Jedes Individuum und alle Zusammen – ein Gastbeitrag von Corinna Vosse

Macht euch ein Bild von der Transformation!

Suffizienz statt Wachstum muss zur persönlichen, politischen und ökonomischen Prämisse werden, wenn wir nicht an unserer Maßlosigkeit zu Grunde gehen– und vorher noch mehr Schaden für die verschiedenen Ökosysteme anrichten wollen. Diese drei Ebenen müssen zusammen gedacht und bearbeitet werden, wenn wir uns in Richtung einer sozial-ökologischen Gesellschaftsorganisation bewegen wollen. Es nützt wenig, wenn umweltbewusste Individuen noch mehr Zeit und mentale Energie auf einzelne Konsumentscheidungen verwenden – solange sie in ländlichen Räumen das Auto benutzen müssen, weil es kaum ÖPNV gibt. Oder solange sie beruflich ständig angewiesen werden, Flugreisen anzutreten. Ebenso wenig hilft es, wenn Politik Verordnungen auf den Weg bringen will, die im Konkurrenzkampf der Parteien um Wähler*innenstimmen gleich wieder gekippt werden. Oder für die sofort von Lobbyist*innen der Industrie Ausnahmeregelungen durchgesetzt werden. Die Transformation eines laufenden Systems ist komplex, weil alles irgendwie zusammenhängt.

Vereinbarung zwischen Konsum und ökologischem Fußabdruck?

Foto: JESHOOTS-com/Pixabay

Auch wenn es darum geht, persönliche Handlungsmöglichkeiten zu finden, muss die politische und ökonomische Seite mitgedacht werden. Das wird sofort plausibel, wenn wir uns den Möglichkeitsrahmen anschauen, in dem wir unsere Versorgung organisieren können bzw. müssen. Viele notwendige Bedürfnisse können wir nicht ökologisch verträglich decken. Wer in einer Mietwohnung lebt, die schlecht schließende Fenster hat, wird immer viel Wärmeenergie in Anspruch nehmen – zu viel im Sinne des ökologischen Fußabdrucks. Daran kann ich alleine nicht unmittelbar etwas ändern. Leider gilt das in vielerlei Hinsicht für Konsumbereiche, die einen hohen Umweltverbrauch mit sich bringen: Wohnen, Mobilität, Ernährung.

Es ist also nicht unbedachter Konsum, der uns dahin geführt hat, wo wir nun stehen: Mitten in eine sich verschlimmernde Klimakrise, eine Zerstörung von ökologischen Lebensräumen und ein fortgesetztes Artensterben. Es ist vielmehr systemisch bedingter Konsum. Wir haben uns auf die Regeln eines zerstörerischen Systems eingestellt, unser Leben daran ausgerichtet. So gesehen sind die meisten unserer Konsumentscheidungen überlegt. Wenn die Bahnfahrt nach Zürich nicht nur doppelt so lange dauert, sondern auch noch doppelt so viel kostet, ist es rational, sich für den Flug zu entscheiden. Wenn ich auf meinem zwei Jahre alten Mobiltelefon neue Apps nicht installieren kann, ist es aus technischer Sicht geboten, ein neues anzuschaffen.

Erschwerung sozial-ökologischen Handelns durch derzeitiges Wirtschaftssystem

Der ‚Ausstieg‘ aus diesem System ist nicht einmal im Ansatz möglich, solange es keine Versorgungsalternativen gibt. Aus dieser Erkenntnis heraus sind in den 70er Jahren Projekte hervorgegangen, deren Anspruch es war, unser Leben oder zumindest Teile davon so zu organisieren, dass Zerstörung verringert wird. Das betraf sowohl das soziale Miteinander als auch die Schnittstelle mit der Biosphäre – also im Wesentlichen das, was wir heute sozial-ökologische Nachhaltigkeit nennen. Heute gibt es nicht einmal mehr den Begriff des Aussteigens. Das liegt wohl daran, dass die Welt in den letzten 50 Jahren gefühlt viel kleiner bzw. voller geworden ist – und die Probleme größer bzw. global. Wohin soll man da aussteigen.

Bezogen auf unser Versorgungssystem ist dieser Zugriff allerdings weiterhin wichtig. Wenn es keine ökologisch und sozial verträglichen Versorgungsangebote gibt, müssen sie geschaffen werden – und solange Politik dies nicht durch Rahmenbedingungen fordert und fördert, wird dies kaum aus der Wirtschaft heraus geschehen. Denn da, wo ein Betrieb handelt, werden Verpflichtungen und Verbindlichkeiten eingegangen – in der Regel heißt das, jemand anderes erwartet, Geld zu bekommen. Etwas umzustellen ist in dieser Funktionslogik ein Risiko, weil es unvorhersehbare Auswirkungen auf diese kalkulierten Geldflüsse haben kann. Etwas Neues anzufangen ist schwierig, weil Forderungen laufen, auch wenn sich kein Umsatz entwickelt. Nicht von ungefähr scheitern 80 Prozent aller Gründungen.

Lokale Versorgungsarbeit als Baustein für nachhaltigen Konsum

Foto: Free-Photos/Pixabay

Bleibt also, selbst tätig zu werden und jenseits der Barrieren in Wirtschaft und Politik an Versorgungsalternativen zu arbeiten. Dafür gibt es viele gute Beispiele, wie Foodsharing, Repair Cafes, Tauschläden. Wenn gesellschaftlich wirksame Ideen zum richtigen Zeitpunkt erlebbar werden, entwickeln sie sich weiter, werden aufgegriffen, mit Engagement belebt, durch Verordnungen unterstützt und in Form von Unternehmen skaliert. Natürlich setzt die Skalierung voraus, dass Politik die Rahmenbedingungen wirtschaftlicher Aktivität ganz grundsätzlich verändert, indem sie für Märkte klar an ökologischen Zielen ausgerichtete Regeln aufstellt. 

Deutlich wird anhand dieser Überlegungen, dass Subsistenz oder Eigenarbeit als Bestandteil sozial-ökologischer Transformation ein wichtiges, aus meiner Sicht unverzichtbares Element ist. Nachhaltiger Konsum ist nicht, ein plastikfreies Produkt im Internet zu bestellen und Fleisch durch Avocados zu ersetzen. Wenn es wirklich um eine ökologische Entlastungswirkung geht, sind wir etwas mehr gefordert. Denn dann muss die Eingriffstiefe verringert werden. Das kann man sich leicht klar machen: Ganz viele Erdbeeren zu konsumieren ist ökologisch kein Problem, wenn ich sie pflücke, wo ich bin. Auch Mobilität ist ökologisch verträglich, so lange ich mich aus eigener Kraft bewege, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. So senkt sich das Konsumniveau von ganz alleine, denn nun setze ich ja Lebenszeit und meine Arbeitskraft ein, und die sind für uns alle begrenzt – im Unterschied zum Konsumbudget vieler Menschen in westlichen Gesellschaften.

