Der ökologische Handabdruck

Konzepte wie der Ökologische oder der CO₂‑Fußabdruck sind immer mehr Menschen ein Begriff. Sie zeigen die ökologischen Konsequenzen unserer Lebens- und Konsumgewohnheiten und dienen als Maßstab dafür, wie sich unser individueller Lebensstil auf das Klima auswirkt. Eine ganze Reihe von Tools wie bspw. der CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes oder der Kalkulator des Global Footprint Networks machen es möglich, per Klick die eigenen Umweltauswirkungen zu erfassen. Anhand der Auswertungsübersichten können sich Interessierte mit dem nationalen oder sogar globalen Durchschnitt vergleichen und gleichzeitig Bereiche und Tätigkeiten erkennen, die besonders ressourcenintensiv sind. 

In den allermeisten Fällen liegt der Ressourcenverbrauch von Menschen aus Ländern des Globalen Nordens dabei mehr oder weniger deutlich oberhalb dessen, was mit einer nachhaltigen Lebensweise auf unserem Planeten vereinbar ist. Dies zeigt der im Zeitverlauf immer weiter an den Jahresanfang rückende Erdüberlastungstag anschaulich.

Quelle: RCraig09, Earth Overshoot Day, online unter: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61539157#/media/File:1971-_Earth_Overshoot_Day_-_line_chart.svg, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Konzept des Erdüberlastungstags markiert dabei den Tag des Jahres, an dem alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht wurden, die uns die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann. Letztes Jahr war dieser Punkt auf globaler Ebene bereits am 24. Juli erreicht. Jedoch variieren die Konsummöglichkeiten und Lebensweisen von Menschen in verschiedenen Ländern erheblich. Würden alle Menschen der Erde so leben wie die Einwohner*innen Deutschlands, würde der Erdüberlastungstag schon am 10. Mai, im Falle Kolumbiens dagegen erst am 1. Oktober erreicht werden. 

Mehr als individueller Verzicht – der ökologische Handabdruck

Wenn sich Personen mit dem Thema „Ressourcenverbrauch“ auseinandersetzen und eines der diversen Berechnungstools ungeschönt ausfüllen, kann ein deprimierendes Bild entstehen: Der eigene Bedarf ist deutlich zu hoch und der individuelle Handlungsspielraum begrenzt.

Um neue Kraft zu schöpfen, kann sich ein Perspektivwechsel anbieten. Anstelle bloß auf die verursachten Ressourcenverbräuche zu schauen, werden zusätzlich persönliche Anstrengungen im Sinne der Nachhaltigkeit berücksichtigt. Auch alltägliche Suffizienzmaßnahmen erscheinen dabei in einem anderen Licht, denn im Mittelpunkt steht nun weniger das, worauf man verzichtet. Vielmehr geht es um das, was man alleine, aber vor allem gemeinsam mit anderen verändert und verbessert. Die Rede ist an dieser Stelle vom ökologischen Handabdruck. Er wurde von der indischen Bildungseinrichtung Centre for Environmental Education entwickelt. Das Konzept hilft dabei, das eigene Engagement sichtbar zu machen – sei es im persönlichen Umfeld oder durch politische Mitgestaltung. Während der ökologische Fußabdruck didaktisch den Fokus auf Ursachentransparenz und Vermeidungspotentiale legt, steht der Handabdruck symbolisch für Gestaltungswillen und Machbarkeit. 

Den eigenen Handabdruck vergrößern – ein Plädoyer für mehr gemeinsame Lösungen

Die Vergrößerung des eigenen Handabdrucks kann dabei auf vielerlei Wegen erfolgen. Es ist ebenso die politische Unterstützung einer sozial-ökologischen Petition wie die Sachspende für den örtlichen Stadtgarten oder die finanzielle Unterstützung einer Klimaschutz-Initiative. 

