Suffizienz und aktuelle Herausforderungen in der Coronakrise – ein Interview mit Jörg Göpfert

Im Rahmen eines Interviews sprachen wir mit dem Studienleiter Jörg Göpfert der Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e. V. über Suffizienz und aktuelle Herausforderungen in der Coronakrise.

Sie arbeiten als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e. V. und sind in dieser Eigenschaft auch als Redakteur der Zeitschrift „Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde“ tätig. In der aktuellen Ausgabe dieser Zeitschrift schreiben Sie: „Der Klimawandel könnte tatsächlich das Ende der Selbstverständlichkeiten bedeuten […].“ Was meinen Sie damit?

Jörg Göpfert: Die Corona-Krise hat die Verletzlichkeit des Menschen und seiner gesellschaftlichen Sub- und Sicherungssysteme deutlich gemacht. „Normale“ Verhaltensweisen wie das Händeschütteln sind zum Risiko und Feiern zur Gefahr geworden. Sogar Oster- und Weihnachtsgottesdienste fielen aus. Der Heidelberger Theologe Philipp Stoellger hat die Corona-Krise deshalb als „Riss“ bezeichnet, der einen „gravierenden Lebensweltwandel“ mit sich bringe1 . Er spricht vom „Ende von Wirklichkeiten, in denen wir selbstverständlich lebten“. Das war und ist für viele eine erschreckende Erfahrung. Es lässt sich aber davon ausgehen, dass die Corona-Pandemie – ähnlich wie frühere Pandemien – vorübergehen wird. Irgendwann werden alle, die nicht an ihr sterben, immun geworden sein – mit oder ohne Impfung. Das wird vielleicht einige Jahre dauern, aber dann können die Überlebenden aufatmen und zur „Normalität“ zurückkehren.

Bei der Klimakrise ist das anders. Sollte die Menschheit es nicht schaffen, die Erwärmung der Erdatmosphäre zu stoppen und die globale Durchschnittstemperatur auf einen Wert zu begrenzen, der maximal 1,5 bis 2 Grad über dem vorindustriellen liegt, ist mit massiven Veränderungen zu rechnen. Wetterextreme würden weiter zunehmen, Wüsten würden wachsen, und viele Inseln und Küstenregionen würden vom steigenden Meeresspiegel überflutet werden. Vor allem aber würde sich der globale Wasserkreislauf – zu Lande und in der Luft – massiv verändern. Dann kämen auf die Wirtschafts- und Sozialsysteme Belastungen zu, die weit größer sein dürften, als die jetzigen durch die Corona-Krise. Und dann droht tatsächlich das Ende der „Selbstverständlichkeiten“. Dann stehen nicht nur Reisen oder Einkäufe in Baumärkten zur Disposition, sondern womöglich auch die Rundumversorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Transportmöglichkeiten. Eine Überwindung dieses Dauerstresses würde Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern, wenn sie überhaupt möglich wäre.

In dem Zusammenhang sprechen Sie auch von Suffizienz. Welchen Stellenwert hat die Thematik für die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e. V.?

Einen großen. Seit Jahren bemühen wir uns, das Thema „Große Transformation“, wie es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen nannte2 , im gesellschaftlichen Diskurs voranzubringen. Und dazu gehört ganz wesentlich die Suffizienz, also das Auskommen mit weniger. Denn mit Effizienz und Konsistenz allein wird eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise nicht möglich sein. Effizienz, also das Herstellen einer bestimmten Menge an Waren oder Dienstleistungen mit weniger Materialaufwand als zuvor, wird oft durch eine Ausweitung des Angebots überkompensiert. Die LEDs sind ein Beispiel. Sie verbrauchen zwar weniger Strom als herkömmliche Glühlampen, lassen sich aber für neue Zwecke verwenden. Plötzlich ist es möglich – und erschwinglich – die gesamte Hausfassade in eine funkelnde Weihnachtswelt zu verwandeln. Bei der Konsistenz wird versucht, umweltbelastende Materialien durch umweltverträglichere oder endliche Ressourcen durch nachwachsende zu ersetzen. Ein guter Ansatz. Aber der kompostierbare Computer dürfte schwer realisierbar sein, und falls doch, wären sehr große Anbauflächen nötig, um die benötigten Rohstoffmengen bereitzustellen. Fruchtbare Böden sind aber ein knappes Gut und geraten auch durch den Klimawandel massiv unter Druck. Folglich gibt es für die Menschheit nur zwei Strategien: entweder die Zahl der Menschen drastisch zu reduzieren oder den Verbrauch jedes Einzelnen und aller zusammen. Letzteres wird nur mit Hilfe einer sehr intelligenten Kombination von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz gelingen.

Wie schätzen Sie die gesellschaftliche Akzeptanz eines „Weniger“ ein?