Akademie für Suffizienz in Brandenburg

Wir müssen als Gesellschaft also unsere Kraft und unsere Fertigkeit stärken, wieder Verantwortung für Versorgung zu übernehmen. Das fängt damit an, dass ich mich mit anderen zusammenschließe, ausprobiere und Erfahrungen teile. Nicht von ungefähr entstehen immer mehr Orte, wo genau dies versucht wird, Erfahrungen für ein ökologisches Wirtschaften zu ermöglichen, zu reflektieren und Bedingungen zu gestalten, dass eine andere Praxis im Alltag funktioniert. So ein Ort ist die Akademie für Suffizienz in Brandenburg, die Menschen einlädt, eine Versorgung in Kreisläufen zu erleben und die dahinter liegenden Theorien der ökologischen Ökonomie kennen zu lernen. Die Akademie ist dafür eingerichtet, Alternativen in Produktion, Verteilung und Versorgung zu erleben. Hier gibt es Raum und Zeit, um Gewohnheiten zu reflektieren, Denkmuster zu hinterfragen und das Gemachtsein unserer Wirtschaft systematisch zu durchleuchten. In der gemeinsamen Organisation des Aufenthalts vor Ort bieten sich Gelegenheiten, alte und neue Versorgungstechniken anzuwenden und für eigene Zwecke zu modifizieren. Die Akademie hat Übernachtungsmöglichkeiten, Gruppenräume, eine Selbstversorgerküche, verschiedene Werkstätten, landwirtschaftliche Versuchsfelder, eine Themenbibliothek, Obst- und Beerengarten. Im Aufbau befindet sich eine professionelle Küche für Lebensmittelverarbeitung und -konservierung. Die Nutzung dieser Möglichkeiten steht allen Interessierten offen und erfolgt auf Basis selbstgewählter Beiträge.

Neue Wege gehen bedeutet nicht zurück in die Steinzeit

Ich höre schon die Einwände, dass wir ja nicht zurück in die Steinzeit wollen. Das erscheint mir als populistisches Argument, mit dem Menschen ihre Privilegien schützen wollen. Wir nehmen uns zu viel vom Kuchen, das ist wohl kaum bestreitbar. Eine Belebung von Subsistenz setzt dem Verschiedenes entgegen: Sie führt zu einer Regionalisierung von Stoffströmen, was ökologisch eine große Entlastung bedeutet. Sie erfordert den Einsatz von Lebenszeit, was unsere Konsumzeit reduziert und damit unseren Umweltverbrauch. Sie nimmt dem hegemonialen System einer zerstörerischen Wirtschaft die Macht, weil sie Abhängigkeiten reduziert. Sie entwirft funktionierende Modelle, die schnell ein Mindestmaß an Akzeptanz gewinnen können und die dann von Politik in Verordnungen und Gesetzen verstärkt und verallgemeinert werden können.

Damit sind wir wieder beim erforderlichen Zusammenspiel der persönlichen, politischen und ökonomischen Ebene. Mir hilft es sehr in meinem Engagement, eine Vorstellung davon zu haben, wie dieses Zusammenspiel im Sinne einer sozial-ökologischen Gesellschaftsorganisation beeinflusst werden müsste, also eine Transformationstheorie zu haben, die laufend anhand von Erfahrungen und Erkenntnissen weiterentwickelt wird. So fühle ich mich getragen von dem, was ich tue, um zur Transformation beizutragen, egal, ob ich Essen rette, Artikel schreibe, Vorträge halte, Setzlinge vorziehe oder Kleidung repariere.

Über die Autorin
© Corinna Vosse

Corinna Vosse ist Wissenschaftlerin, Beraterin und Projektentwicklerin. Sie promovierte am Lehrstuhl für Stadt- und Regionalsoziologie der Humboldt Universität Berlin zu Prozessen kultureller Infrastrukturentwicklung. Derzeit übernimmt sie die Geschäftsführung der Akademie für Suffizienz, ein Reallabor für ökologisches Wirtschaften und ist gleichzeitig wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Kulturforschung in Berlin . Außerdem leitet Vosse das Projekt für Kunst-Stoffe – Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien und für die KlimaWerkstatt Spandau. Die Themenschwerpunkte liegen dabei auf Ökologische Ökonomik, soziale Innovationen, Stoffströme, Kulturentwicklung, Klimaschutz, Bildung für Nachhaltige Entwicklung BNE und Suffizienz.

Über 30 Millionen Deutsche wollen die Welt verbessern – ein Gastbeitrag von Joko Weykopf

Suffizienz statt Wachstum! Das Motto der aktuellen #kaufnix-Kampagne der Umweltstiftung trifft den Nerv der Zeit. Sie richtet sich gegen grenzenloses Wachstum und unbedachten Konsum. Keine Frage, es ist höchste Zeit zu handeln. Und jeder kann einen Beitrag leisten. Die gute Nachricht: Es gibt Grund zur Hoffnung!

Foto: geralt / Pixabay

Über 30 Millionen Deutsche wollen die Welt verbessern. Das zeigt unsere neue repräsentative Studie „Komm näher. Was Weltverbesserer antreibt“. Viele Menschen wollen heute nachhaltig konsumieren und auch in Unternehmen hat das soziale Gewissen Konjunktur – nicht zuletzt, weil viele Kund*innen verantwortungsbewusstes Handeln und nachhaltige Lösungen immer stärker einfordern. Diese Kund*innen gelten als besonders anspruchsvoll und kritisch, denn sie haben ein höheres Ziel: eine bessere Welt.

„Eine bessere Welt…“ – was ist das eigentlich, wer gestaltet sie und warum? Als Agentur, die auf Kommunikation für nachhaltige Themen und grüne Markenführung spezialisiert ist, wollten wir mehr über die Menschen erfahren, die sich bereits kritisch mit ihrem Konsumverhalten auseinandersetzen. Untersucht wurden Personen, die für fair gehandelte Produkte mehr Geld ausgeben, sich sozial engagieren oder lieber bei Unternehmen kaufen, die sich für Umwelt und Soziales engagieren.