Der ökologische Handabdruck betont dabei den Mehrwert, den wir gemeinsam mit und für andere erreichen können. Er kann sowohl dazu beitragen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken als auch ressourcenschonende Alternativen zu erproben, die einem alleine verschlossen bleiben. Ein gutes Beispiel dafür ist die Organisation von Fahrgemeinschaften in Regionen mit einem ausgedünnten ÖPNV-Netz. Erst durch die Abstimmung mit anderen wird es möglich, die eigene ökologische Mobilitätsbilanz dauerhaft zu verbessern und das kommunale PKW-Aufkommen auf den Straßen zu vermindern. Nebenbei hat es noch weitere Vorteile: Man ist häufiger Beifahrer*in, lernt in Gesprächen die Mitfahrenden besser kennen und kommt entspannter an. Auch Fahrgemeinschaften zwischen Eltern bieten in dieser Hinsicht Vorteile: Sie entlasten die Umwelt infolge eines sinkenden PKW-Aufkommens und helfen zugleich, alle beruflichen und familiären Tagesaufgaben unter einen Hut zu bekommen. Ein anderes Beispiel ist die Verschwendung von Lebensmitteln: Auf individueller Ebene lässt sich durch weitsichtiges Einkaufen und eine strukturierte Nahrungsmittelverwertung persönlich vermeiden, dass Lebensmittel in großer Menge in den Müll wandern. Berücksichtigt man jedoch die immensen Mengen an Nahrungsmitteln, die bereits im Einzelhandel entsorgt werden, wird schnell klar, dass gemeinsam mit anderen noch deutlich mehr möglich ist. Folgerichtig haben sich aus diesem Grundgedanken an vielen Orten ehrenamtliche Foodsharing-Initiativen gebildet, die sich immer über Mitstreiter*innen freuen. Und falls es in einem Ort noch kein entsprechendes Angebot gibt, ist es sicherlich an der Zeit, dem Abhilfe zu schaffen. 

Dies sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass Suffizienz- und Nachhaltigkeitsbemühungen nicht auf die individuelle Ebene begrenzt sein sollten. Falls der eine oder andere sich nun fragt, welche Möglichkeiten es noch gibt, um seinen ökologischen Handabdruck zu vergrößern, dem sei diese Infoseite von Germanwatch mit vielen Anregungen wärmstens empfohlen.

Fazit 

Der ökologische Fuß- und Handabdruck sind interessante, sich ergänzende Konzepte zur nachhaltigen Ausrichtung unseres Alltagshandelns. Einerseits sehen wir das Ausmaß unseres Ressourceneinsatzes und unsere Verbindlichkeiten gegenüber der Umwelt. Andererseits liefert der ökologische Handabdruck Inspirationen, um gemeinsam mit anderen ins Handeln zu kommen und einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten. Dabei ist es wie mit vielen anderen Dingen im Leben auch: Zusammen macht es einfach mehr Spaß.

Rezension: „Kompass Konsumreduktion – der Ratgeber zur Befreiung vom Überfluss“

In einer Welt des Überflusses fordert das Buch „Kompass Konsumreduktion“ dazu auf, nicht nur die eigenen vier Wände zu entrümpeln, sondern auch den persönlichen Umgang mit Konsum kritisch zu prüfen. Die Autor*innen der Heinrich-Böll-Stiftung richten den Blick in dem 2022 erschienenen Werk auf persönliche Bedürfnisse, gesellschaftliche Strukturen und ökologische Auswirkungen unseres Konsumverhaltens.

Moderner Konsum im Blick

Der Aufbau des Buches folgt einer klaren Struktur. Im theoretischen Teil werden die Hintergründe und Folgen der modernen Konsumgesellschaft beleuchtet: ökonomische Anreize, soziale Normen und individuelle Bedürfnisse, die das Konsumverhalten beeinflussen. Die Autor*innen machen deutlich, dass Konsum längst mehr ist als eine private Entscheidung. Er sei Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen von Wohlstand, Erfolg und Zugehörigkeit.

Ausgehend von der Beobachtung überfüllter Wohnungen zeigen sie, wie ständige Produktverfügbarkeit, Werbung und gesellschaftliche Erwartungen dazu führen, dass viele Menschen weit mehr besitzen, als sie brauchen. Konsum werde zum Mittel der Selbstdefinition und zum Symbol von Status und Identität.

