Buen Vivir – ein südamerikanisches Konzept für ein gutes Leben

Suffizienz wird als relativ neues Thema angesehen, dass erst aktuell in der Nachhaltigkeitsdebatte Platz findet. In den letzten Beiträgen wurden viele Projekte aus Deutschland oder Europa vorgestellt, die sich mit Suffizienz beschäftigen. Wussten Sie, dass Suffizienz sogar in den Verfassungen mancher Länder verankert ist?

Die Verfassungen in Ecuador und Bolivien beziehen sich seit 2008 bzw. 2009 auf die Lebensphilosophie „Buen Vivir“. Buen Vivir oder Sumak Kawsay (auf Quechua) ist eine Weltanschauung der indigenen Bevölkerung im Andenraum von Südamerika. Nachdem die eigenen Traditionen und Lebensweisen 500 Jahre lang durch Kolonialisierung unterdrückt wurde, schlossen sich verschiedene indigene Gruppen zusammen, um ihre Vorstellung eines guten Lebens zu verbreiten. Aufgrund der Vielzahl indigener Völker existieren auch verschiedene Variationen von Buen Vivir. Alle Konzepte haben jedoch die Gemeinsamkeit, dass sie nicht materiellen Reichtum, sondern sozialen Zusammenhalt und ein harmonisches Verhältnis zur Natur als Ziel des guten Lebens betrachten. Damit widerspricht Sumak Kawsay dem westlichen Entwicklungskonzept, das von einer linearen Entwicklung ausgeht und vornehmlich Wachstum und Fortschritt als Ziel sieht. Anstelle von Wirtschaftswachstum möchte Buen Vivir einen Gleichgewichtszustand mit der Natur erreichen.

„Primer Encuentro de los Pueblos y Nacionalidades Andinas por el Sumak Kawsay“, Cancillería Ecuador, CC BY-SA 2.0

Ecuador und Bolivien verankerten diese Lebensphilosophie in ihren neuen Verfassungen. In der ecuadorianischen Verfassung ist „das gute Leben“ als Ziel festgeschrieben, wozu unter anderem das Recht auf Ernährung, Gesundheit, Bildung und Wasser gehören. Die Forderungen der Verfassung gehen weit über Menschenrechtsforderungen hinaus: Die Rechte der indigenen Bevölkerung, Respekt vor der Vielfalt und Harmonie mit der Natur sind ebenfalls durch die Verfassung geschützt. In Bolivien ist zudem ein Gesetz zum Schutz der Erde erlassen worden. Ein Absatz in der Verfassung garantiert aber nicht, dass Buen Vivir umgesetzt und Umweltzerstörungen verhindert werden. Allerdings stieß die Verfassungsänderung eine lebendige Debatte in Südamerika an.

Der Yasuni-Nationalpark in Ecuador

Sumak Kawsay hat in vielen Bereichen bereits das politische Handeln verändert. Im Yasuni Nationalpark in Ecuador befinden sich große Ölreserven, deren Abbau den Regenwald zerstört würde. Alberto Acosta, prominenter Vertreter von Sumak Kawsay und damaliger Minister für Energie und Bergbau beschloss, auf die Erdölförderung im Yasuni Nationalpark zu verzichten. Mit Verweis auf Sumak Kawsay wollte er auf Profit verzichten, um die Umwelt zu schützen, obwohl Erdöl das wichtigste Exportprodukt Ecuadors ist. Die Maßnahme wäre wohl mit der Forderung eines deutschen Ministers vergleichbar, die Automobilindustrie für den Klimaschutz abzuschaffen.

Im Gegenzug forderte Ecuador die internationale Gemeinschaft dazu auf, einen Teil der erwarteten Exporteinnahmen zu entschädigen. Die meisten Staaten, unter ihnen Deutschland, weigerten sich jedoch zu zahlen, weshalb nur 0,37 % des Kompensationsbetrages zusammenkamen. Im Ergebnis beschloss Ecuador wiederum, das Erdöl zu fördern.

Schlussendlich wurde im Yasuni Nationalpark nicht nach dem Konzept Buen Vivir gehandelt. Trotzdem zeigten die Vorschläge von Alberto Acosta einen möglichen Perspektivwechsel der Politik. Würden wir öfter nach den Prinzipien von Sumak Kawsay handeln, könnten wir vielleicht viele Umweltprobleme lösen.

Quellen: Fatheuer, Thomas (2011): Buen Vivir: Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. Band 17 der Schriftenreihe Heinrich Böll Stiftung.
Francois, Houtard (2011): El concepto de sumak kawsai (buen vivir) y su correspondencia con el bien común de la humanidad. alai. URL: https://www.alainet.org/es/active/47004.
Marinko, Jan (2018): Ecuador: Neue Bohrungen zur Förderung von Erdöl im Yasuní-Nationalpark. amerika 21. URL: https://amerika21.de/2018/01/193447/neue-bohrungen-yasuni-nationalpark-ecuador.

Suffizienz im Alltag – ein Interview mit Dirk Arne Heyen vom Öko-Institut Berlin

Suffizienz im Alltag

Deutsche Umweltstiftung (DUS): Welche Notwendigkeit sehen Sie in Suffizienz?