Wir haben fünf Dialoggruppen auf Basis ihrer Lebensstile definiert. Sie sind generationenübergreifend und geben Aufschluss über Motive, Impulse und Barrieren auf dem Weg zu nachhaltigerem Konsum. Die Studie zeigt, wie und warum die einzelnen Gruppen handeln und welche Bedürfnisse sie in Bezug auf eine bessere Welt realisiert haben möchten: Sehnen sie sich nach Weltfrieden oder eigener Gesundheit? Handeln sie für ihre Kinder oder das eigene Vorankommen?

Die Antworten sollten Unternehmen aufhorchen lassen. Denn das kritische Konsumverhalten vieler Menschen zwingt immer mehr Unternehmen umzudenken. Warum? Weil Konsument*innen Unternehmen verantwortlich für den Zustand unserer Welt machen. Zu Recht. Marken, die das nicht begreifen und keine Verantwortung übernehmen, werden in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Schließlich sprechen wir nicht von einer kleinen Minderheit, sondern von über 30 Millionen Menschen in Deutschland, die laut Studie bewusst dazu beitragen wollen, die Welt besser zu machen.

Von ambivalenten Aufsteigern und konsequenten Weltverbesserern

Von den fünf Dialoggruppen gehören 6,7 Millionen der Befragten über alle Generationen hinweg zu den „konsequenten Weltverbesserern“, die sich durch ein besonders hohes Engagement für Nachhaltigkeit auszeichnen. Anders steht es um die „ambivalenten Aufsteiger“ (3,7 Mio.), die hauptsächlich in der Generation Y vertreten sind. Ihnen ist die Umwelt zwar wichtig, ihren Lebensstandard möchten sie dafür jedoch nicht senken. Sie wissen, dass sie mehr tun könnten.

Foto: Dominika Roseclay/Pexels

Zwischen diesen beiden Polen befinden sich die folgenden Segmente: Die „fürsorglichen Gestalter“ (3,9 Mio.) sind mehrheitlich Männer, die sich für eine bessere und gerechtere Welt einsetzen, weil ihnen das Wohl der nachfolgenden Generation am Herzen liegt. Mit 10,1 Millionen Menschen sind die „zurückgezogenen Pragmatiker“ zahlenmäßig die stärkste Gruppe. Altersmäßig gehören sie zu den Babyboomern. Ihnen sind die Umwelt und ihr eigenes Wohlbefinden wichtig. Last but not least gibt es die „couragierten Weltretter“, zu denen 6,5 Millionen Repräsentanten der Generationen Y und Z gehören. Sie erkennen ihre Möglichkeiten, nachhaltig und fair zu konsumieren und haben Spaß daran, neue Wege und Produkte zu entdecken.

Selbstwirksamkeit ist zentraler Treiber

Kritische Konsument*innen wollen sehen und verstehen, was und wie sie zu einer besseren Welt beitragen. Unternehmen sollten daher transparent darstellen, was durch den Kauf eines Produktes bewirkt wird. Das untermauert und stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit und damit die Motivation und Lust, noch mehr für eine bessere Welt zu tun. Wer sich bewusst ist, selbst etwas zu einer besseren Welt beigetragen zu haben, ist stolz darauf, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Marken können dies nutzen, indem sie ihren Beitrag zu nachhaltigem Konsum klar kommunizieren, erfolgreiche Vorbilder unterstützen und den Einfluss sozialer Gruppen nutzen.

Kritische Konsument*innen sind bereit zur Partnerschaft

Dass nachhaltiges Engagement gewürdigt wird, zeigt sich auch in der Bereitschaft von Konsument*innen, Bündnisse einzugehen, um gemeinsam mit Marken für eine bessere Welt zu sorgen. Mit anderen Worten: Unternehmerischer Mut wird belohnt.

Auf dem Weg zu einer besseren Welt spielt – über alle Dialoggruppen hinweg – der menschliche Zusammenhalt, also das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit in Bezug auf gemeinsame Ziele, eine wichtige Rolle. Markenkommunikation kann diesen motivationalen Anker nutzen, indem auf die gemeinsamen Bemühungen von vielen Bezug genommen wird: „Gemeinsam viel erreichen“.

30 Millionen Deutsche sind bereit, ihr Konsumverhalten zu verändern. Was für eine Chance! Unternehmen, die ihr Handeln sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltig ausrichten, sollten diese Gruppe gezielt bestärken und ermutigen. Vor allem sollten sie sich selbst trauen, ihren Beitrag zu einer besseren Welt lauter zu kommunizieren. Dann erhöht sich auch der Druck auf alle weiteren Marktteilnehmer. Allen interessierten Unternehmen bieten wir an, Erkenntnisse der Studie zu vertiefen und in individuellen Workshops kommunikative Maßnahmen zu erarbeiten.

Zur Methodik

Die Basis-Studie wurde in zwei Phasen von Oktober bis Dezember 2018 durchgeführt. In einer mehrwöchigen qualitativen Online-Untersuchung gewannen die Marktforscher*innen von Curth+Roth und Polycore zunächst ein tiefes Verständnis für die Lebensrealitäten der Dialoggruppen. Auf Grundlage dieser qualitativen Studie wurden die psychologisch repräsentativen Erkenntnisse quantifiziert. Dafür wurden in einer zweiten Phase über 600 Teilnehmer*innen zwischen 16 und 65 Jahren befragt und hinsichtlich statistischer Repräsentanz analysiert. Die Aussagen zur Gesamtbevölkerung der quantitativen Erhebung sind statistisch repräsentativ.

Über den Autor
© Polycore

Joko Weykopf, 38, gründete 2015 mit Jannes Vahl die auf Kommunikation für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen spezialisierte Agentur Polycore in Hamburg. Mit seinem Team entwickelt er Marken und Kampagnen für Unternehmen, Initiativen, Behörden und Start-ups. Zu den Kunden zählen unter anderem die Amidori Food Company, Dr. Bronner’s, Budnikowsky, der Hamburger Senat und die Hamburger Sozialbehörde.

Das Leben in suffizienten Gemeinschaften – ein Interview mit Andreas Sallam

Andreas Sallams Vision ist es, im Einklang mit anderen Menschen und der Natur zu leben. Foto: Lukas / Pexels.

Andreas Sallam ist ein Nachhaltigkeits-Allrounder: Er ist IT-Manager, Musiker und Mitbegründer mehrerer Initiativen für für einen ökosozialen Wandel. Im Interview spricht er über das Leben in suffizienten Gemeinschaften, die Zukunft der Nachhaltigkeitsszene und worauf es beim Streben nach einem guten Leben für alle wirklich ankommt.

Deutsche Umweltstiftung (DUS): Die #kaufnix-Kampagne fordert „Schluss mit unbedachtem Konsum“. Schaffen wir so den Weg in eine nachhaltige Zukunft?