Doch genau darin liege das Problem. Ein Leben, das stark auf materiellen Besitz ausgerichtet sei, steigere die Zufriedenheit kaum. Oft führe es zu Stress, Überforderung und innerer Unruhe. Der Kreislauf aus Kaufen, Nutzen, Aussortieren und erneutem Konsumieren halte uns zwar ständig beschäftigt, führe jedoch selten zu echter Zufriedenheit. Zugleich verweist das Buch auf die ökologischen Folgen dieser Überflusskultur: Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und CO₂-Emissionen sind direkte Begleiter unseres Konsumverhaltens.

Gleichzeitig stellt der Ratgeber Gegenbewegungen wie den Minimalismus vor. Wer sich von Überflüssigem trenne, gewinne Platz, Zeit und Klarheit sowie ein Bewusstsein dafür, was wirklich wichtig sei. Das Buch verschweigt jedoch nicht die Ambivalenzen solcher Ansätze. Der Wunsch nach „schöner Leere“ könne selbst neuen Konsum befeuern, etwa durch den Kauf minimalistischer Designobjekte. Auch moralische Selbstrechtfertigung („Ich habe ausgemistet, also darf ich mir wieder etwas gönnen“) wird kritisch beleuchtet.

Deine Dinge im Blick

Im zweiten Teil des Buches wird es praktisch: Der „Kompass Konsumreduktion” führt die Leser*innen Schritt für Schritt durch vier Phasen der Konsumreduktion: Introspektion, Reduktion, Weitergabe und Dranbleiben. In jeder Phase werden theoretische Impulse mit konkreten Übungen verbunden, verknüpft mit der Einladung, die eigene Beziehung zu Dingen neu zu denken.

  1. Introspektion: Zu Beginn steht das bewusste Hinsehen. Übungen zu Bestandsaufnahme, Reflexion und Achtsamkeit machen sichtbar, wie Erinnerungen, Gewohnheiten und gesellschaftliche Erwartungen unser Konsumverhalten prägen. Zugleich rücken Herkunft und Herstellung der Dinge in den Blick und damit auch ihr ökologischer Fußabdruck.
  2. Reduktion: In dieser Phase geht es um das aktive Loslassen. Methoden wie die KonMari-Methode, das Minimalist Game oder die Vier-Kisten-Technik unterstützen dabei, Besitz strukturiert zu reduzieren. Im Mittelpunkt steht kein radikales Ausmisten, sondern bewusstes Entscheiden: Was ist notwendig, was spiegelt meine Werte wider und was darf gehen? So wird Reduktion zur Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und Prioritäten.
  3. Weitergabe: Anstatt Dinge zu entsorgen, fordert das Buch zu Verantwortung auf. Das Wegwerfen aussortierter Dinge bleibt der letzte Ausweg. Alternativen wie Verschenken, Spenden, Verkaufen oder Reparieren werden praxisnah vorgestellt und im Kontext der Kreislaufwirtschaft verortet. So entsteht Bewusstsein dafür, dass jedes weitergenutzte Objekt Ressourcen spart und Nachhaltigkeit fördert. 
  4. Dranbleiben: Die letzte Phase widmet sich der langfristigen Veränderung. Wie lässt sich ein bewusster Umgang mit Konsum dauerhaft im Alltag verankern? Übungen helfen, dem Reiz des Konsums zu widerstehen, Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Routinen zu entwickeln, etwa durch gemeinschaftliche Nutzung, Leihen oder Tauschen.

So wird der Praxisteil zu einem alltagsnahen Leitfaden, der Konsumreduktion als persönliche und gesellschaftliche Lernaufgabe begreift und zeigt, dass Nachhaltigkeit im Kleinen beginnen kann.

Handeln leicht gemacht

Bemerkenswert ist die didaktische Gestaltung des Buches: Zahlreiche Reflexionsfragen, Übungen und Infokästen ermöglichen es, die Inhalte direkt auf das eigene Leben zu übertragen. So verbindet das Buch die theoretische Auseinandersetzung mit Konsum und Reduktion konsequent mit praxisnahen Handlungsschritten. Die klare Trennung zwischen theoretischen Grundlagen und praktischen Anleitungen erleichtert die Orientierung und macht den Aufbau nachvollziehbar. Schritt für Schritt können die Leser*innen ihre Gewohnheiten überprüfen und Wege zu bewussteren, nachhaltigeren Entscheidungen entwickeln.