Dirk Heyen (DH): So sehr uns viele technische Innovationen weiterhelfen – sie reichen nicht aus, um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen: also etwa klimaneutral zu leben oder auch unseren Ressourcenhunger und unsere Abfallmengen massiv zu reduzieren. Zwar werden viele Geräte, wie zum Beispiel Kühlschränke und Fernseher, oder auch die Motoren unserer Fahrzeuge immer effizienter. Zugleich werden sie aber häufig auch größer, schwerer, leistungsstärker – und wir nutzen sie häufiger oder haben plötzlich mehrere davon. Diese sogenannten „Rebound-Effekte“ fressen die Einsparungen teilweise auf.

Und auch klimafreundliche Technologien wie Windkraft, Solarenergie und Elektromobilität sind nicht ohne Ressourcenverbrauch zu haben. Auch nachwachsende Rohstoffe sind nicht unbegrenzt verfügbar. Je weniger wir davon brauchen, um alte, schädlichere Technologien zu ersetzen, desto besser.

Angesichts dieser Grenzen technischer Lösungen brauchen wir zusätzlich Suffizienz. Darunter verstehen wir veränderte, ökologisch vorteilhafte Konsumweisen – und zwar insbesondere die Reduktion von Besitz oder Nutzung ressourcenintensiver Güter, aber auch deren gemeinsame Nutzung, ihre verlängerte Nutzung bis zu einem Neukauf, und die Wahl kleinerer und sparsamerer Produkte.

Suffizienz hilft, unseren Umweltverbrauch zu reduzieren und somit ökologische Belastungsgrenzen einzuhalten. Mit ihr können wir die Einsparpotenziale von Effizienz besser ausschöpfen und den Ressourcenbedarf für umweltfreundlichere Technologien zusätzlich reduzieren. Im Vergleich zu manch technischer Vision kann Suffizienz zudem einfacher, schneller, günstiger und risikoärmer sein.

DUS: In welchen Bereichen ist Suffizienz besonders wichtig?

DH: Unter Klimagesichtspunkten sind vor allem weniger Flugreisen, weniger Autofahren, weniger Heizen und weniger tierische Produkte die sogenannten „big points“. Sowohl unter Klima- als auch Ressourcenaspekten sollten wir außerdem IT-Produkte wie Handys, Laptops und Tablets möglichst lange nutzen, denn die Umweltbelastung entsteht hier vor allem in der Herstellung. Für Kleidung gilt dasselbe. Und mit Blick auf unseren Müll sollten wir uns weitgehend von Einwegverpackungen verabschieden. 20.000 Coffee-to-go-Becher pro Stunde allein in Berlin: Das ist doch völliger Wahnsinn!

DUS: Sehen Sie bereits einen positiven Trend hin zu suffizienteren Lebensformen?

DH: Man kann einzelne Trends sehen: etwa eine leichte Reduktion des Fleischkonsums, vor allem beim Schweinefleisch, oder eine Zunahme des Radverkehrs in Städten. Das sind allerdings eher „zarte Pflänzchen“, die zudem oft abhängig von sozialen Milieus sind. Natürlich sind diese Trends hilfreich und man sollte versuchen, sie zu verstärken. Gleichzeitig gibt es aber auch viele gegenläufige Trends zum Beispiel die steigende Zahl der SUV genannten Stadtpanzer, oder bei der Ausstattung mit immer neuer Kommunikations- und Unterhaltungstechnik. Trotz der begonnenen „Flugscham“-Debatte steigen auch die Fluggastzahlen bislang weiter. Und schließlich gibt es häufig widersprüchliches Verhalten: Berühmt ist ja das Beispiel des vor dem Biomarkt parkenden SUV-Fahrers.

DUS: Denken Sie, dass die Gesellschaft aus Eigenantrieb suffizienter konsumieren und leben sollte?

DH: Ich glaube, wir überfordern die Menschen massiv, wenn wir alle Verantwortung für einen nachhaltigen Konsum bei ihnen als Konsument*innen abladen. Und zwar aus mehreren Gründen: Erstens werden sie natürlich durch bestehende Angebote und Infrastrukturen beeinflusst und oft auch beschränkt – zum Beispiel durch fleischlastige Essensoptionen in der Kantine, das vorhandene ÖPNV-Angebot oder die fragwürdige Aufteilung öffentlichen Straßenraums für verschiedene Verkehrsträger.

Zweitens kann kein Konsument alle Folgen seines Konsums mit Vor- und Nachteilen diverser Optionen überschauen: vom Anfang der Lieferkette bis zur Entsorgung. Die nachhaltigste Konsumption ist auch nicht immer eindeutig. Im Ernährungsbereich gilt neben der Fleischreduktion ja: am besten Bio + saisonal + regional. Wenn ich im Supermarkt aber nur die Wahl zwischen einem Bioprodukt aus dem Ausland und einem regionalen Nicht-Bio-Produkt habe: was ist nachhaltiger? Schwierig zu beantworten und womöglich abhängig davon, ob die Auslandsware per Flugzeug oder Schiff zu uns kam…

Und drittens: Selbst wenn Menschen ein hohes Problemwissen und Umweltbewusstsein haben, handeln sie nicht unbedingt entsprechend. Zwar nicht zwangsläufig, aber möglicherweise sind mit der nachhaltigen Konsumoption individuelle Nachteile verbunden: höhere Preise, weniger Komfort, weniger Status und/oder ein Verzicht auf Selbstverwirklichung – zumindest in der Wahrnehmung. Zudem können uns Routinen sowie Normalitätsvorstellungen und das Verhalten unserer „peer group“ von einer Umstellung auf nachhaltigere Lebensweisen abhalten. Und schließlich ist der Mensch ein Meister in moralischen Rechtfertigungsstrategien, warum er nichts zu ändern braucht: Wir kennen das von Rauchern: „Helmut Schmidt ist auch über 90 geworden“. Im Umweltbereich sind klassische Argumentationsmuster: „Auf mich Einzelnen kommt es nicht an“, „Die Unternehmen sind schuld“, „Die Amerikaner sind noch schlimmer“ oder auch „Ich esse vegan, da darf ich jedes Jahr eine Fernreise machen“. Die letzte Strategie, ein „psychologischer Rebound-Effekt“, sehen wir gerade auch in grünen Milieus.

