Steuerungskreises der Initiative haben sie die Auftakt-Tagung zum Thüringer Netzwerk Suffizienz organisiert, koordiniert und moderiert.

Erfolgreiche Suffizienz braucht politische Initiative – ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Angelika Zahrnt

Ich unterstütze die Kampagne der Deutschen Umweltstiftung, die das Ziel hat, „aktuell vorherrschende Konsummuster zur Diskussion zu stellen, die ein maßloses Wachstum beflügeln“. Die Kampagne wirbt für bedachten Konsum und stellt konkrete Tipps vor, wie man und frau mit weniger Konsum und damit weniger Energie-und Ressourcenverbrauch gut leben kann.

Solche Diskussionen über den eigenen suffizienten Lebensstil und darüber, was man selbst tun kann,  sind wichtig. Es ist gut, wenn solche Diskussionen auch im Internet geführt werden und möglichst viele Menschen erreichen.

Aber wenn man – wie ich – diese Diskussionen seit den 70er Jahren führt, wenn man sieht, wie langsam Konsummuster sich ändern und wie mühsam es ist, wie schnell aber auf der anderen Seite der Klimawandel kommt, dann braucht es nicht nur individuelles Handeln sondern gemeinsames Handeln in Initiativen und Verbänden und politisches Handeln.

Dafür, dass ein gutes suffizientes Leben einfacher wird, braucht es eben auch eine Suffizienzpolitik – in vielen Politikfeldern, von der Mobilität bis zur Bildungspolitik, damit ich mit meinem Fahrrad auf Radwegen ungefährdet fahren kann, damit ich in der Schule auch praktische Dinge lerne, wie Sachen zu  reparieren oder Gemüse anzubauen und zu kochen.

In welchen Feldern – von diesen konkreten Dingen bis zur ökologischen Steuerreform – eine Politik der Suffizienz gemacht werden kann, zeigt zum Beispiel die Landkarte Suffizienzpolitik. Die Ansätze für eine Politik der Suffizienz sind also bekannt, aber die Politik macht einen Bogen darum, weil sie Konflikte scheut: Eine einfache schnelle Maßnahme für das Klima und die Gesundheit wäre z.B. ein Tempolimit auf Autobahnen. Aber die Politik will sich nicht mit der Autolobby anlegen, die fürchtet, dann weniger teure und schnelle Autos zu verkaufen, auch nicht mit Menschen, die gerne schnell Auto fahren. Dagegen wird der Elektroroller als Klimaschutzmaßnahme propagiert, weil hier ein zusätzliches Fortbewegungsmittel, verkauft werden kann.

Es reicht auch in diesem Beispiel nicht, nur individuell sich an ein selbst gewähltes Tempolimit zu halten, sondern es muss politisch Druck gemacht werden, wie zum Beispiel mit der Petition für ein Tempolimit. Das Tempolimit könnte zu einem – sehr bescheidenen –  Prüfstein gemacht werden, dass  die Politik tatsächlich Klimaschutz umsetzen will, und zwar auch gegen die Interessen der Autoindustrie.

Wenn das 1,5° Ziel eingehalten werden soll, braucht es massive Änderungen in der Wirtschaft und im Konsum, einen Abschied vom Glauben an unbegrenztes Wirtschaftswachstum und unbegrenzten Konsum. Wenn schon die Forderung nach einem Tempolimit in Deutschland- anders als fast überall in Europa – auf derartigen Widerstand stößt, kann man sich vorstellen, welche Auseinandersetzungen anstehen bei der Transformation zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb ist es gut, wie in dieser Kampagne über die Umorientierung der Lebensstile zu diskutieren, über eine Abkehr vom derzeitigen Motto „weiter, schneller, mehr“ zu einem suffizienten Lebensstil,  der sich am rechten Maß – dem rechten Maß für Raum und Zeit, Besitz und Markt – orientiert. Gleichzeitig müssen aber auch von der Politik Rahmenbedingungen eingefordert werden, die einen suffizienten Lebensstil unterstützen und ermöglichen, damit suffizientes Leben für viele einfacher und attraktiver wird.

