Einflüsse von KI auf den Ressourcenverbrauch

Es sind erst wenige Jahre vergangen, seit ChatGPT einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeiten von KI-Assistenten zeigte. Seit 2022 können Interessierte das Tool nutzen, um Informationen zu finden, zu verstehen und in Texte, Ideen oder Lösungen umzusetzen. Zeitgleich entwickelte sich eine breite gesellschaftliche Diskussion hinsichtlich möglicher Gefahren, die mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) einhergehen. Dabei dreht sich die Debatte längst nicht nur um technische, sondern auch um rechtliche, demokratietheoretische oder ethische Fragen.  

Und die Umwelt?

Weniger Aufmerksamkeit fand lange die Frage nach den ökologischen Auswirkungen eines wachsenden KI-Einsatzes. Der größte Druck auf die Umwelt resultiert dabei aus dem wachsenden Ressourcenbedarf. Sowohl das Anlernen von technischen Anwendungen, die auf komplexen neuronalen Netzen basieren, als auch deren späterer Betrieb beruhen auf der Verarbeitung großer Datenmengen. Die dafür benötigten Rechenzentren verbrauchen große Mengen Strom. Expert*innen schätzen, dass 2026 bereits 31 Prozent des gesamten Stromverbrauchs bei Rechenzentren auf KI-optimierte Server entfallen werden und sich dieser Trend fortsetzen wird. Bereits 2027 könnten KI-Server mehr Strom verbrauchen als konventionelle Server. Hinzu kommt ein immenser Wasserbedarf für die Kühlung der Rechenzentren. Laut des Nachhaltigkeitsberichts von Microsoft aus dem Jahr 2024 wuchs der Wasserverbrauch des Unternehmens zwischen 2020 und 2023 von rund 4,2 auf 7,8 Mrd. Liter jährlich. Das entspricht einem Anstieg von gut 85 Prozent. Das kommt in etwa dem Wasserverbrauch von 52.000 4-Personen-Haushalten in Deutschland gleich. Erschwerend wirkt, dass in der Vergangenheit Rechenzentren zum Teil in wasserarmen Regionen gebaut wurden und dort zur Verschärfung von Wasserknappheiten beigetragen haben.

Neben diesen direkten Effekten sehen Expert*innen noch weitere Gefahren für die Umwelt. Im Marketing wird davon ausgegangen, dass sich die Kaufentscheidungen von Konsument*innen immer stärker durch Algorithmen beeinflussen lassen. Da personalisierte Empfehlungen passgenau die Wünsche von Verbraucher*innen treffen oder sogar erst erzeugen, entstehen permanent neue Konsumanreize. Schließlich kann KI dazu beitragen, bereits bestehende ökologische Herausforderungen der Digitalisierung wie die Entstehung von Reboundeffekten oder technische Obsoleszenz noch zu verstärken: So verbraucht eine einzelne generative KI-Anfrage bis zu zehnmal so viel Energie wie eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage. Sowohl server- als auch clientseitig erzwingt der technische Fortschritt bei KI zudem ständig neue und leistungsfähigere Komponenten wie Grafikchips und Mikroprozessoren oder größere Arbeitsspeicher. Eine potentielle Folge ist, dass bestehende Hardware immer schneller veraltet und Smartphones oder Laptops häufiger ersetzt werden müssen. 

KI-Prozesse ressourceschonender gestalten

Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen stellt sich die Frage, ob und in welcher Weise dem KI-Boom auch ressourcenschonende Potentiale innewohnen. Dies verlangt zunächst, dass Maßnahmen gegen die bereits bestehenden ökologischen Nachteile ergriffen werden. Mögliche Stellschrauben sind dabei einerseits infrastrukturelle Anpassungen auf Seiten der Betreiber. Neben dem Übergang von wasserintensiver traditioneller Verdunstungskühlung hin zu geschlossenen Flüssigkeitskühlsystemen, kann es sich dabei um den bewussten Einsatz von Regen- oder Brauchwasser anstelle von Trinkwasser oder eine gezielte Standortwahl der Rechenzentren in kühleren Regionen handeln, um die Vorteile einer natürlichen Kühlung durch die Außenluft zu nutzen. Energieschonend wirkt sich auch die bewusste Verlagerung intensiver Prozesse in kühlere Nachtstunden aus.

Andererseits bestehen ökologische Potentiale bei einer zielgerichteten Softwareentwicklung. Hier geht es bspw. um den Verzicht auf sehr große Modelle zugunsten kompakter, spezialisierter Sprachmodelle, wodurch die Rechenlast deutlich verringert werden kann. Durch algorithmische Optimierungen lässt sich potenziell die Zahl benötigter Rechenzyklen im Training senken. Beides trägt zur Senkung des Energiebedarfs bei.

Drei Beispiele, wie KI Ressourcen schonen kann

Es gibt bereits etliche Beispiele, die zeigen, dass KI-Anwendungen zukünftig verstärkt einen positiven Beitrag zur Schonung der planetaren Ressourcen leisten können. 