Aus all diesen Gründen sollte nachhaltiger, suffizienter Konsum nicht als rein individuelle Angelegenheit betrachtet werden, sondern als politische. Es braucht rechtliche Rahmenbedingungen, die durch Standards, Verbrauchsgrenzen, Preisanreize und Infrastrukturen nachhaltige Produkte und Konsumweisen zur nahe liegenden Option machen und besonders Nicht-Nachhaltiges aus der Welt schaffen.

Damit die Politik in die Richtung aktiv wird, brauchen wir allerdings wiederum den Druck aus der Zivilgesellschaft, wie jetzt durch „Fridays for Future“. Und natürlich ist es super, wenn möglichst viele Menschen vorangehen und auch ohne günstige Rahmenbedingungen schon nachhaltige Konsumweisen an den Tag legen.

DUS: Was entgegnen Sie Kritikern einer solchen Suffizienzpolitik?

DH: Der Staat reguliert ja alle möglichen Lebensbereiche zum Schutz von Menschen und ihrer Umwelt. Welche staatlichen Eingriffe als legitim und sinnvoll angesehen werden, verändert sich übrigens im Laufe der Zeit. Als die Gurtpflicht in Pkw oder das Rauchverbot in Gaststätten eingeführt wurden, gab es zunächst auch einen riesigen Aufschrei. Heute stößt beides auf breite Akzeptanz.

Interessanterweise gab es in den letzten Monaten mehrere Kolumnen in Zeitungen und Magazinen, in denen für den Klimaschutz „mehr Verbote“ gefordert wurden. Eine wachsende Zahl an Leuten sieht in staatlicher Regulierung tatsächlich auch etwas Befreiendes – nämlich von der schon erwähnten Überforderung der Konsument*innen durch einen „information overkill“ und moralische Appelle.

Und der bisherige Fokus auf Information, Effizienzförderung und neue Technologien allein schafft es offensichtlich nicht, die selbst gesteckten Ziele der Politik wie das Klimaziel 2020 oder die Reduktion des Flächenverbrauchs zu erreichen.

Aber natürlich sollten Einschränkungen im Verhältnis zum Nutzen stehen. Daher macht es Sinn, sich regulatorisch auf die vorhin genannten „big points“ zu fokussieren.

DUS: Halten Sie auch noch andere Vorträge zum Thema Suffizienz?

DH: Im September halte ich einen Vortrag zu dem Thema im Rahmen einer Ausstellung in der Berliner Galerie für nachhaltige Kunst. Gerne stehe ich auch für andere Vortragsanfragen zur Verfügung – solange sie keine Flugreise erfordern. Ansonsten überlege ich derzeit, ob ich das Thema mal bei einem „Science Slam“ unterbringe, wo man sein wissenschaftliches Thema in fünf Minuten allgemeinverständlich und möglichst unterhaltsam vorstellen muss. Ich glaube, mit Beispielen zu den widersprüchlichen Entwicklungen in Sachen Rebound-Effekte und Konsumverhalten kann man einige Aha-Effekte erzeugen, die einerseits erheitern und andererseits zum Nachdenken anregen können.

ÜBER DEN INTERVIEWPARTNER
©Dirk Heyen

Dirk Arne Heyen arbeitet seit 2011 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Öko-Institut in Berlin. Er hat ein Diplom in Politikwissenschaft von der Universität Potsdam und einen Master in „Environmental Regulation“ von der London School of Economics. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit der Rolle von Politik für gesellschaftlichen Wandel, nachhaltigen Konsum und „Exnovation“ (Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Strukturen) sowie jeweils ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz.


Gemeinschaftliches Nachhaltiges Wohnen – ein Gastbeitrag von Raik-Michael Meinshausen

Foto: TheDigitalArtist/Pixabay

Nachdem sich zum Themenbereich „Wohnen“ eine globale Bürgerbewegung bildete, gründeten wir 2018 den Verein „STADTRAUM 5 und 4″. Wir handeln lokal und setzen uns aktiv für die nachhaltige solidarische Entwicklung gemeinwohlorientierter urbaner Lebensräume zum Gemeinschaftlichen Wohnen (Quartiere) ein. Gleichzeitig streben wir globale Vernetzung an.

Denn die Situation auf unserem Planeten scheint zunehmend komplexer: Ressourcen werden immer knapper und qualitativ minderwertiger. Gleichzeitig wachsen jedoch Ökonomie und Ansprüche der Gesellschaft. Zur Wahrung der natürlichen Lebensgrundlagen scheinen einschneidende Änderungen in Einstellung und Verhalten bei uns Menschen notwendig. Die (Zivil-) Gesellschaft hat sich daher Ziele (z.B. „17 Goals„) gesetzt, um dem zumindest in Teilen zu begegnen.

Zudem lassen sich sogenannte „Megatrends“ weltweit beobachten, die den Rahmen für unsere Zukunft mit zu determinieren scheinen. Hierzu zählen beispielsweise CO2-Äquivalente, das Erreichen eines höheren Alters durch Fortschritte in der Medizin und Versorgung, Wachstum von Städten und eine Steigerung des durchschnittlichen Flächenverbrauches pro Kopf.