Fazit

Unsere Gesellschaft lebt in materiellem Überfluss: Wir kaufen mehr, als wir brauchen, besitzen Vieles, das ungenutzt bleibt, und werfen oft noch funktionierende Gegenstände weg. Der „Kompass Konsumreduktion” bietet Orientierung und begleitet die Leser*innen auf dem Weg zu einem bewussteren Umgang mit Besitz und Konsum. 

Das Buch zeigt anschaulich, dass Konsumgewohnheiten nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftlich relevante Auswirkungen haben und dass Veränderung im Alltag beginnen kann, sei es durch Besitzreduktion, die kritische Reflexion der eigenen Bedürfnisse oder einen verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen. 

Auf diese Weise eröffnet der Ratgeber Wege zu einem entrümpelten Alltag und zu einer Lebensweise, die individuelle Zufriedenheit, Suffizienz und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet. Damit wird der „Kompass Konsumreduktion” zu einem praxisnahen Leitfaden für alle, die ihre Konsumgewohnheiten bewusst hinterfragen und nachhaltig verändern möchten.

                         

Buchinformationen

Autor*innen: Marlene Münsch, Maximilian Wloch, Lisa Walsleben, Samira Iran, Viola Muster, Jasmin Beppler
Titel: Kompass Konsumreduktion – Der Ratgeber zur Befreiung vom Überfluss                                                        Verlag: oekom
ISBN: 978-3-98726-120-6
Softcover, 68 Seiten
Erscheinungstermin: 05.09.2024

Obsoleszenz und Verbraucherverantwortung

Man kennt Sätze wie diese: ,,Produkte halten heute einfach nicht mehr so lange wie damals” oder ,,Früher konnte ich diese Schrauben einzeln nachkaufen, jetzt muss ich auf einmal gleich das ganze Teil austauschen.” Häufig sind sie von älteren Menschen zu hören. Oft reagieren jüngere Leute mit einem Augenrollen oder Schmunzeln – tun sie als nostalgische Erinnerungen ab. 

Ein genauer Blick zeigt allerdings recht schnell, dass diese Aussagen einen wahren Kern besitzen. Wer hat sich nicht auch schon einmal darüber geärgert, dass die neue Waschmaschine schon nach zwei Jahren defekt ist? Dass sich für die Kaffeemaschine keine Ersatzteile finden lassen oder der Akku in einem Gerät fest verbaut ist? Oder, dass es manchmal schlichtweg günstiger ist, ein Produkt neu zu kaufen, anstatt es reparieren zu lassen? Hinter all diesen Beispielen könnte eine Praxis stecken, die wissenschaftlich als geplante Obsoleszenz bezeichnet wird. 

Geplanter Verschleiß für mehr Umsatz?

Das Konzept fußt auf der Annahme bzw. Behauptung, dass Hersteller diesen skizzierten Verschleiß gezielt herbeiführen. Ziel sei es mithin, die Lebensdauer eines Produktes gezielt künstlich zu begrenzen, um den Konsum und folglich den Absatz anzukurbeln. Dies werde bereits beim Produktdesign – also insb. der Konzeption der Funktionalitäten, des technischen Designs und der Auswahl der Materialien sowie deren Verarbeitung berücksichtigt. 

Formen der Obsoleszenz

Neben der qualitativen Obsoleszenz, bei der ein Produkt so konstruiert wird, dass bestimmte Bauteile schneller verschleißen oder nur schwer austauschbar sind, kennt die Forschung noch weitere Formen:

In die Kategorie der funktionalen Obsoleszenz gehören Fälle, in denen neue Modelle mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet werden. Maßgeblich ist dabei, dass diese bewusst so gestaltet werden, dass sie mit älteren Geräten inkompatibel werden. Im Ergebnis muss zwangsläufig auch das alte Gerät ersetzt werden, obwohl es technisch noch einwandfrei funktioniert. 

Bei der psychologischen Obsoleszenz spielen Design und Marketing eine zentrale Rolle: Durch die stetige Veröffentlichung von immer neuen Modellen und Versionen soll bei Konsument*innen bewusst der Drang erzeugt werden, diese neuen Produkte besitzen zu müssen. 