Im Rahmen eines Projektes, an dem u. a. das Fraunhofer IEE in Kassel und die Deutsche Energie-Agentur (dena) beteiligt waren, standen die Einsparungspotentiale von Energieverbräuchen in Nichtwohngebäuden im Fokus. Ein intelligenter Agent wurde dabei eingesetzt, um unter anderem Wärmepumpen, Ladesäulen sowie Photovoltaikanlagen verbrauchsoptimal zu steuern. Er diente als lernender Energiemanager, der auf Grundlage der Auswertung von smart erfassten Verbrauchsdaten die Gebäudetechnik aktiv steuerte. Zum Beispiel wurden Elektroautos an den Ladesäulen bevorzugt zu Zeiten geladen, an denen viel Solarstrom verfügbar war. 

Im Verbundprojekt „Smart Recycling Up“ wurde Künstliche Intelligenz eingesetzt, um großstückige Abfälle wie Sperrmüll oder Bauschutt vollautomatisch zu identifizieren und zu klassifizieren. Die KI-Methoden sollten es hochentwickelten Robotern und Sensoren ermöglichen, komplexe Materialstrukturen in Echtzeit zu erkennen und sortenrein zu trennen. Dies war bisher nur bei kleinstückigen Abfällen automatisiert möglich. Der KI-Einsatz sollte so einen Beitrag zur Digitalisierung der Kreislaufwirtschaft leisten und die Rückgewinnungsquote wertvoller Sekundärrohstoffe fördern.

Im Vorhaben „GreenTwin“ wurden eine KI-gestützte Marktplatzplattform und ein digitaler Zwilling entwickelt, um nachhaltige Mobilitäts- und Logistiklösungen für die letzte Meile im ländlichen Raum zu schaffen. Durch die Echtzeit-Berechnung von Ökobilanzen sowie Simulationen von Verkehrsströmen und Kaufverhalten sollten gezielt CO2-sparende und kooperative Transportkonzepte entworfen werden und in mehreren Pilot-Szenarien erprobt werden. Der KI-Einsatz sollte messbare Emissionsminderungen mit einer hohen Nutzerakzeptanz aufgrund einer steigenden Lebensqualität auf dem Land erreichen.

Fazit: KI lösungsorientiert einsetzen

Diese kursorische Betrachtung der ökologischen Auswirkungen des KI-Einsatzes zeigt die Ambivalenz der neuen Technologie. Einerseits gehen mit ihr erhebliche Ressourcenverbräuche insb. in den Bereichen Energie- und Wasserverbrauch einher. Erschwerend kommt der in diesem Beitrag aus Platzgründen unbeachtete Aspekt des Bedarfs weiterer im Bergbau gewonnener Ressourcen („seltene Erden”) hinzu, mit denen ebenfalls negative ökologische Effekte einhergehen. Auch die Frage nach der Art der Stromerzeugung (regenerativ, fossil oder atomar) musste unbeachtet bleiben. Andererseits zeigt die schlaglichtartige Darstellung der drei Pilotprojekte, dass der Einsatz von KI-Agenten in diversen Handlungsfeldern wie beispielsweise der Realisierung einer Kreislaufwirtschaft, der Umsetzung der Energiewende oder der nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums vielversprechende Lösungsansätze bereithält. Hier wird weitere Forschung zeigen müssen, wie sich ökobilanziell Einsparungspotentiale im Verhältnis zu den notwendigen Ressourcenbedarfen für den KI-Einsatz verhalten und wie hoch mögliche Effizienzgewinne ausfallen. 

Bereits heute zeichnet sich daher ab, dass auch im fortschreitenden digitalen Zeitalter das Thema Suffizienz nicht außer Acht gelassen werden sollte: Nicht jede Information muss mittels einer ressourcenintensiven KI-Abfrage gewonnen werden, nicht jeder Produktempfehlung des Algorithmus sollte gefolgt werden. Anders als bei materiellen Produkten ist jedoch im virtuellen Raum die Ressourcenintensität vieler konsumierter Güter nicht unmittelbar erkennbar. Nachhaltiges Verhalten bedingt daher mehr denn je ein reflektiertes digitales Nutzungsverhalten aufgeklärter und problemsensibler Nutzer*innen. Verzicht kann in diesem Fall schon damit beginnen, den Computer häufiger auszuschalten und sich stattdessen mit Freund*innen an der Sonne im Stadtpark zu erfreuen. Klingt doch eigentlich ganz gut. 

KI und Suffizienz – Wie passt das zusammen?

KI-Systeme bestimmen unseren Alltag. Sie personalisieren Musik-, Film- oder Kaufempfehlungen, generieren automatische Untertitel und optimieren Übersetzungen [1]. Insbesondere die Informations- und Kommunikationstechnologie, der Fahrzeugbau sowie unternehmerische Dienstleistungen machen bereits seit langem einen Großteil der KI-Anwendungen aus und wachsen rasant [2]. Aber was bedeutet KI überhaupt?