Wir nehmen unsere Zukunft in die Hand

Das nehmen wir nicht länger tatenlos hin. Wir wollen selbst Gestalter*innen unserer Zukunft sein und nicht darauf hoffen, dass andere Menschen oder die Politik etwas ändern. Das bedeutet für uns, unter anderem Verantwortung zu übernehmen und der Bedeutsamkeit entsprechend zu handeln. Deshalb wollen wir vor allem an einem Themengebiet wirksam arbeiten, welches für jeden Einzelnen von Relevanz ist: Wohnen.

Wir haben einen sozialreformerischen Anspruch und werten dies als Beitrag zu einer echten Wohnreform. Die Reform zielt neben städtebaulichen und architektonischen Aspekten (z.B. Grundrissverbesserung; Wohnungshygiene etc.) zum Beispiel auch auf neue Rechte und Pflichten der Bewohner*innen ab. Unser Ziel ist es, unter anderem strukturelle Benachteiligungen wie beispielsweise als Mieter*innen aufzuheben. Dazu leisten wir vor allem durch Bildung „Hilfe zur Selbsthilfe“. Des Weiteren entwickeln wir Ideen und unterbreiten diese Politiker*innen, z.B. Konzeptvergaben, Wohnungsgemeinnützigkeit und Gemeinwohl-Immobilien. Der Plan dahinter: der Verein soll ein Ort des Diskurses und der Vernetzung werden.

Wohnungsnot trotz stetigen Wohnungsbaus

In Deutschland werden immer mehr Wohnungen gebaut [1]. Die pro Person beanspruchte Wohnfläche steigt ebenfalls – diese nahm pro Kopf in Deutschland 2017 auf 46,5 Quadratmetern zu und hat sich damit in nur 50 Jahren etwa verdoppelt. Gründe liegen vor allem an einer zunehmenden Zahl der Single-Haushalte und dem Anstieg der Wohnfläche mit zunehmendem Alter. Beispielsweise wenn aus dem elterlichen Haus die Kinder zwar ausgezogen sind, aber die Eltern weiterhin im Haus wohnen bleiben. Diese Entwicklung scheint gravierend und sollte so nicht weiter gehen.

Dem lässt sich durch kluges Flächenmanagement, wie Gemeinschaftsflächen entgegenwirken und durch Flächenreduktion pro Kopf dramatisch reduzieren. Auch „tiny house“-Konzepte setzen hier an und versuchen das Problem intelligent zu lösen. Ein Richtwert als Ziel könnten ca. 33 Quadratmeter Wohnfläche im Durchschnitt pro Kopf sein.

Gemeinschaftliche Selbstversorgung von Wohnraum durch genossenschaftliche Selbsthilfe könnte eine sinnvolle Ergänzung zur privaten wirtschaftlichen (Fremd-)Versorgung mit Wohnungen. Jenes würde zumindest eine attraktive Alternative zum rein oft auf Profitmaximierung ausgerichteten Wohnungsmarkt bieten.

Unsere Ziele und Absichten

Besonders im Vordergrund steht in dem Verein das Gemeinwohl. Dies entsteht, wenn das solidarisch organisierte Soziale einerseits und die Nachhaltigkeit, Ökologie und Vielfalt andererseits im Fokus liegen. Vermieter*in und Mieter*in bilden so ein Ganzes. Um Wohnen zu diesen Bedingungen zu ermöglichen, werden wir unternehmerisch tätig und gründen eine neue Genossenschaft zur Realisierung unserer Ziele. Außerdem sorgen wir für Projektentwicklung und die Bestandsverwaltung.

Folgende Punkte sind uns abschießend wichtig:

  • Nachhaltig, Bauen und lebenswert Wohnen (Worth Living Sustainability)
  • Bunt und lebendig wie die Stadtgesellschaft (Diversity)
  • Solidarität als Basis unseres Handelns (Solidarity)
  • Wohnwert und Sicherheit als Alternative zur Rendite (Housingvalue&Safety)
  •  Hochwertige Gemeinschaftsflächen und -einrichtungen (Commons & Sharing)
  • Suffizienz als zentrales Paradigma

[1] 2017 gab es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland rund 42,0 Millionen Wohnungen in Wohn- und Nichtwohn- gebäuden) und immer größere (Wohnfläche je Wohnung betrug 2017 im Durchschnitt 91,8 Quadratmeter; Quelle: Statistisches Bundesamt

Über den Autoren
© Raik-Michael Meinshausen

Raik-Michael Meinshausen, geboren in 1965, ist seit über 20 Jahren erfolgreich als Unternehmer, Berater und Coach tätig. Er interessiert sich insbesondere für die Dynamik zwischen Individualität (Freiheit) und Gesellschaft (Anpassung), sowie für Bildung, Kunst, Politik und Kultur. In der Zivilgesellschaft setzt er auf Eigeninitiative, Verantwortung, Vielfalt und Humanismus. Als Vorstand bei STADTRAUM 5 und 4 e.V. übernimmt er die Verantwortlichkeit für Finanzen. Zudem setzt er sich u.a. für eine nachhaltige Gemeinwohlökonomie ein, insbesondere mit Blick auf Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen.

Ist Suffizienpolitik auf EU-Ebene möglich? – ein Gastbeitrag von Leon Leuser

Suffizienz politisch fördern – kann dies auch durch die Europäische Union gelingen?