Andreas Sallam (AS): Hinter dem Kaufen steht immer ein Bedürfnis, das durch Werbestrategien gefüttert wird. Die suggerieren einem, dass man ein bestimmtes Produkt unbedingt braucht. Ich glaube nicht, dass wir weiter kommen, indem wir den Menschen sagen „lasst das“. Ich halte viel mehr davon, wenn Menschen zu der Erkenntnis kommen, dass es ihnen nicht gut tut, dieses oder jenes zu kaufen. Zum Beispiel die Schokolade, die vermeintlich glücklich macht, aber hinterher wieder dazu führt, dass mensch dicker wird und sich dadurch eigentlich nicht gesünder fühlt.

Mensch muss sich dazu die eigenen Bedürfnisse klarer machen. Zum Beispiel, dass es uns besser geht, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind. Wenn wir diese Zusammenhänge erkennen, kommen wir auch zu der Erkenntnis, dass wir dieses oder jenes gar nicht brauchen, weil es uns nicht gut tut. Und dann verändert mensch sein Konsumverhalten automatisch.

DUS: Wie können wir diesen persönlichen Bewusstseinswandel fördern, ohne Menschen mit erhobenem Zeigefinger dazu zu ermahnen?

AS: Ich glaube, das wichtigste ist dabei, dass wir aus den patriarchischen Fallstricken unserer Gesellschaft herausfinden. Das heißt, Vertrauen zu fördern, indem wir uns gegenseitig Wahrnehmung verschaffen. Sodass eine Kultur entsteht, innerhalb der wir selbst entscheiden können, was richtig und was falsch ist, in der wir aber auch Fehler machen dürfen und anderen ihre Fehler nachsehen.

Die Einladung ist, sich selbst und die Anderen wieder mehr wahrzunehmen, zu spüren und besser zusammen zu kommen. So entsteht eine ganz neue, andere Kultur des Miteinanders, die nicht konkurrierend ist, sondern in der Menschen sich gegenseitig etwas gönnen oder wir uns etwas schenken, ohne etwas zurückzuerwarten. Das führt dann wiederum dazu, dass die Strukturen sich ändern und die Hierarchien verschwinden. Ich glaube, dass es gesund ist, wenn wir zurück kommen zu einer Kultur, in der wir uns im Kleinen wahrnehmen und von dort aus zu einem größeren System finden.

DUS: Du bist Mitbegründer der Herzensgemeinschaft Wolfen, einer ökologischen, nachhaltigen und suffizienten Lebensgemeinschaft. Sind solche idyllischen Ökodörfer der richtige Ort, um sich im Kleinen selbst zu bestimmen?

AS: Ich bin kein Freund davon, einfach in die Idylle zu gehen, in irgendeine Landschaft, in der es schön ist und leicht, miteinander zu leben, einfach weil die Natur dort toll ist. Meine Erfahrung ist, dass es meistens nicht am Ort liegt, sondern am Zwischenmenschlichen. 

Der erste Anlauf, den wir mit der Herzensgemeinschaft Wolfen gemacht haben, ist daher auch mehr oder weniger gescheitert. Erstens waren Menschen dabei, die nicht in der Lage waren, bei sich selbst zu reflektieren, sich zu hinterfragen oder nach den eigenen Schatten zu suchen. Der zweite große Fehler war der, dass wir unsere Vision davon, die Natur und freien Felder umzugestalten, nicht hinreichend mit allen Menschen geteilt haben. Der dritte und vielleicht auch massivste Fehler war, dass ich mich nicht durchgesetzt habe, was die Begleitung durch neutrale Dritte angeht. Es braucht eigentlich immer Außenstehende, die nicht am Prozess beteiligt sind und die von außen sehr klar sehen können, wo die Probleme sitzen. Denn die Beteiligten sehen diese Probleme irgendwann nicht mehr, weil sie „betriebsblind“ werden.

DUS: Eurer Vision von der Umgestaltung der freien Natur sollte für den Übergang ein gemeinsames Leben im Plattenbau vorausgehen. Warum gerade dort?

AS: Ich glaube, dass es wertvoll ist, mit Menschen zusammen zu leben, die sich im Moment überhaupt nicht abgeholt fühlen, sondern ganz im Gegenteil sich eher abgehängt vorkommen. Das ist in der Platte öfter der Fall. Es ist, glaube ich, wichtig, dass gerade in diesem Umfeld andere Menschen leben, die denen vor Ort Aufmerksamkeit schenken und die Möglichkeit geben, wahrgenommen zu werden, egal wo sie stehen oder wer sie sind. Somit können wir ihnen, ohne missionarisch wirken zu wollen, Alternativen zeigen und sie einladen, auch andere, gemeinschaftliche Erfahrungen zu machen, sofern sie das möchten.

DUS: Was zeichnet diese Alternative aus, die ihr in der Herzensgemeinschaft vorleben wollt?

AS: Ich glaube, der wichtigste Wert ist Respekt für und Würdigung von anderen Lebensformen und von Anderssein generell. Dabei anders zu kommunizieren, anders miteinander umzugehen und die eigenen Bedürfnisse sowie die der Anderen in einer gesunden Weise wahrzunehmen und zu unterstützen.

Eine Welt, in der wir durch Abgrenzung glänzen, durch Nicht-Vertrauen, in der andere nicht sehen dürfen, wo ich mich klein, schwach, unfähig oder einsam fühle, oder in der ich meine Energie nicht zeigen darf, ist unglaublich krank. Ich glaube, es ist wichtig, eine Kultur der Möglichkeiten zu schaffen, in der wir Räume haben, wo jeder er oder sie selbst sein darf. Die Hauptsache ist, dass es Begegnung, ein gegenseitiges Wahrnehmen und ein würdevolles Miteinander gibt. Daran fehlt es oft wegen Zeitmangel, Überforderung, wegen zu viel Stress oder vermeintlichen Hamsterrädern und anderen Routinen, die wir meinen erledigen zu „müssen“.

Wenn wir ein Gutes Leben für alle anstreben, bedarf das auch immer eines eigenen Zurücknehmens und eines Nachforschens, wo die eigenen Schattenseiten liegen. Die Frage ist, wie wir das Paradies, das eigentlich da sein könnte, gemeinschaftlich mit anderen erreichen können.

DUS: In suffizienten Kommunen wie der Herzensgemeinschaft wird genau das versucht, die gegebene Natur gemeinschaftlich zu nutzen. Ist das der Weg in eine nachhaltige Zukunft?