Definition: „Künstliche Intelligenz“
KI bezeichnet scheinbar intelligentes Verhalten von digitalen Anwendungen.
„KI wird im engeren Sinne wird definiert als ‚Lernende Systeme‘, die auf Methoden des maschinellen Lernens basieren. Warum „lernend“? Anders als in der klassischen Programmierung gibt ein Algorithmus hier nicht jeden Schritt der Lösung vor. Stattdessen „lernt“ das KI-System den Weg zur Lösung ähnlich wie ein Mensch auf Basis von Beobachtungen – den Daten – in vielen aufeinander aufbauenden „Trainingsläufen“. Dies geschieht, indem maschinelle Lernverfahren komplexe Muster oder Abweichungen in Datensätzen erkennen und auf ihrer Basis Vorhersagen treffen.“[3]
Abgrenzung: „Bei künstlichen Intelligenzen wird zwischen schwacher und starker KI unterscheiden. Während sich die schwache KI in der Regel mit konkreten Anwendungsproblemen beschäftigt, geht es bei der starken KI darum, eine allgemeine Intelligenz zu schaffen, die der des Menschen gleicht oder diese übertrifft. Oft wird davon gesprochen, dass schwache KI Intelligenz nur simuliert, während starke KI wirklich intelligent ist und dazulernt.“[4]

Beispiel: Reboundeffekte beim Streamen

KI-Systeme finden sich auch im Alltag wieder. Das Empfehlungssystem von Netflix analysiert tagtäglich unsere Sehgewohnheiten anhand der Tageszeiten, die verwendeten Geräte sowie die Nutzungsdauer [5]. Netflix nutzt KI, um Filme, uns Serien passgenau zu empfehlen. Der damit verbundene Mehrkonsum führt zu einer Erhöhung des Energieverbrauchs.

Der Studie „Shift Project“ (2019) zufolge, setzen sich bereits heute 80 Prozent des globalen Datenverkehrs aus Video-Daten zusammen. 34 Prozent (100 Millionen Tonnen CO2-Equivalent) entstehen durch „Video-on-Demand-Services“. Die dadurch entstandene CO2-Fußabdruck bezifferte der Konzern Netflix im Jahr 2020 auf rund 1,1 Millionen Tonnen – und dabei sind die Rechenzentren nicht einmal mit berücksichtigt [6].

Heutige Onlinedienste bieten die Möglichkeit, Filme und Videos an jedem Tag und zu jeder Stunde zu streamen. 29 Prozent der Deutschen nutzen den Streamingdienst mindestens wöchentlich und 13 Prozent sogar täglich (Stand 11.11.2021) [7]. Bis 2027 soll sich der Umsatz durch das deutschlandweite Streaming sogar nahezu verdoppeln [8]. Der Energieverbrauch ist immens. Zwar sparen wir – aufgrund des verminderten Verkaufs einer DVD – Ressourcen ein, dennoch leiten uns Streamingdienste dazu, mehr zu sehen als jemals zuvor. Dieser Effekt, dass Leute zwar auf den DVD-Kauf verzichten und damit eigentlich diesen Ressourceneinsatz minimieren, sie im Umkehrschluss aber mehr streamen, dämpft das Einsparpotential. Dieses Prinzip wird in der Wissenschaft und Politik als Reboundeffekt benannt.

Beispiel: Nachhaltiger Suchassistent

Künstliche Intelligenz kann aber auch genutzt werden, um unser nachhaltiges Konsumverhalten zu beeinflussen. Ein Beispiel ist der „Green Consumption Assistent“ der Technischen Universität Berlin. 2020 entwickelten Sie in Zusammenarbeit eine KI-basierte Produktdatenbank. Das System setzt auf maschinelles Lernen, indem grüne Produktalternativen genannt und Informationen über nachhaltigere Alternativen zum Neukauf dargelegt werden. Durch grüne Banner der Kategorien „nachhaltig“, „B-Ware“ oder „gebraucht“, können sich Konsument*innen über nachhaltigere Konsumalternativen, also Produkte mit geringeren sozialen und ökologischen Kosten informieren. Repair-, Verleih- und Sharing-Optionen werden auf der Seite des Projektpartners ECOSIA prioritär angezeigt. Die vereinfachte Darstellung („Nudging“) soll die Konsument*innen zum nachhaltigen Konsum „stupsen“ und dem ausbleibenden Nachhaltigkeitsanspruch im entscheidenden Moment entgegenwirken (die „Value-Action-Gap“ schließen). Das maschinelle Lernen der GreenDB soll außerdem Gefahren des Greenwashings eindämmen, indem die Relevanz und Validität entsprechender Nachhaltigkeitslabel überprüft werden [9]

Bis heute ist die grüne Datenbank auf ca. 220.000 Produkte  (Kleidung und Elektronik) aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien angewachsen (Stand: Mai 2022). Neben einer wöchentlichen Aktualisierung der Produktinformationen sollen zukünftig auch die Siegel, Nachhaltigkeitsinformationen sowie Produktbewertungen diversifiziert werden, indem z. B. ein dunkles Kohle-Symbol, als Klassifikation unternehmerischer Förderung fossiler Energie, vergeben wird [10].