Lange Zeit war Suffizienz ein Tabu. Und im politischen Raum ist es das immer noch. Denn eine Strategie des „Weniger“ ist mit einer wachstumsorientierten Wirtschaft und einer ebensolchen Politik schwer vereinbar. Erfreulich ist aber, dass das Interesse an Suffizienz sowohl in der Wissenschaft als auch in der Zivilgesellschaft zunimmt. Das zeigt zum Beispiel der Aufruf „Für eine klima- und naturverträgliche, sozial gerechte Lebens- und Wirtschaftsweise: Energie- und Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren“3. Er wurde mit den Unterschriften von 200 Personen aus der Wissenschaft und ihrem Umfeld herausgegeben. Mehr als 3000 weitere Bürgerinnen und Bürger haben ihn inzwischen unterzeichnet. Es gibt ein „Forschungsnetzwerk Suffizienz“ und viele neuere Publikationen zum Thema. Auch das aktuelle Heft unserer Zeitschrift „Briefe“ ist ihm gewidmet4. All das zeigt: Suffizienz ist im Kommen. Sie braucht aber noch mehr Unterstützung, damit sie auch in die Praxis umgesetzt werden kann. Dafür kommt es nicht nur auf den guten Willen einzelner an, sondern auch auf die richtigen politischen Rahmensetzungen, also eine Suffizienzpolitik. Und die braucht gesellschaftlichen Druck und gesellschaftliche Mehrheiten.

Welche Chancen sehen Sie, dass sich junge Menschen heute für ressourcenschonende und damit suffiziente Lebensweisen begeistern?

Die Chancen sind größer denn je, weil ein Umdenken bereits begonnen hat. Viele, vor allem jüngere Menschen reduzieren ihren Fleischkonsum. Auch das Auto ist für sie kein Muss mehr, besonders in größeren Städten. Die Bewegung „Fridays For Future“ setzt sich für Suffizienz ein. Und eine große Zahl junger Menschen wählt inzwischen Berufe im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes sowie der Nachhaltigkeit. Die Zahl der Ausbildungsangebote ist enorm gewachsen. Als ich 1978 mit meinem Studium begann, war ich einer der ersten in Deutschland, die „Technischen Umweltschutz“ studieren konnten. Heute gibt es ganze Hochschulen, die dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet sind, etwa die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Brandenburg. Es gibt ein bundesweites studentisches „netzwerk N“, das Hochschulen nachhaltiger machen will. Nicht auszudenken, was möglich wird, wenn all diese gut ausgebildeten, hoch motivierten jungen Menschen eines Tages im Berufsleben stehen und Entscheidungen treffen. Hoffentlich finden viele von ihnen auch den Weg in die Politik. Denn dort werden nach wie vor wichtige Weichen gestellt.


[1] Philipp Stoellger: „Eröffnung: Corona als Riss der Lebenswelt. Zur Orientierung über Naherwartungen, Enttäuschungsrisiken und Nebenwirkungen“; in Benjamin Held et al. (Hrsg.): „Corona als Riss: Perspektiven für Kirche, Politik und Ökonomie“, Heidelberg: heiBOOKS, 2020 (FEST kompakt – Analysen – Stellungnahmen – Perspektiven , Band 1). Kostenloser Download: https://books.ub.uni-heidelberg.de/heibooks/reader/download/701/701-3-90267-1-10-20200916.pdf

[2] https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/welt-im-wandel-gesellschaftsvertrag-fuer-eine-grosse-transformation

[3] https://bereit-zum-wandel.de/aufruf/

[4] https://ev-akademie-wittenberg.de/sites/default/files/publikationen/briefe_2020-4.pdf

ÜBER Den INTERVIEWPARTNEr

Jörg Göpfert, geboren 1960 in Berlin, ist Absolvent des Studiengangs Dipl.-Ing. für Technischen Umweltschutz an der TU Berlin. An der Deutschen Journalistenschule in München wurde er zum Redakteur ausgebildet. Seit 1988 ist er freier Umwelt- und Wissenschaftsjournalist und seit vielen Jahren Kommunikations- und Medientrainer für Wissenschaftler/-innen. Im Januar 2000 begann seine Tätigkeit an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Lutherstadt Wittenberg. Als Studienleiter im Bereich Umwelt & Soziales ist er Mitbegründer des Netzwerks „Ökumenischer Prozess ‚Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten‘“ und einer von zwei Redakteuren der Zeitschrift „Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde“, einer der ältesten Umweltzeitschriften in Deutschland. Seine jüngste Publikation: „Es reicht. Von der Last und Leichtigkeit der Suffizienz“, in Brigitte Bertelmann, Klaus Heidel (Hrsg.): „Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit“, oekom verlag, München 2018.

© Jörg Göpfert

#BAUNIX: Suffizientes Bauen und Wohnen – ein Gastbeitrag von Patrick Zimmermann

Die kürzlich entflammte Debatte um Einfamilienhäuser samt Verbots- und Enteignungsvorwürfen ist ein Paradebeispiel für die Ignoranz gegenüber einer bisher oftmals vergessenen Nachhaltigkeitsstrategie: der Suffizienz. Wenn wir die Klima- und Nachhaltigkeitsziele ernst nehmen wollen, müssen wir unsere Konsum- und Verhaltensweisen auch in unserer gebauten Umwelt hinterfragen und endlich die Frage nach dem rechten Maß ins Spiel bringen.