Eine weitere Form ist die sogenannte Software-Obsoleszenz, die in Bezug auf technische Geräte wie Smartphones oder Computer diskutiert wird. Für ältere Geräte wird der technische Support eingestellt und neue Updates werden nicht mehr zur Verfügung gestellt. Dadurch lassen sich diese Geräte nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr nutzen.

Rentiert sich schließlich für Verbraucher*innen ein Neukauf mehr als die Reparatur eines alten Produktes, wird dies auch als ökonomische Obsoleszenz bezeichnet. 

Gemeinsames Ziel bzw. handlungsleitende Motivation all dieser Praktiken ist es theoretisch, den Konsum anzukurbeln. Unternehmen wollen demnach ihren Umsatz steigern und zugleich ihre Kosten senken, etwa durch die Verwendung von preiswerteren Materialien und einfacheren Verarbeitungsweisen. 

Zwei Seiten der gleichen Medaille 

Ob es in der Praxis allerdings eine gezielte Manipulation auf Seiten der Hersteller gibt, ist bis jetzt nicht eindeutig belegt. Eine Auswertung von Dauertests der Stiftung Warentest zeigte, dass beispielsweise Haushaltsgeräte heute nicht schneller kaputt gehen als früher. In einer Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahre 2016 wurde zwar festgestellt, dass der Anteil an untersuchten Haushaltsgeräten, die wegen eines Defektes bereits nach fünf bis sechs Jahren ausgetauscht wurden, von 3,5 auf über 8 Prozent gestiegen ist, ein absichtlich herbeigeführter Verschleiß im Sinne einer „Sollbruchstelle“  als Ursache konnte allerdings nicht nachgewiesen werden. Zwar zeigte sich, dass die Gestaltung einiger Bauteile eher lebensdauerverkürzend wirkt, grundsätzlich können jedoch alle Komponenten eines Geräts versagen. Hersteller verfolgen laut der Studie vielmehr das Ziel, die Lebensdauer einzelner Bestandteile möglichst einander anzugleichen – Produkte sollen so lange wie nötig, aber nicht zwingend möglichst lange halten. Dabei sehen sich Produktdesigner stets dem Spannungsfeld aus technischen, funktionellen und optischen Aspekten, Erwartung und Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe(n) sowie Gewinn- und Renditeerwartungen des Unternehmens gegenüber.

Dennoch steht an dieser Stelle unweigerlich die Frage im Raum, ob der Produktgestaltung im Sinne der Nachhaltigkeit nicht stärker Grenzen gesetzt werden sollte, bspw. indem eine Mindesthaltbarkeitsdauer vorgegeben wird. Ein weiteres Problem an dieser Stelle ist, dass Verbraucher*innen die tatsächliche Qualität des Produktes oft nur indirekt abschätzen können. Mit einem höheren Preis oder einem höherwertig anmutenden Design geht bei vielen Kund*innen die Erwartung einher, insgesamt ein qualitativ besseres Produkt zu erwerben. Gerade bei technischen Geräten sagen diese Details jedoch nicht zwingend etwas über die Langlebigkeit aus. Hier bräuchte es mehr Transparenz bspw. in Form eines Ausweises der erwartbaren Nutzungsstunden.  

Darüber hinaus kam die Studie des Umweltbundesamtes allerdings auch zu dem wichtigen Ergebnis, dass beispielsweise knapp 60 Prozent der Fernsehgeräte nicht wegen eines technischen Defekts, sondern aufgrund des Wunsches der Verbraucher*innen nach einem neuen Gerät bereits nach relativ kurzer Zeit ausgetauscht werden. In der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft verlieren Produkte bei vielen Menschen schnell an Wert, wenn sie nicht mehr den neuesten Trends entsprechen oder eine brandaktuelle Funktionalität nicht besitzen. Es wäre daher zu einfach, die Verantwortung ausschließlich den Unternehmen zuzuschieben. Vielmehr ist es auch jeder Einzelne, der mit seinen Konsumentscheidungen den Markt mitgestaltet.  