AS: Wir haben den Anspruch, Kreisläufe zu generieren, die nicht auf Kosten Dritter oder auf Kosten der Erde gehen, sondern berücksichtigen, dass acht Milliarden Menschen leben wollen. Mensch kann sich einmal vor Augen führen, wie viele Produkte weggeworfen werden oder wie viel Anbaufläche weltweit dafür verwendet wird, Fleisch herzustellen. Und das ist dann noch nicht einmal gesundes Fleisch, sondern aus Massentierhaltung, die hormongesteuert auf schnelles Wachstum aus ist und nur der Rendite dient. Damit werden vermeintliche Glücksgefühle bedient, denn Menschen denken, wenn sie kein Fleisch essen gehören sie nicht dazu.

Das sind letztlich alles Kopfgeschichten. Ich bin in vielen Ökodörfern unterwegs, wo traumhafte Gerichte erzeugt werden, vegetarisch und vegan. Da kann ich nur sagen, dass das auch anders geht und mensch auch anders leben kann. Dabei bin ich selbst gerade kein Veganer und esse auch gern manchmal Fleisch – aber eben nur, wenn die Tiere gesund in einem gesunden Kreislauf leben und nicht nur industriell ausgebeutet werden. Das Gleiche gilt für mich aber auch für Pflanzen. Ich möchte keine Tomaten aus Massenanbau essen oder Bio-Kartoffeln, die aber in Ägypten mit Grundwasser erzeugt wurden, das dort in der Folge immer mehr versalzt.

Es gibt so viel Müll in dieser Welt, der nur auf Renditenorientierung basiert. Wenn mensch sich damit beschäftigt, welche Möglichkeiten wir haben, indem wir zum Beispiel Permakultur einsetzen, dann wird schnell klar, dass wir auch andere Systeme schaffen können. Systeme, die erstens unseren Planeten gesünder behandeln, zweitens keine Ressourcen vernichten, die elementar für diesen Planeten sind, und drittens eine Verteilungsgerechtigkeit schaffen, die uns alle wesentlich besser zurecht kommen lässt.

DUS: Bewegungen wie Fridays for Future legen nahe, dass diese Haltung immer mehr Unterstützer*innen findet. Du selbst bist in der Nachhaltigkeitsszene sehr aktiv und arbeitest unter anderem an der Vernetzung verschiedener Akteure. Was ist dein Eindruck, sind suffiziente Lebensstile mehrheitsfähig?

AS: Meine Wahrnehmung ist, dass wir immer mehr werden. Deswegen haben wir das Bündnis für den sozial-ökologischen Wandel gegründet. Ich erlebe seit fünf Jahren, dass es immer mehr Aktive gibt, die aber in der Regel viel zu wenig miteinander zu tun haben und sich viel zu wenig austauschen. Zum Beispiel Extinction Rebellion oder die heranwachsenden Aktiven von Fridays for Future. Das sind wahnsinnig spannende Kreise und es werden auch immer mehr, die ein Bewusstsein dafür haben, dass es so nicht weitergehen kann und es eine Umsteuerung braucht.

Das System, das wir haben, ist ein System, das sich seit Jahrhunderten gebildet hat, eigentlich aus patriarchischen Bestrebungen heraus: immer schneller, besser, größer, weiter, toller zu werden und so Konkurrenz untereinander statt ein Miteinander zu fördern. Das wiederum bringt dann eine Spezialisierung und Fokussierung auf renditenorientierte Systeme hervor. Und diese Fokussierung auf Rendite fördert zwar alles, was Gewinnoptimierung bringt, verhindert aber all das, was mit Rendite nicht abzugreifen ist. Zum Beispiel ethische oder moralische Systeme und all das, was Menschen eigentlich ausmacht, alles, was unsere Herzen betrifft. Diese Ebenen werden gar nicht berücksichtigt, weil es meist nur darum geht, Quartalszahlen zu steigern. Das hat natürlich eine fatale Wirkung darauf, wie wir miteinander leben und was dabei im Fokus steht.

Ich selbst bin davon überzeugt, dass alle, die noch in den alten Systemen hängen, oft nur von dem ausgehen, was sie kennen. Viele Menschen leben eigentlich in der Vergangenheit und wissen es bloß nicht. Sie haben gar nicht den Zugang zu Systemen wie Soziokratie oder anderen Methoden wie Community Building oder Dragon Dreaming. Ich bin immer wieder tief berührt, was zwischen Menschen damit möglich ist. Es ist erstaunlich, was es bewirken kann, wenn sich Menschen auf solche Methoden einlassen und lernen davon abzusehen, andere überzeugen zu müssen, die eigene Meinung als wichtiger oder richtiger zu betrachten und vermeintliche Gegensätze als Bereicherung zu erkennen und akzeptieren.

DUS: Wie schaffen wir es, dieser Renditenorientierung zu trotzen und den sozial-ökologischen Wandel einzuleiten? Reicht es, alternative Methoden der Kommunikation auszuprobieren und uns besser zu vernetzen?

AS: Das ist das Bemühen. Wir als Wandelbündnis versuchen, nicht zu bestimmen, wer genau was tut, sondern uns als Dienstleister zu begreifen und eine Infrastruktur für Akteure des sozial-ökologischen Wandels aufzubauen. Dadurch können sie unter anderem zusammen arbeiten und gemeinsame Interessen auch gemeinsam vertreten. Es wäre unglaublich gut, wenn wir unsere Interessen bündeln und diese zu einer wesentlich stärkeren, präsenteren und auch resilienteren Struktur entwickeln, ohne Vielfalt zu schwächen. Wir sind Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen. Und wenn wir das realisieren, bekommen wir auch eine wesentlich tragfähigere gesellschaftliche Relevanz. Die Einladung ist, dass wirklich viele mitmachen, damit wir auch in der Gesellschaft deutlicher wahrgenommen werden und so wir auch andere abholen können, die vielleicht auch noch nicht den Zugang zu dieser Art ganzheitlichen Herangehens haben.

Wenn wir immer mehr Akteure werden und auch wahrnehmen, dass wir viele sind, werden letztlich auch die Forderungen mehr Gewicht bekommen, die wir an die politische, aber auch an die gesellschaftliche Willensbildung stellen. Dazu gehören nicht zuletzt Gremien wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dort herrscht noch viel „Alte-Welt-Denke“ und unsere Kreise werden als Esoterik, Spinnertum oder selbstverliebtes Müsliessen abgetan. Das liegt an mangelnder Erfahrung damit. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir alle, die wir anders denken, uns gegenseitig stärken und auch andere dazu einladen, eine ähnliche Erfahrung machen zu können.

Wer Interesse am Mitmachen hat, kann sich gern unter der im Entstehen befindlichen Seite  www.wandelbuendnis.org bei uns melden.