Als „Scientist for future“ verstehe ich meine bisherige Arbeit in der Wissenschaft und im BUND und jetzt auch in der neuen Bewegung, der „Fridays for Future“, weil diese Bewegung  junger Menschen Alarm schlägt, Politik und Gesellschaft mit der dramatischen Realität konfrontiert und auffordert, das eigene Verhalten zu ändern, vor allem aber die Politik unter Druck setzt zu handeln.

Über die Autorin
© Angelika Zahrnt

Die Volkswirtin Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des BUND und Fellow am ökologischen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie ist bekannt als Wachstumskritikerin und erhielt das Bundesverdienstkreuz und den Deutschen Umweltpreis.

Weitere Literatur

Schneidewind, U./Zahrnt, A.: Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienz Politik, oekom Verlag, München 2013

Seidl, I./Zahrnt, A.: Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft, metropolis Verlag, 2010

Basta! Selbstbeschränkung und ökologische Zivilisierung – ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Pierre Ibisch 

Wachstum und Konsum bereiten vielen Menschen große Freude. Sie gehen einher mit Wahlmöglichkeiten und einem vermeintlichen Gefühl der Freiheit. Konsumverzicht und Genügsamkeit sind nicht automatisch gleichermaßen beglückend, und dennoch bedeuten sie die neue – notwendige – Stufe der Zivilisierung.

Der Mensch ist ein Tier, aber ein besonderes. Gewöhnlich wird hervorgehoben, dass es sich um ein zu herausragender Intelligenz befähigtes Wesen handelt, Homo sapiens – der vernünftige Mensch. Diese Vernunft reicht soweit, dass wir derartig intensiv über uns selbst nachdenken können wie wohl sonst keine anderen Organismen. Wir machen uns sogar über schier Unvorstellbares Gedanken wie den eigenen Tod. Eigentlich sind wir Menschen zukunftsfähig, weil wir Zukunftsszenarien entwickeln können, die über unser eigenes Ende hinausgehen. Wir sind so schlau, dass wir für etwaige riskante, schlechtere Zeiten vorsorgen können. Wir können aktuelle Bedürfnisse zurückstellen, um Ressourcen für die Zukunft zu sammeln und aufzubewahren oder uns gar auf ein angenommenes Leben im Jenseits vorbereiten. Wir empfinden Empathie mit Mitmenschen – unter Umständen sogar mit solchen, die noch nicht geboren sind, und wir kooperieren mit unseresgleichen. Diese Gefühle zeichnen den Menschen in besonderem Maße aus: ein vernunftbegabtes und soziales Wesen mit einem gewissen Faible für zukunftsorientiertes Risikomanagement durch Anhäufen von Ressourcen. Aus dieser Mischung wurde ein Erfolgsmodell – und gleichzeitig ein ‚evolutiver Sprengsatz‘. Keine Art vor uns hat es aus eigener Kraft geschafft, den gesamten Planeten zu besiedeln, die unterschiedlichsten Ökosysteme für das Überleben zu nutzen, fossile Ressourcen aus vergangenen Erdzeitaltern anzuzapfen, sich global zu vernetzen und letztlich ein exponentielles Wachstum von Population und Ressourcenumsatz zu erreichen.