Ein Kompass für den eigenen Konsum

Auch wenn sich eine geplante Obsoleszenz nicht nachweisen lässt, so sind unsere aktuellen Konsummuster unzweifelhaft mit gravierenden ökologischen und sozialen Konsequenzen verknüpft. Insgesamt hat sich die Nutzungsdauer von Produkten vielfach verkürzt. Zudem können Produkte oft nur schlecht oder gar nicht recycelt werden. Schon seit langem forderten Umweltschützer*innen daher mehr Transparenz, langlebigere Produkte und ein Recht auf Reparatur. Eine entsprechende EU-Richtlinie ist 2024 in Kraft getreten und muss bis 31. Juli 2026 in nationales Recht umgesetzt werden. Sie umfasst insbesondere die folgenden fünf Punkte:

  • Reparaturpflicht der Hersteller: Hersteller müssen für bestimmte Produkte nach Ablauf der Gewährleistung Reparaturen zu angemessenen Preisen anbieten, nicht nur den Austausch.
  • Verfügbarkeit von Ersatzteilen: Hersteller müssen Ersatzteile für eine bestimmte Dauer nach dem Kauf vorhalten. 
  • Zugang zu Informationen und Software: Reparaturwerkstätten und Verbraucher sollen Zugang zu Reparaturanleitungen und Software erhalten, um die Reparatur zu erleichtern.
  • Designvorgaben: Neue Produkte müssen einfacher reparierbar sein und langlebigere Komponenten (z. B. Akkus) enthalten.
  • Transparenz für Verbraucher: Ein EU-Formular soll dabei helfen, die Kosten und Dauer von Reparaturen zu vergleichen.

Das Recht auf Reparatur stellt jedoch nur einen ersten – allerdings wichtigen – Schritt dar, der sich gezielt gegen mögliche Obsoleszenzstrategien wendet – mag es sie nun geben oder nicht. Es trägt zugleich dazu bei, die Lebensdauer von Produkten deutlich zu verlängern. Damit wird jedoch nur ein positiver ökologischer Effekt einhergehen, wenn Verbraucher*innen ihrer ökologischen Verantwortung nachkommmen – funktionierende Geräte also auch noch verwenden, wenn sie nicht mehr die allerneusten Funktionen haben oder das Design bereits etwas in die Jahre gekommen ist.

Mindestens genauso wichtig ist es jedoch, sich und seine Konsumerwartungen kritisch zu hinterfragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass für einen Kleiderschrank Holz aus nachhaltiger und regionaler Waldbewirtschaftung verarbeitet wird, zugleich auf die Verwendung von problematischen Chemikalien oder fragwürdigen Arbeitsbedingungen verzichtet wird und dies zu einem „Spottpreis“ geschieht? Wie realistisch ist es, dass eine neue und hochwertige Bohrmaschine für weniger als 50 € angeboten wird? Und schließlich: Muss man das betreffende Produkt überhaupt persönlich besitzen oder nutzt man es nur sehr selten?

Ein Blick auf die Anti-Verbraucher-Pyramide der Deutschen Umweltstiftung verdeutlicht, dass sich mittels derartiger Überlegungen Verhaltensveränderungen ebenfalls nutzen lassen, um kurzlebigen Produkten das Dasein zu erschweren.

Egal, ob es sich um kommerzielle Angebote oder selbst organisierte private Projekte handelt: Es bilden sich immer mehr Projekte vom Kleingartenverein bis hin zum städtischen Quartier, die Gebrauchsgüter wie bspw. Werkzeuge gemeinsam nutzen. Auch große Unternehmensketten bieten zunehmend die Möglichkeit, Produkte auszuleihen. So werden zum einen weniger Güter erworben. Zum anderen wird es auf diese Weise möglich, auch mit beschränkten finanziellen Mitteln hochwertige Produkte mit einer besseren Verarbeitung und tendenziell längeren Lebensdauer zu verwenden. 

Wenn Sie also das nächste Mal vor der Frage stehen, welcher neue Rasenmäher es sein soll, sprechen Sie zunächst erst mit Ihren Nachbar*innen. Es lohnt sich finanziell und ökologisch.