Es zeigt sich, mit Künstlicher Intelligenz gehen nicht nur Chancen, sondern auch Risiken einher. Wo der Mensch wirkt, werden Ressourcen verbraucht. KI-Systeme können auch gegen uns verwendet werden. Dabei geht es nicht um die vielfach prophezeite „Weltherrschaft“, sondern um die Möglichkeit der Manipulation unseres Konsumverhaltens in positiver aber auch negativer Richtung. Fakt ist: Der Einsatz Künstlicher Intelligenz benötigt Ressourcen. KI kann uns bei der Bearbeitung komplexer Sachverhalte unterstützen. Es nimmt uns aber nicht das selbstbestimmte, verantwortungsvolle Denken und Handeln ab.

Quellen

[1] Sustain Magazin (2022): sustain. Nachhaltige KI in der Praxis. Im Internet unter: https://algorithmwatch.org/de/sustain-magazin-2022 

[2] Boucher, Philip; European Parliamentary Research Service (Hg.) (2020): Artificial intelligence: How does it work, why does it matter, and what can we do about it? DOI: 10.2861/ 44572 

[3] BMU, Arbeitsgruppe „Umwelt- informationen, Daten, Künstliche Intelligenz“ (2021): Fünf-Punkte-Programm „Künstliche Intelligenz für Umwelt und Klima“. Im Internet unter: https://www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Digitalisierung/factsheet_ki_bf.pdf

[4] Uni Oldenburg (2008/2009): Schwache KI und Starke KI, in: http://www.informatik.uni-oldenburg.de/~iug08/ki/Grundlagen_Starke_KI_vs._Schwache_KI.html

[5] Netflix (o.J.): Wie funktioniert das Empfehlungssystem von Netflix?, in: https://help.netflix.com/de/node/100639

[6] Schmidt, Katharina (2021): Netflix, Youtube, Spotify: So klimaschädlich ist Streaming wirklich, in: Utopia (Hrsg.), https://utopia.de/ratgeber/streaming-dienste-klima-netflix-co2/

[7] Statista (2021): Nutzungshäufigkeit von Mediatheken und Streamingdiensten in Deutschland im Jahr 2022, in: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/627483/umfrage/nutzungshaefigkeit-von-videostream-anbietern-in-deutschland/

[8] Statista (o.J.): Video-Streaming (SVoD) – Deutschland, in: https://de.statista.com/outlook/dmo/digitale-medien/video-on-demand/video-streaming-svod/deutschland

[9] Staiger, Teresa (2022): Reparieren statt kaufen, alt statt neu: Wie eine Datenbank nachhaltigeren Konsum fördern will, in: reframe[Tech] (Hrsg.), https://www.reframetech.de/2022/07/25/reparieren-statt-kaufen-alt-statt-neu-wie-eine-datenbank-nachhaltigeren-konsum-foerdern-will/

[10] Green Konsumtion Assistant (2022): Produkt-Update III: Ecosia Shopping und Green Database sind verfügbar, in: https://green-consumption-assistant.de/update-iii/

Abschlusskonferenz der Nachwuchsforschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“

Oft wird die Digitalisierung als Megatrend des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Seit der Entwicklung des ersten Computers in den späten 1940er Jahren hat sich vieles verändert. Wir steuern auf eine umfassende Digitalisierung unserer Umwelt zu und selbst das Smart-Home ist keine Zukunftsvision mehr. Es stellt sich die Frage, ob die Digitalisierung in eine smarte grüne Welt führt, in der alle vom technologischen Fortschritt profitieren und dies zum Umweltschutz beiträgt oder ob wir in eine digitale Wachstumsökonomie steuern, die uns noch schneller an die planetaren Grenzen stoßen lässt.

Die Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ an der TU Berlin und am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung untersuchte die Suffizienz-Chancen und Rebound-Risiken der Digitalisierung für eine Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs. Im Rahmen einer Abschlusskonferenz präsentierte die Nachwuchsforschungsgruppe am 20. Juni 2022 konzeptionelle Forschungsergebnisse im Spreespeicher Berlin. Das Forschungsthema wurde in vier Teilbereiche aufgeschlüsselt:

1. Welche Effekte birgt Digitalisierung für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch?

Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde den Teilnehmenden die Illusion genommen, Digitalisierung an sich könnte einen Schub für eine nachhaltige Entwicklung leisten und die Umwelt entlasten. Studien haben gezeigt, dass die Digitalisierung das Wirtschaftswachstum zwar erhöht, die Auswirkungen sind aber bedeutend geringer als vorherige wichtige Technologien, wie z. B. die Einführung des elektrischen Stroms. Die Forschungsgruppe konzentrierte ihre Untersuchungen auf den ökologischen Effekt der Digitalisierung, den Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen. Sie kamen zum Ergebnis, dass in Unternehmen ein höherer Grad an Digitalisierung auch zu größerem CO2-Ausstoß beiträgt. Auf Haushaltsebene führt in manchen Ländern mehr Digitalisierung zu einem erhöhten Ausstoß. In anderen Ländern ist es umgekehrt. Schlussendlich ist der Effekt sehr gering, der CO2-Ausstoß wird durch die Digitalisierung weder wesentlich erhöht, noch verringert.