Foto: hpgruesen/Pixabay

In der Debatte um Suffizienzpolitik wird immer wieder ein Argument laut: Politik dürfe nicht in die individuellen Lebensentscheidungen der Menschen hineinregieren. Dabei gibt es in Europa bereits gute Beispiele dafür, wie erfolgreich Politik suffizientes Konsumverhalten ermöglichen kann.

Kann man suffizientes Handeln politisch fördern? Und: Darf man das überhaupt? Könnte gar eine liberale Wirtschaftsgemeinschaft wie die Europäische Union dies fördern? Schließlich gilt Suffizienz als eine Frage des individuellen Lebensstils. Ein politischer Eingriff in das persönliche Leben, das scheint dem liberalen Gebot der Selbstbestimmung zu widersprechen. Unsere liberale Grundordnung verbietet es, den Menschen Vorschriften zu machen, wie man zu leben habe oder was ein „gutes Leben“ bedeute. Und in der EU stehen der freie Warenverkehr und der Binnenmarkt an erster Stelle. Selbstverständlich: Wie tief die Eingriffe gehen dürfen und wie viel Freiheit der Einzelne hat, das wird insbesondere in den Diskussionen um Suffizienz(-politik) immer eine Gradwanderung bleiben. Liberalismus und Suffizienzpolitik schließen sich jedoch weniger aus, als es in den Diskussionen oft den Eindruck erweckt.

Auch ganz praktisch zeigt sich: Heutige Rahmenbedingungen geben in vielen Situationen zumindest starke Anreize in Richtung bestimmter – heute meist nicht-nachhaltiger – Handlungen. Natürlich kann jede und jeder Einzelne versuchen, nach seinen Überzeugungen zu handeln. Doch niemand kann sich den Einflüssen von Werbung, Preisanreizen und Infrastrukturen entziehen – sie wirken teilweise fast wie Gebote und Verbote.

Hinzu kommt eine unüberschaubare Menge an Einflussfaktoren, die mit (Konsum-)Entscheidungen verbunden ist. Wer eigentlich bewusst und nachhaltig konsumieren will, hat oftmals aufgrund der Informationsfülle nicht die Gewissheit, es richtig zu machen. Ist nun der Fairtrade- oder der Bio-Kaffee besser? Oder doch jener der direkt gehandelt und ganz ohne Label auskommt? Nicht umsonst gibt es Expertinnen und Experten, die versuchen wissenschaftlich mit Öko-Bilanzen diese komplexen Fragen zu untersuchen. Sie erforschen welche Umweltwirkungen mit dem Lebenszyklus eines Produkts verbunden sind. Dies oder auch nur ihre Ergebnisse zu kennen, kann niemand im Supermarkt für alle Produkte und auf die Schnelle eines Einkaufs leisten.

Häufig führt diese Mischung aus äußeren, meist politisch gesetzten Einflüssen und der Komplexität bei Entscheidungen zu Frustration. Durch zu starke Anreize wird häufig doch gegen die eigenen Überzeugungen nicht-nachhaltig gehandelt – etwa wenn der Flug nicht nur schneller sondern auch günstiger ist als der Zug. Einige versuchen sich auf wenige, abgrenzbare Handlungsbereiche zu konzentrieren. Doch am Ende des Tages ist das (zu) große, kaum gedämmte Einfamilienhaus mit Ölheizung für die Umwelt schädlicher als das alltäglich praktizierte Stromsparen. Viele, ja vielleicht die meisten geben so vermutlich früher oder später gar ganz auf  – im schlimmsten Fall finden sie sich frustriert mit diesen Rahmenbedingungen ab. Doch sind es gerade die Gesetze und Standards, die sich ändern müssen.

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So zeigt sich, es muss heute vor allem politisch gehandelt werden, damit die Suffizienzstrategie zur Erreichung der Klima- und Nachhaltigkeitsziele zum Tragen kommt – und zwar auf allen Ebenen[1]. Das heißt natürlich nicht, dass wir nun das Handeln allein den Politiker*innen überlassen sollten. Aber zeigt etwa die Bedeutung politischen Engagements. Die zurückliegenden Wahlen zum Europaparlament und der Erfolg der Partei Bündnis90 / Die Grünen sind ein guter Anlass um zu beschreiben, was die EU als liberale Wirtschaftsgemeinschaft tun kann, um Suffizienz zu fördern. Denn entgegen landläufiger Vorstellungen kann die EU nicht nur Suffizienz fördern, sie macht dies in einigen Bereichen sogar schon.

Ein Beispiel ist die Produktpolitik. Sie wurde zwar insbesondere zur Stimulierung der Energieeffizienz eingeführt. Doch wurden in einigen Punkten auch Anreize zur Suffizienz gegeben. So führten Anforderungen an den Stromverbrauch von Staubsaugern schon vor einigen Jahren dazu, dass der Wettbewerb, um den Staubsauger mit dem höchsten Stromverbrauch, gestoppt wurde. Sparsame Produkte können meist genauso gut saugen wie jene mit hohem Verbrauch. Und mit der Angabe der Saugleistung auf dem Energie-Label kann sich nun jeder über das für den Kauf ausschlaggebende Maß informieren. Zudem wurden zu Beginn des Jahres Anforderungen zur Reparierbarkeit und Verfügbarkeit von Ersatzteilen für Produkte wie Kühlschränke eingeführt. So kann die Lebensdauer der Produkte verlängert und damit die Notwendigkeit eines Neukaufs reduziert werden.