Über den Interviewpartner
© Andreas Sallam

Getreu seinem Motto „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“ widmet Sallam sich als IT-Manager und Aktivist dem Aufbau nachhaltiger Vernetzungsstrukturen und dem ökosozialen Wandel. Er ist unter anderem Gründer des gemeinwohlorientierten und nachhaltigen IT-Unternehmens Digital Builders und des green net project, Mitgründer des Transition-Ökodorfs „Herzensgemeinschaft Wolfen“ und des Bündnis für den sozial-ökologischen Wandel sowie Mitglied des Koordinationskreises deutscher Transition Initiativen.

Europawahl 2019 – Was Ihre Stimme für Umwelt- und Naturschutz bedeutet

Die europäische Flagge symbolisiert nicht nur Einheit, sondern auch Solidarität und Harmonie zwischen den Völkern. Foto: GregMontani / Pixabay

Zum neunten Mal dürfen die europäischen Bürger*innen die Parteien, die in das Europäische Parlament (EP) einziehen sollen, direkt wählen. Traditionsgemäß findet die Europawahl in Deutschland und Österreich am Sonntag, 26. Mai 2019, statt. Als Wahlsystem fungiert die Verhältniswahl. Deutschland wird im EP mit 96 Sitzen am stärksten vertreten sein, da die Anzahl der Mandate gemäß der Einwohnerzahl der einzelnen Mitgliedsländer vergeben wird.

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In dem Video werden die wichtigsten Informationen über die laufende EU-Wahl zusammengefasst.

Warum sollten wir überhaupt wählen?

Bei der Europawahl in Deutschland gilt das geschlossene Listensystem. Das bedeutet, die Reihenfolge der Kandidat*innen wurde bereits von den Parteien selbst festgelegt. Foto: mohamed_hassen / Pixabay

Zuallererst genießen wir das Privileg des Wählens. Demokratie ist in unserem Grundgesetz (Artikel 20) verankert und ein Hauptkriterium, um von der zuständigen Kommission als Mitgliedsstaat in Europa anerkannt zu werden. Der Begriff Demokratie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“.

Durch die Möglichkeit wählen zu gehen bestimmen wir gleichzeitig auch unsere Zukunft. Denn das Europäische Parlament hat drei Hauptaufgaben: Gesetzgebung, Haushalt, Aufsicht und Kontrolle. Somit entscheidet das EP, neben der EU-Kommission und dem Europäischen Rat, über die Zukunft Europas. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hat weitere Gründe aufgelistet, warum wir wählen gehen sollten:

Foto: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Wie stehen die Parteien in Deutschland zum Thema Umwelt- und Naturschutz? 

Neben Themen wie Migrationspolitik und Digitalisierung ist Umwelt- und Naturschutz derzeit eines der wichtigsten Themen. In allen Wahlprogrammen der deutschen Parteien, die derzeit mit mindestens einem Platz im EP vertreten sind, kommt das Thema Umwelt- und Naturschutz vor. Unterschiede zeigen sich allerdings in der Einstellung der Parteien zum Umweltschutz. Die AfD beispielsweise spricht sich als einzige Partei gegen Klimaschutz auf Europaebene aus.

Über die Haltung der einzelnen Parteien in Sachen Umwelt- und Naturschutz veröffentlichte der Deutsche Naturschutzring (DNR) auf seiner Internetseite eine Liste, die vom Climate Action Network Europe (CAN) erstellt wurde. Die Liste basiert auf einer Analyse des Abstimmungsverhaltens der EP-Abgeordneten in den Bereichen Klima und Energie während der achten Legislaturperiode des EP von 2014 bis 2019.

Foto: DNR / Mehr Informationen finden Sie hier.

Warum ist gerade das Thema Umwelt- und Naturschutz von Bedeutung? 

Es wird knapp. Momentan sind wir beim sechsten großen Artensterben angelangt. Das letzte Massensterben war zur Zeit der Dinosaurier. Aber die Gefahr besteht nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für uns Menschen. Die Bedrohung der Bienen ist nur ein Beispiel von vielen, die unser Leben negativ beeinflussen. Das Artensterben zeigt, wie dringend wir Umwelt- und Naturschutz brauchen.

Aus diesem Grund gehen junge und alte Menschen unter dem Namen „Fridays for Future“ (FFF) freitags auf die Straße, um für unsere Umwelt zu streiken. Das Vorbild für die Klimabewegung lieferte die 16-jährige Greta Thunberg. Im Europäischen Parlament hielt die Klimaaktivistin eine Rede, in der sie die Menschen zum Wählen aufforderte: „Ihr müsst uns zuhören. Uns, die nicht wählen dürfen. Ihr müsst für uns wählen. Für eure Kinder und Enkel.“

Viele Klimaaktivist*innen haben wegen ihres Alters nicht die Möglichkeit, wählen zu gehen. Ihre Forderungen an die Politiker*innen veröffentlichten sie hingegen auf der offiziellen Internetseite der Bewegung. In einem Abschnitt steht, dass „[d]as wirtschaftliche Handeln [nicht] weiterhin planetare Grenzen überschreiten [darf].“

Welche planetare Grenzen sind schon überschritten?

Die Grenzen der Aussterberate und von Stickstoff/Phosphor sind irreversibel überschritten.
Foto: DNR

Die Menschen verändern das Ökosystem (Aussterberate), in der Landwirtschaft findet eine Überdüngung statt (Stickstoff/Phosphor), grüne Flächen werden zu Straßen und Städten (Landnutzung) und ein zu hoher CO2-Anteil befindet sich in der Atmosphäre (Klimawandel). Das alles sind Grenzen, die leicht bis endgültig überschritten worden sind. Dabei besteht eine gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit.

Aus diesem Grund ist es unabdinglich, dass wir die Vorherrschaft des Wachstumsmantras stoppen. Wer Umwelt- und Naturschutz sichern will, muss Suffizienz zur persönlichen, politischen und ökonomischen Prämisse werden lassen. Dieses Umdenken muss auch im Europäischen Parlament geschehen.

#natürlichEuropa – eine lebenswerte Zukunft möglich machen

Foto: natürlichEuropa

Auch der Deutsche Naturschutzring (DNR), welcher sich aus 87 Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen zusammensetzt, empfindet ein Umdenken in der Politik als notwendig. Deshalb starteten die Organisationen die Kampagne #natürlichEuropa. Als Auftakt gilt der 02. April 2019. Gemeinsam fordern sie unter dem Slogan „Meine Stimme für Europas Zukunft“ einen sozialen, politischen und ökologischen Umbau der EU. Ziel der Kampagne ist ein solidarisches Miteinander, die Gewährleistung von Frieden in Europa und die Sicherung von Umwelt- und Naturschutz.