Junge Menschen für Suffizienz begeistern

Jugendliche

Digitale Anwendungen können neue Wege eröffnen, um den eigenen Ressourcenverbrauch sichtbar zu machen und konkrete Alternativen zu erproben. Interaktive Selbsttests helfen, individuelle Konsummuster einzuordnen, deren Umweltauswirkungen in Zahlen zu fassen und dadurch persönliche Handlungsspielräume nachvollziehbar zu machen. Ein bekanntes Beispiel ist der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes, mit dem Nutzer*innen ihren CO2-Fußabdruck bspw. bei einer Flugreise ermitteln können. Eine stärker ganzheitlich auf das Thema Suffizienz ausgerichtete Alternative ist der SuffizienzCheck des ifeu, über den hier berichtet wird. In diesem Beitrag steht nun der schulische Fokus und die Lebenswirklichkeit junger Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Suffizienz entdecken 

Mit Unterstützung des Umweltbundesamtes und dem Umweltministerium hat die Deutsche Umweltstiftung 2020 die Suffizienzdetektive entwickelt: suffizienzdetektive.de

Es handelt sich um eine multimediale Internetseite für junge Menschen, die auf spielerische und leicht zugängliche Weise erklärt, was es bedeutet, die eigene Lebens- und Freizeitgestaltung ressourcenschonend vorzunehmen und wie dies im Alltag gelingen kann.

In einem Prozess des Erforschens und Entdeckens können die jungen Nutzer*innen mehr über die Methoden erfahren, mit denen sie das Prinzip der Suffizienz in ihr Leben integrieren können. Auf der Internetseite finden sich dazu neben vielen Tipps und Tricks auch Poetry Slams, Videos und ein Browsergame, bei dem die junge Emma durch die vielfältig auftretenden Dilemma einer suffizienten Lebensgestaltung geführt werden muss. Auf diese Weise verbindet die Internetseite spielerischen Wissenserwerb mit der Einladung zur kritischen Selbstreflexion und persönlichen Veränderung.

Browsergame „Emma im Dilemma“

Ein kleiner Hinweis für Lehrkräfte 

Die Internetseite ist auch hervorragend geeignet, um das Thema in den Unterricht oder einen Projekttag zu integrieren. Sie enthält dazu diverse Unterrichtsmaterialien, um Schüler*innen mit dem Thema Nachhaltigkeit allgemein und insbesondere Suffizienz vertraut zu machen.

Lehrkräfte können kostenlos einen Ablaufplan für eine videogestützte Unterrichtseinheit herunterladen. Die Videos sind bewusst auf junge Menschen und ihre Alltagswirklichkeit zugeschnitten. Dabei werden Themen wie der eigene Lebensstil, die persönliche Ernährung, der Umgang mit elektronischen Geräten oder Kleidung sowie das eigene Mobilitätsverhalten betrachtet. Experteninterviews und ein Audioguide zur suffizienteren Gestaltung des schulischen Alltags runden das Angebot ab.

Suffizienz im eigenen Leben verankern

Sicherlich: Damit sich Menschen suffizient verhalten können, braucht es zukünftig noch mehr politische Weichenstellungen und entsprechende Angebote. Dennoch sollte dies keine Ausrede sein, um das eigene Verhalten nicht kritisch reflektieren zu müssen. Denn oft lassen sich suffiziente Veränderungen im persönlichen Kontext bereits heute mit kleinen Maßnahmen erreichen. Digitale Anwendungen wie der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes, der SuffizienzCheck des ifeu oder die Suffizienzdetektive helfen dabei – egal, ob jung oder alt.

SuffizienzCheck

Nachhaltigkeit steht bei vielen Menschen hoch im Kurs. Tipps, wie man sich entsprechend verhält, und illustrierende alltagsnahe Beispiele wurden bis vor einigen Jahren zumeist in Form von Broschüren und Ratgebern verbreitet. Im Zeitalter der Digitalisierung tritt an diese Stelle verstärkt ein digitales Angebot mit Informationsportalen und zunehmend auch interaktiv bzw. spielerisch gestalteten Apps. 

Ein großer Vorteil ist dabei, dass diese Anwendungen häufig die Eingabe eigener Daten erlauben. Dies ermöglicht es Nutzer*innen, binnen von Minuten einen quantifizierten Eindruck ihrer persönlichen Lebenssituation zu erhalten. Das vermutlich bekannteste Beispiel für eine derartige Anwendung ist der CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes, mit dem Nutzer*innen ihren CO₂-Fußabdruck bestimmen und so bspw. die Klimawirkung ihrer Flugreise ermitteln können. 