Auch in der Mobilität erleichterte das Europäische Parlament im vergangenen Jahr bei der Novellierung der Fahrgastrechte von Bahnreisenden suffizientes Reisen. Seitdem haben Reisende ein Anrecht darauf, ihre Fahrräder im Zug mitzunehmen, auch in Hochgeschwindigkeitszügen. Dadurch wird multimodale Mobilität, das heißt die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel und somit der Verzicht auf den PKW ein weiteres Stück erleichtert.

Diese Beispiele zeigen, dass es auf Ebene der EU durchaus einige Möglichkeiten zur Förderung der Suffizienzstrategie gibt – trotz der (wirtschafts-)liberalen Ausrichtung. Was also könnte oder sollte in Zukunft passieren, damit die Entscheidungen für umweltfreundliches Handeln noch leichter werden?

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Voraussetzung dafür ist eine Änderung der Anreize in der Wirtschaft. Das bedeutet: Preise müssen die „wahren“ Kosten darstellen. Eine Bepreisung durch eine Steuer oder auch eine Mengenbegrenzung mit einem Zertifikatsystem ist eine übergreifende Maßnahme. Durch sie werden nicht nur Suffizienz, sondern auch Anreize zur Steigerung der Energieeffizienz und zum Ausbau der Erneuerbaren Energien gegeben. Sie bildet also einen förderlichen Rahmen innerhalb dessen alle drei Nachhaltigkeitsstrategien zum Tragen kommen können.

Es wird somit zuallererst ein funktionierender Emissionshandel und eine CO2-Abgabe in jenen Bereichen benötigt, die nicht vom Emissionshandel abgedeckt sind. In einem weiteren Schritt könnte geprüft werden auf welche weiteren Rohstoffe eine Abgabe oder ein Zertifikathandelssystem eingeführt werden sollten. Betreffen könnte dies insbesondere solche Rohstoffe, die besonders stark zu aktuellen Umweltproblemen wie dem Biodiversitätsverlust oder Klimawandel beitragen. Mit den staatlichen Einnahmen aus diesen Maßnahmen könnten daraufhin die Lohnnebenkosten gesenkt werden. Dies gäbe beispielsweise gleich in zweifacher Hinsicht einen Anreiz zur Reparatur: ein Neugerät mit alle den notwendigen Rohstoffen würden sich durch die Abgaben vermutlich verteuern und die arbeitsintensivere, aber ressourcenschonende Reparatur würde günstiger.

Abseits dessen kann die EU aber auch auf „bewährte“ Weise weitere Anreize zur Lebensdauerverlängerung von Produkten geben. Smartphones etwa zählen zu den am kürzesten genutzten elektronischen Geräten. Gleichzeitig werden sehr viele Rohstoffe, deren Abbau häufig mit Umweltproblemen einhergeht, darin verbaut. Zur Verlängerung der Lebensdauer könnte die EU daher etwa Anforderungen an die Displays von Smartphones stellen, damit diese weniger leicht brechen. Zudem sollte durchgesetzt werden, dass die Akkus der Geräte schnell und einfach getauscht werden können. Wichtig wäre auch eine Verpflichtung zu Software-, insbesondere Sicherheitsupdates für eine bestimmte Zeitspanne nach Produktionsstopp. Nur so kann ein Gerät auch möglichst lange sicher genutzt werden und  funktionieren Apps bis zum Ende der Lebensdauer.

Im Bereich der Mobilität geht es darum, möglichst nachhaltige Mobilitätsformen zu fördern. Wichtig dafür ist ihre Verknüpfung zu erleichtern. Eine Möglichkeit dafür sind Mobilitätsplattformen über die nicht nur Tickets für den Nahverkehr gekauft, sondern auch Leihfahrräder, Carsharing-Autos oder Tickets für den Fernverkehr gebucht werden können. Erste Ansätze dazu gibt es schon in einzelnen Städten. In Vilnius gibt es schon seit Herbst 2017 die App Trafi, und in Berlin geht die BVG mit der Plattform-App Jelbi an den Start. Damit man in Zukunft aber auch die komplette Strecke von Zuhause bis zum Haus von Freund*innen in Frankreich buchen kann, müssen noch einige Schritte gegangen werden. Wichtig dafür ist die Verpflichtung der Mobilitätsdienstleister zu offenen Schnittstellen. Diese ermöglicht externen Plattformanbietern die Verbindungsauskunft und Buchungsprozesse. Zudem muss durch Fahrgastrechte sichergestellt sein, dass bei einem verpassten Anschlusszug zwischen zwei Bahnunternehmen die Weiterfahrt mit dem nächsten Zug möglich ist.

Foto: minka2507/Pixabay

Diese Vorschläge sind erste Ideen dafür wie Suffizienzpolitik auf der EU-Ebene aussehen könnte. Sicherlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, die es gilt in Zukunft zu entwickeln. Denn die aktuellen Berichte zur Klima- und Biodiversitätskrise zeigen deutlich, dass eine sozial-ökologische Transformation unserer Wirtschaft und unseres Lebens notwendig ist. Eine Förderung der Suffizienz steht dabei nicht zwangsläufig im Widerspruch zu unserer liberalen Ordnung, sondern ist sogar durch die liberale Wirtschaftsunion EU möglich und nötig.