Forderungen des DNR an die EU / Foto: DNR
Geben auch Sie am 26. Mai Ihre Stimme ab und wählen Sie #natürlichEuropa.

Wie können wir darauf verzichten, die Mitwelt zu zerstören? – ein Gastbeitrag von Maja Göpel

Beim Gedanken an eine suffiziente Wirtschaft ziehen die betroffenen Akteure/Akteurinnen häufig ein saures Gesicht und lästern über Verzichtsrhetorik. Das ist alltäglichem Verhalten und politischen Rahmenbedingungen geschuldet – muss aber nicht so bleiben.

Ein Gutes Leben für alle ist nur im Einklang mit den Regenerationszyklen der Natur möglich. Foto: SplitShire / Pixabay.

Wieso wird es in Wohlstandsgesellschaften mit stabilen Bevölkerungszahlen als naiv oder politisch unrealistisch abgetan, eine Suffizienzwirtschaft zu fordern? Wieso scheint ein Wohlfahrtsmodell mit genug materieller Versorgung für ein glückliches, gesundes und produktives Leben der Bevölkerung utopisch zu sein – selbst wenn die negativen Folgen eines überdrehten Wachstumsmodells der Überproduktion und Müllproblematik bekannt sind?

Diese Fragen sind für Nachhaltigkeitsforscher*innen und -politiker*innen zentral. Denn ein Wohlfahrtsmodell des friedlichen globalen Zusammenlebens kann nur eines sein, das ein Gutes Leben für alle Menschen mit den Logiken der Regeneration unserer Ozeane, Wälder, Böden, Artenvielfalt und Klimastabilität in Einklang bringt. Wie aber kommen wir zu einem solchen Modell?

1. In der Komfortzone sein ist menschlich

Menschen sparen durch Routinen viel Energie. Neurowissenschaftler*innen können abbilden, wie sich eingeschleifte Abläufe mit weniger aktivem Nachdenken und Hinterfragen entspannend auf das Gehirn auswirken. Wir funktionieren dann auf Auto-Pilot. Verhaltensforscher*innen haben durch Beobachtungen festgestellt, dass wir bevorzugen, was uns bekannt vorkommt, gute Assoziationen hervorruft oder schlicht im Geschäft auf Augenhöhe steht.

Neues testen und Routinen durchbrechen bedeutet mehr Anstrengung, selbst wenn es sich spannend anfühlt. Unter dem Schlagwort „Nudging“, dem Versuch der aktiven Beeinflussung von menschlichen Verhaltensweisen, wurden diese Erkenntnisse für Strategien in Richtung Nachhaltigkeit diskutiert. Es hagelte Proteste. Der Staat solle uns nicht bevormunden. Was nicht diskutiert wurde, waren die Effekte der schon jetzt überall vorhandenen Nudges. Auch seltsam unterbelichtet blieb die Tatsache, dass ein riesiger Werbe- und Marketingsektor sich durch den Verkauf erfolgreicher Nudging-Strategien definiert und finanziert.

Die aktuellen Nudges stupsen uns oft gerade nicht in Richtung Nachhaltigkeit, sondern Überkonsum. Diesen „normalen“ Lebensstil kultiviert z.B. die Werbung. Sie nutzt die Forschungsergebnisse der Psychologie, Neurowissenschaften und Soziologie um zu verhindern, dass wir uns für ein anderes Produkt entscheiden oder uns mit dem zufrieden geben, was wir haben.

Nicht die Produktmerkmale, sondern Geschichten über damit verbundene Erlebnisse, also unsere Assoziationen und Emotionen, stehen dabei im Mittelpunkt. Abenteuer, Status, Spaß, Geld sparen. Und je stärker die Geschichten ziehen, desto höher bewerten wir den Vorteil, desto mehr hormonelle Botenstoffe belohnen uns für diese Leistung mit Glücksgefühlen. Dieser biologische Nudge aus Zeiten der Überlebenssicherung wirkt selbst in Übersättigungsgesellschaften – wenn auch nur kurzfristig.

Denn neben der Bequemlichkeit wohnen in der Komfortzone auch Gewöhnung und Sicherheit. Studien zur „Hedonistischen Tretmühle“ zeigen auf, dass Zugewinne sich schnell als Standard anfühlen. Dadurch wächst das, was wir als genug empfinden ständig mit. Insbesondere wenn wir uns mit anderen vergleichen und diese deutlich mehr haben. 

2. Überproduktionsgesellschaften: ständig davonlaufende Komfortzone 

Wir leben in einer Form des Wirtschaftens, die nur eine Richtung kennt: Mehr. Wachstum der produzierten Waren und Dienstleistungen ist und bleibt das übergeordnete Ziel, trotz lange stabiler Bevölkerungszahlen und historisch einzigartigem Wohlstand wie Reichtum. Wieso ist das so?

Befragen wir die traditionelle Ökonomie, ist das schlicht rational. Sie hat ihr ganzes Theoriegebäude um ein Menschenbild gebaut, das egoistische Nutzenmaximierer beschreibt. Die Anteile des Altruismus, der Freude am Teilen und des Nein-Sagens im menschlichen Repertoire kommen in der Theorie nicht vor. Wir bleiben nur dann friedlich und glücklich, wenn unser Konsum und Besitz kontinuierlich ansteigt. 

Nur sind sie in einer Zeit entstanden, in der es etwa 1 Milliarde Menschen gab, wenig materielle Versorgung und keine Ahnung, dass Menschen die Erde in ihrem Metabolismus verändert könnten. Jetzt befinden wir uns mitten im Anthropozän: Die Vorstellung von immer mehr für alle und für immer ist schlicht unrealistisch geworden.

Glücklicherweise können wir das Wissen darum, dass es v.a. Erlebnisse und Erfahrungen sind, die Wohlergehen ausmachen, auch für material- und emissionsarme Lebensstile nutzen. Denn ist die materielle Versorgung gesichert, stehen Gesundheit, soziale Beziehungen und produktive Teilhabe sowie Anerkennung im Mittelpunkt eines Lebens mit hoher Lebensqualität.

Doch dafür gilt es, die Idee und gesellschaftliche Organisation des Guten Lebens neu auszurichten. Denn aktuell tut die Konsum- und Wettbewerbskultur alles dafür, dass diese Erlebnisse und Erfahrungen direkt mit „mehr haben“ zusammenhängen: Sage mir, was du verdienst, besitzt und bereist und ich sehe, was du wert bist. Dazu kommt die Privatisierung in vielen Bereichen der Daseinsvorsorge – gute Bildung, Krankenversicherung, Wohnraum, Rente und ökologische Lebensmittel sind im Zweifel nur noch dann sicher zugänglich, wenn ich zuzahlen kann. 