In Bezug auf den Energieverbrauch heben sich die positiven und negativen ökologischen Effekte gegenseitig auf. Durch eine Energieeffizienzsteigerung und Tertiärisierung wird der Verbrauch zwar verringert, die Herstellung der Geräte und das rasante Wachstum durch Digitalisierungsprozesse erhöhen jedoch den Energieverbrauch.

2. Ist der Online-Konsum ein Potential für Suffizienz oder eher Konsumtreiber?

Online-Shopping vereinfacht den Konsum. Beim Surfen im Web werden Nutzer*innen ständig mit Werbeinhalten konfrontiert und beeinflusst. Im Marketing sollte eine Transformation hin zur Suffizienzförderung stattfinden: ein Angebot an zeitlosen und langlebigen Produkten und von Unternehmensseite aus die Anregung zu kritischem Konsum. Letztlich kann Suffizienz förderndes Marketing den Konsum reduzieren und damit einen nachhaltigen Beitrag leisten, aber nur, wenn die digitalen Marketingtechniken für den Zweck eines nachhaltigen Konsums eingesetzt werden. Dies geschieht leider zu selten im Sinne der Allgemeinwohlorientierung. Online überwiegen Inhalte, die auf Konsumstimulation ausgelegt sind.

3. Führt Digitalisierung zu einer Beschleunigung des Lebenstempos, und wie wirkt sich dies auf Gefühle von (Zeit-)Stress aus?

Digitale Geräte beeinflussen das subjektive und objektive Lebenstempo. Ob eine Be- oder Entschleunigung verspürt wird, ist von der Nutzungsart der digitalen Geräte abhängig. Menschen, die stärker digitalisiert leben, betreiben mehr Multitasking. In ihrer Studie konnte die Nachwuchsforschungsgruppe zeigen, dass Zeit-Rebound-Effekte auftreten, die vermeintlich gewonnene Zeit wird also mit immer mehr Tätigkeiten aufgefüllt. Somit kommt es oft zu mehr Zeitstress. Hierbei wiesen sie darauf hin, dass die Art und Weise, wie Menschen mit digitalen Technologien in Bezug auf ihre Zeit umgehen, vielfältige Konsequenzen für Gesellschaft und Umwelt hat.

4. Welche direkten Umweltwirkungen, aber auch Einsparpotentiale, sind mit digitalen Geräten im „vernetzten Zuhause“ (Smart Home) verbunden?

Ob durch Smart Homes wirklich Energie gespart wird, ist nicht so einfach zu sagen. Die Einsparungen sind viel geringer als erhofft, Strom und Treibhausgasemissionen werden zwar verringert, allerdings verbrauchen die digitalen Geräte viel Strom. Zudem werden für die Produktion sehr viele, nicht nachwachsende Ressourcen benötigt. Bei der Nutzung der Geräte steht der Nachhaltigkeitsgedanke zudem meist nicht im Vordergrund, sondern eher der Spaß- und Spielfaktor. Es kommt also zu einer Verschiebung von Umweltwirkungen, digitaler Klimaschutz geht oft zulasten knapper Ressourcenbestände. Smart Home-Systeme sind somit nur unter bestimmten Bedingungen ökologisch sinnvoll, wenn z.B. die Anzahl gering gehalten wird und die Geräte lange genutzt werden.

5. Forschungsergebnis

Die Digitalisierung bietet einige Chancen, soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu erreichen, indem die Energie- und Ressourceneffizienz verbessert und durch umweltschonendere Dienstleistungen ersetzt wird. Zugleich bringt Digitalisierung neue Arten von Verbrauch mit sich. Die negativen Effekte gleichen die positiven Effekte aus. Auch der Blick auf soziale Gerechtigkeit zeigt, dass Digitalisierung zwar mehr Flexibilität mit sich bringt, gleichzeitig verstärkt sie aber den Trend schlechter Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor und wirkt sozialer Nachhaltigkeit entgegen. Digitalisierung muss viel aktiver durch Politik, Unternehmen und Gesellschaft gestaltet werden, damit sie sozialen und ökologischen Zielen dienen kann. Die Forschungsgruppe entwickelte dazu zwei Leitbilder, um dies zu ermöglichen:

1. Digitale Suffizienz: So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich

2. Gemeinwohlorientierung: Kollaborativ statt kapitalistisch

Festzuhalten ist, dass digitale Technologien nur dann zu einer ökologischen Nachhaltigkeit beitragen können, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fundamental verändern und alle Akteur*innen zusammenarbeiten. Nur als Teil einer sozial-ökologischen Transformation jenseits des Wachstums könnte das Potential der Digitalisierung zutage treten. Es braucht nicht nur digitale Investitionsprojekte, sondern auch ein begleitender sozio-kultureller Wandel im Umgang mit Digitalem.