[1] Ausführlicher zu den Möglichkeiten der kommunalen Suffizienzpolitik: Leuser, Leon; Lars-Arvid Brischke: „Suffizienz im kommunalen Klimaschutz.“ In: Knoblauch, D., Rupp, J. .Hrsg. Klimaschutz kommunal umsetzen. Wie Klimahandeln in Städten und Gemeinden gelingen kann. Oekom: München

Über den Autor
© Leon Leuser

Leon Leuser arbeitet aktuell bei adelphi als Projektmanger für Grundsatzfragen der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Zuvor beschäftigte er sich mit Fragen der Suffizienz im Rahmen von Forschungsprojekten an der Universität Flensburg und dem Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu). Er studierte Energie- und Umwelttechnik (B.Sc.) an der TU Hamburg-Harburg und Socio-Ecological Economics and Policy (M.Sc.) an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Suffizienz: Der Weg vom Alltag in die Politik – ein Gastbeitrag von Manfred Linz

Foto: clareich/Pixabay

Lange Zeit hindurch gehörte Suffizienz allein in die Sphäre der Lebenskunst. Ihre Ratschläge und Mahnungen waren an die Einzelnen gerichtet. Ihnen galt die Empfehlung der Genügsamkeit: Von nichts zu viel! Diese Herkunft hat die Suffizienz nicht aufgegeben; aber sie ist weit darüber hinaus gewachsen. Von einem Antrieb zur persönlichen Lebensgestaltung ist sie zu einer Strategie der Zukunftsfähigkeit geworden.

Wie kann sie in der Gesellschaft Wurzeln schlagen? Da ist zunächst die Hoffnung auf einen kulturellen Wandel. Einige beginnen damit, zukunftsfähig zu produzieren und zu leben, andere schließen sich an, die Zahlen werden größer, eine Bewegung entsteht und schließlich wird die kritische Masse erreicht, die eine dauerhafte gesellschaftliche Veränderung in Gang setzt. Das ist eine sympathische Vorstellung; aber sie ist weder aus der sozialwissenschaftlichen Forschung noch aus den Erfahrungen zivilgesellschaftlicher Aktionen ableitbar und eine Überschätzung des Handelns von Einzelnen und Gruppen in seiner Wirkung auf das Ganze.

Richtig ist: Persönliche Initiativen und die Impulse aus der Zivilgesellschaft,  bleiben unentbehrlich – als Anreger, Treiber, Mutmacher. Nur ist ihre Reichweite begrenzt. Sie erreichen lediglich den kleineren Teil der Gesellschaft. Die wichtigen Entscheidungen zur Zukunftsfähigkeit erreichen die Breite der Gesellschaft erst, wenn sie politisch durchgesetzt werden. Wirksame Suffizienz, also die ausreichende Verringerung des Bedarfes an Energie und Rohstoffen, setzt voraus, dass die Einsparungen für alle verpflichtend werden.

Ein Fächer an Suffizienzpolitiken

Foto: WilliamCho/Pixabay

Suffizienz lässt sich politisch auf vielfältige Weise gestalten. Sie lässt sich fördern, sie lässt sich durch Regulierung ermutigen wie auch entmutigen, sie lässt sich durch Abgaben und Steuern erreichen, und sie lässt sich durch Gesetze und Verordnungen vorschreiben. Dabei geht es immer darum, nur soviel Verpflichtung wie unentbehrlich aufzulegen und soviel Wahlfreiheit wie möglich zu lassen.

Suffizienzpolitiken greifen unterschiedlich tief in Wirtschaft und Leben ein. Sie lassen sich in drei Schichten einteilen. Die erste Schicht erleichtert das Leben oder beschwert es kaum und findet darum schnell Zustimmung. Ihr Ertrag für den Klimaschutz und die Ressourcenschonung ist freilich gering. 

Die Politiken der zweiten Schicht bedeuten einen spürbaren Eingriff in das Gängige und gern Gewählte, für sie müssen Routinen gewechselt und neue Gewohnheiten gefunden werden; sie haben darum schon mit Zurückhaltung und Widerspruch zu rechnen. Ihr Beitrag zur Erhaltung der Natur fällt durchaus ins Gewicht.

Erst die Politiken der dritten Kategorie leisten einen entscheidenden Beitrag zum Schutz unserer Lebensgrundlagen. Sie greifen in das gewohnte Leben und Wirtschaften ein, sie fordern Umdenken und auch Verzichte und werden darum Widerstand hervorrufen.

Für alle drei Kategorien folgen jeweils zwei Beispiele, die so weit als möglich aus der kommunalen, regionalen und bundesweiten Ebene gewählt sind:

Erste Kategorie

Häuser der Eigenarbeit

Menschen lernen unter Anleitung von Fachpersonal, Dinge selbst zu bauen oder zu reparieren. Erarbeiten statt kaufen ist ihr Prinzip, Recycling und Upcycling gehören zu ihren Techniken. Kommunen können ihre Träger sein oder sie unterstützen.

Lebensmittelverderb verringern

Das ist eine dringende Aufgabe hier und zugleich eine der Grundstrategien gegen den Welthunger. Produzentinnen, Händler, Verbraucher und Amtsträgerinnen können sich zu gemeinsamem Handeln vereinen. Sie brauchen jedoch öffentliche Organisation und Moderation. Frankreich hat sogar 2017 den großen Supermärkten per Gesetz verboten, Lebensmittel wegzuwerfen.