In diesem Beitrag soll ein anderes Beispiel im Fokus stehen: der SuffizienzCheck. Er wurde vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts „SuPraStadt II – Lebensqualität, Teilhabe und Ressourcenschonung durch soziale Diffusion von Suffizienzpraktiken in Stadtquartieren” entwickelt. 

Ernährung, Reisen, Wohnen 

Das Besondere an der Anwendung ist der Fokus auf ressourcenschonende Lebensstile. Die Anwendung erlaubt es User*innen anonym, die eigenen Mobilitätsmuster, die aktuelle Wohnsituation und die persönliche Ernährung hinsichtlich des Grads an Suffizienz binnen weniger Minuten abzuschätzen. Dazu führt das Programm den oder die Anwender*in durch einen themenspezifischen Fragebogen, um die relevanten Eckpunkte zu ermitteln. So werden bspw. zur Ermittlung des Nutzerprofils bei der Wohnsituation die Eigentumsverhältnisse (Miete, Eigentum), die Quadratmeter, Zimmer- und Personenanzahl des Haushalts abgefragt. Auf Basis dessen wird sodann eine relative Bewertung im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt generiert und darüber hinaus ein anzustrebender Optimalwert als Richtwert unter Berücksichtigung globaler Gerechtigkeitserwägungen generiert. 

Im Bereich „Reisen” können die ökologischen Auswirkungen privater und dienstlich bedingter Mobilität ermittelt werden. Dabei verdeutlicht die Anwendung per Klick grafisch anschaulich die unterschiedlichen Treibhausgasemissionen und den relativen Anteil von Reise- und Aufenthaltszeit. Letzteres wird dabei der allgemeinen Grundeinstellung zuwiderlaufend nicht zwingend negativ verstanden, sondern als ein Indikator der Entschleunigung interpretiert. So kann durch die Brille der Suffizienz betrachtet, ein längerer Reiseweg bereits ungeachtet der ökologischen Vorteile erstrebenswert sein, wenn er positive Erlebnisse, Erholung oder Spaß fördert. Das altbekannte Sprichwort „Der Weg ist das Ziel” erscheint hier in neuem Gewand. 

In der dritten Kategorie steht die persönliche Ernährung im Vordergrund. Nutzer*innen können aus einer Vielzahl von Menükomponenten repräsentative Mahlzeiten bestehend aus einer Hauptkomponente, zwei Beilagen und einer Nachspeise kreieren. Optional können zudem bereits praktizierte Maßnahmen ausgewählt werden, die der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken, wie bspw. die Beteiligung an lokalen Foodsharingprojekten. Anschließend erhalten die Nutzer*innen Informationen hinsichtlich der damit einhergehenden Treibhausgasemissionen. 

Ein alltagsnaher Begleiter

Eine ganze Reihe von Dingen macht den SuffizienzCheck zu einer rundum gelungenen Anwendung.

  1. Visualisierte Soll-Ist-Vergleiche

Die Anwendung bietet für alle Bereiche grafische Elemente, die die ermittelten Werte veranschaulichen, sei es die relative Größe der eigenen Wohnung zum bundesweiten Durchschnitt oder die Klimarelevanz unterschiedlicher Nahrungsmittel. 

  1. Konkrete Tipps

Anders als andere Anwendungen endet der Prozess nicht bei der quantitativen Darstellung. Ergänzend erfolgt eine qualitative Einordnung, die das Konsummuster einordnet und alltagsnahe Tipps gibt, wie das eigene Verhalten noch ressourcenschonender gestaltet werden könnte.

  1. Vermittlung von Hintergrundwissen

An vielen Stellen erfahren User*innen mit kompakten Informationsblöcken mehr zum Thema Suffizienz allgemein bzw. bezogen auf die Bereiche Ernährung, Reisen und Wohnen. Dabei ist der Tenor betont sachlich und informativ. Für Neugierige bieten weiterführende Links die Möglichkeit, tiefer in die Materie einzusteigen.   

Abschließend bleibt zu sagen: Checken Sie hier Ihre Suffizienz.