Durch Wachstum zum Erfolg – und zurück

Der sein eigenes Wachstum entfesselnde Mensch hat die Regulation durch das globale Ökosystem scheinbar außer Kraft gesetzt … endlich die Fesseln der Natur gesprengt, die unsere Freiheit über Jahrtausende beschränkte. Der Mensch maximiert die Ressourcenverfügbarkeit für sich selbst – aber auf Kosten der Ressourcen für andere Arten und die Funktionstüchtigkeit des großen Ganzen. Eine verhängnisvolle Falle, die sehr groß ist und deshalb nur langsam und unmerklich zuschnappt. Denn das globale Ökosystem wird auch unser Wachstum wieder einhegen, so wie es die starke Vermehrung von Algen, Krankheitserregern oder Heuschrecken früher oder später wieder einfängt. Im Moment zählt aber nur: Während die Verfügbarkeit fundamentaler Lebensressourcen für jüngere und spätere Generationen schwindet, gelingt es zumindest einer großen Gruppe der aktuell lebenden Menschen, ein historisch einzigartiges Wohlergehen zu erreichen, indem der materielle und energetische Einsatz von Ressourcen ins Unermessliche gesteigert wird. Dieses Wachstum zahlt sich kurzfristig aus, ist angenehm, macht Spaß, regt an, vermehrt Handlungsoptionen und die Selbstwirksamkeit. Zugegeben, das neue Zeitalter der großen Beschleunigung, nennen wir es Tachyzän, überfordert uns inzwischen auch schon mal. Aber der Stress mit „Hülle und Fülle“ ist nichts gegen Hungertod und Unfreiheit. Als Hochkultur berauschen wir uns an vor Kurzem noch kaum absehbaren Leistungen der Menschheit: Wir überwinden die Grenzen der früheren Generationen, fliegen mit Überschallgeschwindigkeit umher, besuchen andere Planeten, fotografieren schwarze Löcher, bauen kilometergroße Gebäude, die uns unsere eigene Größe spiegeln, entwickeln Apparate mit künstlicher Intelligenz, die uns immer mehr mühselige Arbeiten abnehmen. Ist das alles nicht großartig? Natürlich ist es das. Nicht viel scheint deshalb dafür zu sprechen, diesen Trip freiwillig zu beenden. Außer vielleicht das zukünftige Leid Jüngerer und Nichtgeborener, die vom beschädigten globalen Ökosystem nicht mehr ernährt und beschützt werden können? Nach einigen Jahrzehnten des exponentiellen Wachstums von Material- und Energieumsatz, technologischer Entwicklung und unserer Population ist es schwieriger geworden, die Folgekosten zu ignorieren oder zu verbergen. Energie- und Platzbedarf unseres Wachstumshungers sind die größten Probleme. Ursprünglich setzten Menschen mit ihrem Körper ca. 3,5-5 Giga-Joule (GJ) pro Jahr und Person um – inzwischen ist der Energieumsatz bis um das Hundertfache gesteigert. Um eine Nahrungs-Kalorie bereitzustellen, setzen wir für manche Produkte ein Vielfaches an (meist fossiler) Energie ein. Inzwischen haben wir allein ca. die Hälfte der Biomasse auf den Kontinenten verbraucht … gegessen, verbrannt, verdrängt. Die allermeisten bioproduktiven Flächen nutzen wir für unsere Zwecke und lassen anderen Mitbewohnern der Erde immer weniger Platz. Die letzten sich mehr oder weniger selbst steuernden Ökosysteme zerschneiden und stören wir mit Straßen und anderer Infrastruktur. Allesamt – zu Lande und zu Wasser – traktieren wir sie mit Giftstoffen und setzen sie einem sich beschleunigenden Klimawandel aus. Die Folgewirkungen schlagen inzwischen auch auf die Menschen zurück: Wetterkatastrophen, Ernteeinbußen oder neuartige Erkrankungen sind nur einige Beispiele.

Aber dies alles lässt sich ja vielleicht reparieren und zukünftig vermeiden, weil uns noch großartigere Erfindungen einfallen, die uns ein fortgesetztes Wachstum ermöglichen: künstliche Manipulation der Atmosphäre zum Beenden des Klimawandels, unbegrenzte Energieverfügbarkeit durch Kernfusion, künstliche Photosynthese und im Labor gezüchtetes Fleisch zur Ernährung der wachsenden Bevölkerung, letztlich die Besiedelung von Ozeanen und des Alls … – Was nur, wenn nicht? Was, wenn wir die Rechnung ohne den Wirt machen – das globale Ökosystem?

Haste was, biste was – wie in der Gesellschaft, so in der Natur?!