Gleichzeitig ist gerade seit der Finanzkrise 2008 so viel Geld in Umlauf gebracht worden und Zinsen so stark gesenkt worden, dass ungekannte Geldvolumen in privater Hand auf der Suche nach möglichst hoher oder sicherer Rendite die Privatisierung weltweit vorantreiben. Rasante Steigerungen der Mieten und Grundstückspreise sind die Konsequenz. Gekoppelt mit verhältnismäßig geringen Lohnsteigerungen sowie zerschmelzenden Ersparnissen durch Minimal-Zinsen wird ein Teilzeitjob zur Hochrisiko-Strategie. Die vergleichsweise höheren Preise für ökologisch-sozial produzierte Waren und Dienstleistungen werden dagegen zur Barriere für Durchschnittsverdiener*innen. So leben wir heute in Strukturen, in denen ein auf Suffizienz und starke Nachhaltigkeit ausgelegtes Leben genau eins bedeutet: gegen den Strom zu schwimmen.

3. Ein großes Umdenken für unsere gemeinsame Zukunft

Das macht doch keinen Sinn? Finden immer mehr Menschen in Deutschland auch. Und so wird in einigen, meist urbanen Ballungszentren aus dem Gegen-den-Strom Schwimmen ein Trend. Und Trends haben den Vorteil, dass sie die Komfortzonen verändern. Bestelle nicht nur ich die Bio-Kiste, sondern viele andere auch, können wir unsere Informationen und Erfahrungen teilen, uns gegenseitig in der guten Intention bestätigen. Wir können die Kisten von der Lieferstation mitbringen und anderen davon erzählen. Das reduziert den Aufwand und führt im besten Fall zu mehr Anbieter*innen und damit mehr Liefertagen und einem breiteren Spektrum an Produkten – also einfacheren Routinen.

Ist eine bestimmte Anzahl von Menschen in den Trend eingestiegen, verändern sich Normsetzungen und Idealvorstellungen darüber, was angemessen, sinnvoll und erfolgreich ist.  Schritt für Schritt zeigen sich neue Erfolgsdefinitionen, Geschäftsmodelle, Kooperationsformen und Investitionsstrategien. Das Angebot an alternativen Komfortzonen wächst und wir verzichten darauf, die Umwelt zu ruinieren. Bald ist eine kritische Masse erreicht, bei der das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe entsteht.

Um aber aus der Nische zu kommen und volkswirtschaftlich stabil zu funktionieren, braucht eine Suffizienzwirtschaft zunächst einmal einen anderen Polarstern: das endlose Wachstum ökonomischer Produktion und dessen Absatz, wie im BIP gemessen, steht einem Genug schlicht im Weg. Ein neuer Polarstern könnte Wohlbefinden (Wellbeing) oder eben Gutes Leben sein, was sich nun auch ein global rasant wachsendes Netzwerk mit vielen Initiativen und einige Regierungen auf die Fahnen geschrieben haben. Verbindliche Leitplanken des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen sind ein Anteil, z.B. Konsumbudgets für CO2, ein Steuersystem, das Ressourcenproduktivät anreizt und nicht die noch intensivere Ausbeutung menschlicher Arbeitszeit oder ihren Ersatz durch Roboter.

Die Produktivitätsgewinne und Automatisierungsprozesse durch neue Technologien gilt es mit Arbeitszeit-, Einkommens- und Sozialversicherungssystemen auszubalancieren, die Wertschöpfung wieder bei den daran Beteiligten ankommen lässt und Wertextraktion in Richtung der Investoren reduziert. Verbindliche Reduktion der Arbeitszeit für Alle ließe aus der Hochrisikostrategie den Zeitwohlstand werden, den viele als Wunsch formulieren. 

Und zu guter Letzt gilt es, die massive Konzentration von Reichtum zurückzudrehen. Aktuell gewinnen fast ausschließlich Menschen mit Investitionskapital dazu und viel zu viele Lebensräume – Wohnungen wie Infrastruktur wie Natur – werden in Investitionsobjekte transformiert, also in Renditeträger, deren Preise steigen sollen. Wenn die Angst weniger wird, hinter die anderen und das Gute Leben zurückzufallen, kann sich auch eine Kultur des Miteinanders leichter entfalten.

4. Suffizienzpolitik als Strategie für Gutes Leben im 21. Jahrhundert

Das klingt wie ein System-Update und ist es auch. Historisch betrachtet haben Projekte dieser Größenordnung aber schon stattgefunden. Sie gingen immer mit einem Paradigmenwechsel einher, der auch die geistigen Landkarten zum Verständnis der Welt neu zeichnete. So wie der Umbruch aus feudalen Agrargesellschaften zu kapitalistischen Industriegesellschaften mit neuen philosophischen und polit-ökonomischen Theorien einherging, so brauchen wir diese neuen Landkarten auch heute in Form von Institutionenrevolutionen und Technologiedurchbrüchen.

Solche tiefgreifenden Veränderungen finden längst rund um uns herum statt. Nur sind viele von ihnen nicht auf das Ziel der nachhaltigen Suffizienzwirtschaft ausgerichtet. Daher geht es neben dem Experimentieren, Trend-Setzen und Kommunizieren auch um das politische Einmischen für Suffizienzpolitik. Es geht um die Neukonfiguration von Identitäten, Interessen, Privilegien und Macht.

Suffizienzpolitik steht dafür, qualitativ blindes und zunehmend stressiges und ungerecht verteiltes Wachstum von Produktions- und Konsummengen unter der Diktatur der Finanzmärkte mit einer neuen Idee von Wertschöpfung zu ersetzen, die unter den Bedingungen eines 21. Jahrhunderts mit vielen Menschen und wenig Naturreserven sinnvoll ist. Sinnvoll weil friedens- und wohlfahrtstiftend, Menschen und ihre Mitwelt respektierend. Sinnvoll weil langfristig möglich im Sinne des Genug. Für Alle. Für Immer.

Über die Autorin
© Kai Müller

Als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) arbeitet Maja Göpel an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zum Thema Nachhaltigkeitstransformationen. Maja Göpel ist Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Mitglied des Club of Rome, der Balaton Group und des Deutschen Sustainable Development Solutions Network sowie Beirätin der Generationenstiftung und der Stiftung Entwicklung und Frieden und seit 2019 Policy Fellow beim Progressiven Zentrum. Maja Göpel ist diplomierte Medien-Wirtin, in Politischer Ökonomie promoviert und Mutter zweier großartiger Töchter.