Mehr Informationen zum Forschungsprojekt sind hier abrufbar.

Klimaschutz & digitale Transformation – erfolgreiches Zusammenspiel oder trügerische Illusion?

Die Digitalisierung gilt als großes Versprechen für eine nachhaltige Zukunft. Insbesondere in den letzten beiden Jahren der Corona-Pandemie bekam cloud-basiertes Arbeiten im Home-Office einen immer höheren Stellenwert. ​​Digitale Neuheiten und neue Arbeitsstrukturen sollen bei der CO₂-Einsparung helfen. Das Home-Office erspart Arbeitswege mit dem Auto, Meetings ersetzen aufwändige Geschäftsreise und alte Geräte werden mit energieeffizienteren Alternativen ausgetauscht.

Aber können derartige Veränderungen einen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation leisten? Oder neutralisieren Faktoren wie Rebound-Effekte die vermeintlichen Erfolge der Digitalisierung?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit aus Berlin mit seinen Projektpartnern, dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Mannheimer Zweckverband Kommunale Datenverarbeitung Oldenburg (KDO), in einer aktuellen Studie über die Klimaschutzpotenziale der digitalen Transformation. Im Gegensatz zu bisherigen Publikationen berücksichtigen die Untersuchungen zentrale Wirkungsmechanismen und greifen Rebound-Effekte, mögliche Verhaltensänderungen, Effekte erhöhter Nachfrage und mögliche nationale und internationale Produktionsverlagerungen auf.

Die empirische Arbeit betrachtet hierfür die Effekte der Digitalisierung auf den Klimaschutz in vier Anwendungsfeldern. Mithilfe ausführlicher Literaturrecherche, leitfadengestützter Interviews und Datenanalysen zum jeweiligen CO₂-Ausstoß in den einzelnen Anwendungsfeldern kam die Studie zu folgenden Ergebnissen: 

Videokonferenzen & Homeoffice

Im ersten Schritt wurden Veränderungen des Arbeits-, Reise- und Mobilitätsverhaltens durch cloudbasierte Online-Zusammenarbeit im Homeoffice sowie durch Telefon- und Videokonferenzen untersucht. Den Untersuchungen zufolge ermöglicht die vermehrte Nutzung  von Videokonferenzen einen deutlichen Rückgang von Reisen und zeigt, dass Online-Meetings ein guter Ersatz für Auswärtstermine sein können. Dabei kommt es zum einen zu veränderten Ansprüchen an die Wohnung, wie der Wunsch nach einer größeren Fläche. Zum anderen kompensieren zusätzliche Fahrten für bspw. Einkäufe mögliche Einsparungen durch wegfallende Arbeitswege. Die Einsparungen werden demnach durch sogenannte Reboundeffekte erheblich gemindert. Folglich sorgt das Homeoffice kaum für signifikant positive Effekte auf die Klimabilanz.

Virtualisierung & Cloud Computing

In öffentlichen Einrichtungen wurden die Auswirkungen der Umstellung von hausinternen IT-Systemen (Server, Speicher) auf Cloud-Lösungen und auf neue energieeffizientere Geräte untersucht. Die Nutzung neuer energie- & ressourcenschonender Endgeräte kann den Energieverbrauch erheblich reduzieren. Auch wenn dies im Einzelfall sinnvoll erscheint, sorgt die Ausweitung der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechniken wie Cloud-Lösungen sowie digitaler Endgeräte wiederum für einen erhöhten Energiebedarf. Das Ergebnis: Virtualisierung und Cloud Computing führen nicht unbedingt zu einem geringeren Energiebedarf.

Private Mediennutzung und Automatisierung

Des Weiteren wurde die Entwicklung der durch Internet- und Mediennutzung verursachten Treibhausgasemissionen, mit Beachtung der Geräteherstellung und Gerätenutzung in typischen Haushalten beobachtet und analysiert. Trotz der Nutzung und Umstellung auf energieeffizientere Geräte, ist die positive Auswirkung gering. Hier fällt ebenfalls eine gesteigerte Nutzungsintensität und ein erhöhter Datenverbrauch ins Gewicht. Zudem wird durch eine verkürzte Lebensdauer der Geräte, dem gesteigerten Energieverbrauch bei der Herstellung und des erhöhten Produktionsvolumens die zunehmende Energieeffizienz gebremst.

Digitalisierung in der Produktion

Im Bereich der Produktion standen innovative Technologien wie das Elektroauto im Fokus der Studie. Es heißt, die Digitalisierung ermögliche neue Produktqualitäten und könne somit einen erheblichen Beitrag für eine nachhaltigere Energiezukunft leisten. 