Die individuelle Erfahrung der meisten Menschen sowie auch die Kollektiverfahrung der globalen Zivilisation mit ihrer vermeintlichen Fortschrittskultur besagen, dass ein Mehr an Ressourcen – für mich und die meinen, heute und morgen – größeren Wohlstand, bessere Gesundheit und die Verringerung vieler unmittelbarer Risiken bedeutet. „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, „Haste was, biste was“, „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden“ (Bibel, Matthäus 25:29). So ist das nämlich. Wir haben gelernt, Mitmenschen nicht nur durch unsere Fähigkeiten zu beeindrucken, sondern vor allem durch unseren Besitz, unseren Schmuck und unsere Kleidung, die anzeigen, dass wir erfolgreich und vertrauenswürdig sind. Besitz um des Scheins willen und Statussymbole finden sich weltweit wohl in den meisten Kulturen. Federschmuck, Amtskette, Frack, Porsche und iPhone verleihen uns Würde, Respekt oder Anerkennung. Digitalisierung und Informationstechnologie haben nicht nur unseren Zugang zu vorher unerreichbaren Ressourcen erleichtert, sondern auch das Wünschbare vervielfältigt. Die ganze Erde ist nicht ein Dorf, sondern ein globales Schaufenster geworden, eine Shopping-Mall sowie ein weltweites Theater, in dem sich alle Nutzer*innen der sozialen Medien etwas mit ihrem Konsum vorspielen können.

Nach wie vor sind die materiellen Vorteile von größerem Besitz nicht von der Hand zu weisen. Wenn unser Kapital abundant ist oder gar wächst, können wir es einsetzen, um es zu vermehren. Tatsächlich ein recht natürliches Geschehen, das auch in Ökosystemen zu beobachten ist. Wenn nach einem Vulkanausbruch ein nackter Fels von Bakterien, Flechten und ersten Pflanzen besiedelt wird, kommt es ebenfalls zu einem exponentiellen Wachstum. Wo viele Pflanzen wachsen, können mehr Sonnenenergie und weitere Ressourcen gebunden werden, entsteht mehr Biomasse, die günstig auf die Produktivität wirkt … es kommt zu einer Eskalation des Lebens. Schnelles nichtlineares Wachstum ist eine wichtige Strategie der belebten Natur, um Lücken zu füllen, Gelegenheiten zu nutzen und neue Chancen zu eröffnen. Wenn allerdings der physisch verfügbare Raum aufgebraucht ist, schalten Ökosysteme um, ohne ihre Funktionen einzustellen: Es reduziert sich das Massewachstum und strebt letztlich gegen Null. Im System erfolgt nur noch qualitatives Wachstum in Form von immer neuer genetischer Information, einer Zunahme von unterschiedlichen Arten, Lösungen und Lebensstrategien, die zu einer effizienteren Ressourcennutzung, einer erhöhten Systemintegration und vor allem zu einer immer besseren Selbstorganisation und –regulation im System führen. Dies bedeutet in ‚reifen‘ Ökosystemen einen Rückgang von Konkurrenz und eine Steigerung der Bedeutung von Kooperation und positiver Interaktion zwischen den Systemkomponenten. Ressourcen werden effizient aufgenommen, verwendet und – sofern möglich – recycelt. Die Wahrscheinlichkeit von abruptem Wandel und Zusammenbruch wird zumindest reduziert. Das System operiert an den Grenzen des Wachstums und ist suffizient. Kann uns als menschliche Gesellschaft Vergleichbares gelingen? Können wir Triebe und Wachstumswünsche regulieren und hintanstellen? Können Solidarität und Kooperation Konkurrenz- und Wachstumszwang eindämmen?