Zweite Kategorie

Fleischkonsum besteuern

Fleisch belastet in seiner Massenproduktion die Umwelt in hohem Maße. Da in Deutschland die große Mehrheit der  Bevölkerung noch immer zu den „unbekümmerten Fleischessern“ gehört, wird erst eine Besteuerung die Nachfrage und damit die industrielle Produktion von Fleisch wirksam senken. Ein Anfang ist, in Kantinen, Kitas, Schulen den Fleischanteil zu halbieren und auf Fleisch den vollen Satz der Mehrwertsteuer zu legen.

Tempolimit

In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten Streit um ein Tempolimit. Es ist das einzige industrialisierte Land der Welt, in dem es auf Autobahnen keine allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung gibt. Die Gegenwehr hat viel mit den Wirtschaftsinteressen der Automobilindustrie und den Geschwindigkeitswünschen vieler Fahrer und Fahrerinnen zu tun. Da aber die Klimakrise zunimmt, und da nicht zu bestreiten ist, dass der CO2-Ausstoß durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung sinkt, da auch Deutschland sich mit der Verweigerung der Begrenzung international isoliert, werden die vielfältigen Vorstöße zur Durchsetzung eines Tempolimits aussichtsreicher.

Dritte Kategorie

Umweltschädigende Subventionen abbauen

In Deutschland werden ökologisch schädliche Finanzhilfen und Steuerbefreiungen vor allem für Energie, Verkehr und Landwirtschaft ausgegeben. Das Umweltbundesamt hat sie aufgelistet. Für die Europäische Union sind es die Befreiung des Flugverkehrs von der Kerosinsteuer und in der Landwirtschaft die Flächenprämie pro Hektar, die unabhängig von ökologischen Kriterien gezahlt wird. Mit ihnen wird wieder abgerissen, was auf anderen Gebieten mit Mühe an Klimaschutz aufgebaut wird. Sie alle sind schwer zu überwinden, weil sie von starken Lobby-Interessen geschützt werden.

CO2-Steuer

Die Klimaschutzziele für das Jahr 2020 wird Deutschland nicht erreichen, vermutlich auch nicht die für 2030. Und dann drohen diesem Land milliardenschwere Strafzahlungen, während sich die Klimakrise verschärft. Es sei denn, sehr bald geschehen entscheidende Schritte.

Ein solcher ist die intensiv diskutierte Steuer auf CO2 und andere Treibhausgase. Ihre Gestaltung ist noch offen. Entscheidend wichtig sind zwei Faktoren: einmal, dass sie progressiv angelegt wird, also jedes Jahr um einen bestimmten Satz steigt und so einen ökonomischen Anreiz zur Verringerung des Verbrauches schafft. Und zweitens, dass sie nicht den allgemeinen Finanzen des Staates zugeschlagen sondern zweckbestimmt erhoben wird: strikt für Maßnahmen zum Klimaschutz oder aber zum finanziellen Ausgleich für Einkommensschwache, die von dieser Steuer besonders belastet werden – am Besten wohl für Beides.

Aussichten

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Suffizienzpolitiken rufen unterschiedliche Reaktionen auf – von Zustimmung bis zu vehementer Ablehnung. Gerade die wirksamen Suffizienzpolitiken stoßen gegen manifeste Geschäftsinteressen und Privilegien oder sind mit der Aufgabe lieber Gewohnheiten und der Einbuße an  Bequemlichkeiten verbunden.

Können verpflichtende Suffizienzpolitiken in Deutschland Mehrheiten finden? Die leichteren durchaus, weil sie erkennbare Vorteile haben und kaum sensible Bereiche berühren. Die tiefer eingreifenden Politiken sind gegenwärtig noch nicht durchzusetzen. Die Klimabedrohung hat einstweilen weder unser Territorium noch unser Bewusstsein spürbar genug erreicht. Aber der Wind der Veränderung ist spürbar. Die Fridays-for-Future-Bewegung, auch die ernsthafte Diskussion um ein Gesetz zur Reduzierung der Treibhausgase sind Anzeichen des Wachwerdens. Die Einsicht wächst, wenn auch langsam, dass ein weltweiter Klimasturz, dass die gefährdete Ernährung einer weiter wachsenden Weltbevölkerung, und dass der durch Beides zu erwartende Unfrieden  uns nicht verschonen wird. Dieses beginnende Verstehen unserer eigenen Betroffenheit kann einer weitsichtigen Regierung oder Opposition einen Bewegungsspielraum geben.

Und dann mag sich zeigen: Was als notwendig oder doch als unausweichlich erkannt wird, darauf stellen sich die allermeisten Menschen ohne größere Widerstände ein –  unter zwei Voraussetzungen: Was ihnen abgefordert wird, muss überzeugend begründet sein; und es muss alle treffen, je nach ihrer Leistungsfähigkeit.Dann werden sie, so ist zu hoffen, die Konsequenzen einer die Natur erhaltenden und den Frieden ermöglichenden Politik hinnehmen, nicht wenige werden eine solche Politik als begründet annehmen oder sogar fordern.

Über den Autor
© Manfred Linz

Manfred Linz studierte Evangelischen Theologie und Sozialwissenschaften. Nachdem erfolgreich abgeschlossenen Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg. Später wechselte Linz zum NDR und dann zum WDR als Redakteur und Leiter einer Programmgruppe. Nach seiner Pensionierung betätigte Manfred Linz sich ehrenamtlich im Wuppertal Institut für Klima Umwelt Energie mit dem Schwerpunkt Suffizienz und Soziales Lernen.

Weiterführende Literatur
  • Linz, Manfred (2015): „Suffizienz als politische Praxis“. In: Wuppertal Spezial.Nr. 49