Schlussendlich folgern die Autor*innen aus den erarbeiteten Ergebnissen, dass die digitale Transformation im Großen und Ganzen nicht eigendynamisch zum Klimaschutz beitrage. Es benötige politische Anreize und Regelungen, wie eine Energiesteuer, um die Klimaschutzpotenziale der digitalen Transformation effektiv ausschöpfen zu können. 

Digitalisierung reicht nicht. Wir brauchen einen soziokulturellen Wandel.

Die Einführung von Steuern und regulatorischen Anreizen lässt jedoch die Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten auf der Individualebene mit Blick auf das Konzept der Suffizienz außen vor. Wir brauchen dringend einen soziokulturellen Wandel im Konsumverhalten. Dafür benötigen Verbraucher*innen ausführliche Informationen zu den Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens. Es ist nach wie vor leicht, der Illusion zu verfallen, dass mit dem Kauf eines neuen energieeffizienten Geräts, die Klimabilanz verbessert wird. Daher gilt:

  • Die Nutzungsdauer von Geräten sollte so lange wie möglich – auch durch Reparaturen – ausgereizt werden.
  • Funktionsfähige Geräte sind für andere Bürger*innen vielleicht vom Wert. Ein Second-Hand-Verkauf und -Ankauf lohnt sich – nicht nur finanziell.
  • Bei einer Neuanschaffung ist genau zu überlegen, ob man das Gerät wirklich braucht, oder es vielleicht geliehen werden kann.

Die Digitalisierung kann eine zentrale Rolle beim Klimaschutz einnehmen. Allerdings ist digitaler Klimaschutz kein Selbstläufer, sondern muss von den Bürger*innen mit Achtsamkeit auf das eigene Konsumverhalten reflektiert und von der Politik gezielt flankiert werden. Wir brauchen bspw. mehr Informationsangebote, um Umwelteffekte des digitalen Lebensstils weitergehend an Verbraucher*innen zu kommunizieren. Nur dann wird aus der Digitalisierung keine trügerische Illusion.

Quellenangaben:

Clausen, J., Niebel, T., Hintemann, R., Schramm, S., Axenbeck, J. & Iffländer, S. (2022). Klimaschutz durch digitale Transformation: Realistische Perspektive oder Mythos? CliDiTrans Endbericht. Berlin: Borderstep Institut

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Wenn dir ein Geschäft „Kauf weniger“ sagt. – Interview mit Maike Gossen

Im Rahmen eines Interviews sprachen wir mit Maike Gossen vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) über die kürzlich veröffentlichte Studie „When your shop says #lessismore. Online Communication interventions for clothing sufficiency“. Digitalisierung verändert unsere Lebensweise und unser Konsumverhalten. Wie man Online-Kommunikation als Tool für Suffizienzmarketing nutzen kann und welche Erkenntnisse aus der Studie hervorgegangen sind, erläutert Maike Gossen im folgenden Interview.

Deutsche Umweltstiftung (DUS): Sie haben die Studie „When your shop says #lessismore. Online Communication interventions for clothing sufficiency“1 im „Journal of Environmental Psychology“ veröffentlicht. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in der experimentellen Studie geht?

Maike Gossen (MG): Die Studie entstand in unserer Forschungsgruppe zu Digitalisierung und sozial-ökologischer Transformation 2. Wir wollten herausfinden, inwiefern Online-Kommunikation von Unternehmen aus dem Kleidungsbereich, beispielsweise in Social Media, nachhaltige Lebensstile fördern können. Zu diesem Zweck haben wir Online-Kommunikation als Teil von Suffizienzmarketing 3 in zwei experimentellen Studien untersucht.

DUS: Wie sind diese Studien abgelaufen und was sind die zentralen Ergebnisse?

MG: Im ersten Schritt haben wir gemeinsam mit unserem Projektpartner Avocadostore eine Feldstudie konzipiert. Im Rahmen einer Themenwoche auf Social Media und im Newsletter hat der Online-Marktplatz unter dem Motto „lessismore“ auf Alternativen zum Neukauf hingewiesen. Wir haben vor und nach der Themenwoche die Kund*innen von Avocadostore zu ihrem Kaufverhalten und ihren Einstellungen befragt. Das zentrale Ergebnis der Feldstudie ist, dass Suffizienzbotschaften positiv bewertet werden. Jedoch kauften die Kund*innen im Monat nach der lessismore-Woche genauso viel Kleidung wie Kund*innen, die die suffizienzfördernde Kommunikation nicht gesehen hatten. Es scheint also, dass vereinzelte Social Media-Posts eines Unternehmens als Intervention zu schwach sind, um sich langfristig auf das Konsumniveau auszuwirken. In einer daran anschließenden Online-Laborstudie konnten wir hingegen zeigen, dass suffizienzfördernde Social Media-Posts kurzfristig sehr wohl suffiziente Konsumentscheidungen fördern konnten. Dieser Effekt war insbesondere bei Teilnehmenden stärker, die bereits altruistische und umweltorientierte Werte vertraten. 