Menschliche Selbstzähmung und ökologische Zivilisierung

Basta! Es muss doch reichen. Menschen können nachgewiesenermaßen mit sehr viel weniger Konsum glücklich sein, gegebenenfalls sogar deutlich glücklicher als der von sozialem Verbrauchs- und Darstellungszwang, Dauerwerbebeschallung und Beschleunigung gestresste Mensch der entfesselten Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Tatsache ist zudem, dass uns ein enormes Potenzial der Selbstzähmung innewohnt. Im Rahmen der Zivilisierung haben wir gelernt, uns Regeln des Zusammenlebens zu geben und sie mehr oder weniger zu respektieren; wir sind überwiegend in der Lage, Flucht- und Angriffsreflexe zu unterdrücken. Unsere Kultur hat uns beschert, dass sogar bei steigender Bevölkerungsdichte das Risiko, gewaltsam in Konflikten zu Schaden zu kommen, erheblich reduziert wurde. Den Individuen fallen das Unterordnen und Zurücknehmen in vielerlei Lebenslagen durchaus schwer, aber gesellschaftliche Normen, Erziehung und Bildung geben uns einen lenkenden Rahmen. Dabei sind wir in der Lage, unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche hintanzustellen, vor allem, wenn wir von der Gesellschaft bzw. vom Staat nicht gezwungen werden, sondern wenn uns Anerkennung und Belohnung winken. Menschen sind nicht nur veranlagt, möglichst viel haben zu wollen und sich alles zu nehmen, was sie bekommen können. Wir sind auch empathisch und solidarisch, wir sind bereit, Not zu lindern. Und uns ist die Vernunft gegeben, uns selbst kritisch zu hinterfragen und unser Handeln zu überdenken. Das fällt leichter, wenn es dafür Anerkennung gibt. Auch mit guten Taten kann man sich darstellen, Anhänger*innen und Follower gewinnen – viele Celebrities machen es vor.

Alle Menschen können sich dafür einsetzen, dass sie nicht mehr in erster Linie als Verbraucher*innen bezeichnet und angesehen werden. Sie können mit Eigeninitiative vorangehen und müssen gleichzeitig die angemessenen politischen Rahmensetzungen einfordern. Nur mit einer gesamtgesellschaftlichen ergebnisoffenen Anstrengung, Entwicklung und Zivilisierung wirklich neu zu denken und die Wurzelgründe unserer Probleme abzustellen, können wir eine echte Transformation schaffen. Wir müssen eine Kultur anstreben, in dem das soziale oder ökologische Jahr und die in ihm gewonnenen Erfahrungen mehr zählen als ein Porsche. Teilzeitarbeit, unvergütete Beschäftigungen und Beiträge zur Selbstversorgung gehören politisch aufgewertet und unterstützt. Tätigkeiten für Menschen und Natur verdienen eine besondere Förderung – z.B. durch freien Zugang zu bestimmten Leistungen etwa im kulturellen Bereich. Konsum und Schadschöpfung durch Produktion müssen angemessen besteuert werden. Eine CO2-Steuer kann nur der Anfang sein, genauso müssen Wasser- und Landverbrauch sowie die Störung von Ökosystemen angemessen verteuert werden. Konsumvermeidende Geschäftsideen, Reparatur und Recycling bedürfen der massiven Förderung. Bildungspolitisch ist die Bedeutung der Ethik aufzuwerten. Wir benötigen eine intensivere Reflektion über die Folgewirkungen unseres Handelns und deren Vermeidung sowie ein Nachdenken darüber ‚was wirklich zählt‘.

Bereits 1993 erfand der Soziologe Wolfgang Sachs das Konzept der Suffizienz. Im selben Jahr warb Walther Kösters für eine „ökologische Zivilisierung“. Beides hat ein Vierteljahrhundert später erheblich an Brisanz gewonnen. Allem Wachstum zum Trotz, das damals noch gar nicht vorstellbar schien. Wachstum verringert die Halbwertzeit von so mancher Technologie und vielerlei Wissen – unbequeme Wahrheiten und richtige Ideen schafft es nicht aus der Welt.

Über den Autor
© Centre for Econics and Ecosystem Management

Prof. Dr. Pierre Ibisch ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und Mitherausgeber des Buchs „Der Mensch im globalen Ökosystem. Eine Einführung in die nachhaltige Entwicklung“. Er wirbt für eine ökologische Radikalität und ökosystembasierte nachhaltige Entwicklung. Er verfasste bereits vor einem Jahrzehnt u.a. für ZEIT ONLINE Beiträge zur Suffizienz und Nachhaltigkeit wie etwa „Das Primat des Wirtschaftswachstums beenden“ „Nicht die Armut, das Wachstum muss bekämpft werden“. Siehe auch Interview „Wirtschaftswachstum ist schädlich“ auf Deutschlandfunk Kultur.