DUS: Was schließen Sie aus dem Ergebnis, dass Suffizienzbotschaften über Social Media eher eine kurzfristige Wirkung zeigen. Ist Social Media grundsätzlich ungeeignet, um langfristige Verhaltensänderungen zu erzeugen? Was bedeutet das für das Suffizienzmarketing?

MG: Dass wir zwar eine kurzfristige Wirkung im Labor, aber keine langfristige Wirkung im Feld finden konnten, ist ein interessantes Ergebnis, das zu weiterer Forschung einlädt. Wir interpretieren diese Resultate so, dass Suffizienzkommunikation erst wirksam sein kann, wenn sie einen sichtbaren Anteil an der Gesamtkommunikation einnimmt. Gerade in einem ansonsten sehr konsumorientierten Umfeld wie Social Media 4 und dem Internet an sich 5 kann eine einzelne Suffizienzbotschaft oder ein einzelner Instagram-Post im allgemeinen Informationsfluss untergehen. Langfristig wäre es wünschenswert, in der digitalen Kommunikation eine Kultur der Suffizienz zu etablieren und soziale Normen weg von schnelllebigem Konsum hin zu mehr Nachhaltigkeit zu verändern.

DUS: Heute bewerben immer mehr Unternehmen ihr nachhaltiges Angebot und fördern damit grünen Konsum. Worin unterscheidet sich das so genannte Suffizienzmarketing?

MG: Beim Suffizienzmarketing geht es darum, keine neuen Konsumwünsche zu schaffen, sondern bestehende Bedürfnisse zu befriedigen. Das kann also entweder ein Produkt sein, dass sich durch langlebige Materialien, Reparierbarkeit oder Zeitlosigkeit auszeichnet, aber genauso können es auch Alternativen zum Neukauf sein. Häufig kann die Lebensdauer von Produkten verlängert werden, indem sie repariert, gut gepflegt oder verliehen werden. Auch durch Secondhand können Ressourcen eingespart werden. Im Outdoorbereich gibt es viele Vorreiterunternehmen, die Suffizienz fördern wollen und nicht nur ihr Sortiment und ihre Services darauf ausgerichtet haben, sondern auch in ihrer Kommunikation ganz offen sagen, dass es nicht immer das neueste Produkt sein muss. Patagonia ist ja für ihre Konsumkritik bekannt, beispielsweise durch Aktionen wie der “Don’t Buy This Jacket”-Kampagne. Zum letzten Black Friday hat das US-Unternehmen mit der “Buy less, demand more”-Kampagne seine Kund*innen nicht nur dazu aufgefordert, weniger zu konsumieren, sondern auch ihrerseits noch mehr von Textilherstellern und der Politik einzufordern. Indem sie politischen Aktivismus fördern wollen sie einen Beitrag dazu leisten, die Bekleidungsindustrie zu verändern. 

DUS: Aber letztendlich stellt sich doch immer die Frage, wie suffizienz-orientierte Unternehmen in einer wachstumsgetriebenen Wirtschaft überleben können. Ist diese Konfliktlinie überhaupt zu überwinden? 

MG: Eine Suffizienzorientierung ändert das Verständnis von unternehmerischer Wertschöpfung, welcher sich nicht mehr an reiner Absatzsteigerung und Wachstum orientiert, sondern am Wohlergehen von Beschäftigten, der Umwelt und der Gesellschaft gleichermaßen. Pioniere der Postwachstumsökonomie positionieren sich daher in Nischen oder skalieren ihre Wirkung durch suffizienz-orientierte Angebote. Manche Unternehmen wachsen weiter und rechtfertigen dies mit der Verdrängung nicht-nachhaltiger Unternehmen. Andere Unternehmen wie Patagonia wollen nicht größer werden, sondern ihre aktuelle Stellung nutzen, um ihren Unternehmenszweck zu erfüllen und ihre Marke an den Werten und der Mission von Patagonia auszurichten. In diesem Sinne geht Suffizienzförderung nur, wenn alle an einem Strang ziehen: in unserer Forschung zeigt sich immer wieder, dass viele Menschen aber auch Unternehmen eine hohe Bereitschaft zur Suffizienz aufweisen. Sie haben verstanden, dass es dabei nicht primär um Verzicht geht, sondern um ein gutes Leben für alle.


[1] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0272494421000487

[2] nachhaltige-digitalisierung.de

[3] https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0276146719866238

[4] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/cb.1855

[5] https://oekologisches-wirtschaften.de/index.php/oew/article/view/1786

Über die Interviewpartnerin
© Gordon Welters

Maike Gossen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Doktorandin an der TU Berlin in der BMBF-geförderten Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nachhaltiger Konsum, Suffizienz und Nachhaltigkeitsmarketing.