Nachhaltigkeit in Architektur und Bauwesen

Der Gebäudesektor ist in Deutschland für etwa ein Viertel der Treibhausgasemissionen [1], etwa ein Fünftel des Rohstoffverbrauchs [2] und für 32 Hektar Flächeninanspruchnahme pro Tag verantwortlich [3]. Der Handlungsdruck ist also dementsprechend groß. Bisher lag der Fokus jeglicher Bemühungen in Politik, Forschung und Praxis auf besserer Wärmedämmung (Effizienz) und dem Einsatz von erneuerbaren Energien sowie nachwachsenden Rohstoffen (Konsistenz). Diese technologischen Strategien allein reichen jedoch nicht aus, was u. a. an Rebound-Effekten liegt. Bestes Beispiel hierfür ist die seit Jahrzehnten, aufgrund kleiner werdender Haushalte, mehr Eigentum und dem Remanenz-Effekt, steigende Pro-Kopf-Wohnfläche [4], wodurch Einsparungen durch Effizienz und Konsistenz maßgeblich geschmälert werden [5]. Gleichzeitig stieg die Wohnzufriedenheit nicht [6], was verdeutlicht, dass mehr Wohnungsfläche allein nicht zu mehr Lebensqualität führt.

Abbildung 1: Raumwärmebedarf in KWh pro Kopf und Jahr [4]

Suffizienz in Architektur und Bauwesen

Konträr zu den beiden technischen Nachhaltigkeitsstrategien setzt Suffizienz auf Verhaltensänderungen, „die helfen, innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der Erde zu bleiben, wobei sich Nutzenaspekte des Konsums ändern“ [7]. Sie zielt auf eine absolute, Reduktion der ökologischen Auswirkungen unter Berücksichtigung einer angemessenen Lebensqualität. Übersetzt auf das Themenfeld Bauen und Wohnen bedeutet dies einen Planungsprozess, der die ökologischen Limits sowie die Befriedigung der persönlichen Wohnbedürfnisse in den Vordergrund stellt. Obgleich sie in der gebauten Praxis bisher kaum eine Rolle spielt, ist die Suffizienz-Debatte in einer Speerspitze der Fachöffentlichkeit bereits im Gange. Das verdeutlichen z. B. die Suffizienz-Kongresse der db bauzeitung [8] oder des BUND und der HCU [9], Veröffentlichungen, wie die Streitschrift „Verbietet das Bauen“ [10], oder die Neubau-kritischen Positionierungen des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) [11] und der Architects for Future [12], sowie diverse Forschungsprojekte [13].

Suffizienz planen

Entscheidende Stellschrauben suffizienten Bauens und Betreibens von Gebäuden werden bereits in der Planungsphase gestellt. Deshalb braucht es, um den Suffizienzbegriff dort greifbarer zu machen, handhabbare Kriterien und konkret anwendbare Maßnahmen. Einen Vorschlag hierzu liefert die „Suffizienz-Bewertungsmethodik für Wohngebäude“ [14], woraus im Folgenden die wichtigsten Aspekte kurz vorgestellt werden sollen.

Projektentwicklung und Planungsprozess

Schon vor der eigentlichen Planungsphase gilt es die Bedürfnisse der Bewohner:innen durch umfangreiche Bedarfsplanungen und möglichst partizipative Einbindungsprozesse mit einzubeziehen. Schon die Standortwahl hat durch die Verkehrsanbindung und alltäglich zurückzulegende Wege zentralen Einfluss auf ein suffizientes Mobilitätsverhalten.

Gebäudestruktur

Nicht zu bauen bzw. nicht neu zu bauen, ist immer noch die ökologischste Form, weshalb aus Suffizienz-Perspektive ganz klar die Nutzung bestehender Gebäude Priorität hat. Zugleich verändern sich Bedürfnisse, sodass (Um-)Bauten zukünftige Anpassungen ermöglichen müssen, auch um die Akzeptanz experimentellerer Wohnformen zu erhöhen.

Architektur

Wie eingangs erwähnt, ist die Pro-Kopf-Wohnfläche ein maßgeblicher Parameter. Aus Suffizienz-Perspektive sollte diese möglichst nicht 35 m2 pro Person überschreiten. Wichtigste Strategie zum Erreichen dieses Ziels sind flächeneffiziente Grundrisse und gemeinschaftliche Wohnformen, wie z. B. Co-Housing oder klassische Wohngemeinschaften.

Baukonstruktion und Gebäudetechnik

Auch auf baukonstruktiver Ebene und bei der technischen Gebäudeausrüstung (TGA) muss das Prinzip der Einfachheit umgesetzt werden. Dies kann baukonstruktiv z. B. durch monolithische Bauweisen oder einen reduzierten Ausbaustandard erfolgen. Minimalistische und robuste Technikkonzepte, die passive Maßnahmen, Selbstregelungsmechanismen und marginale Komforteinbußen gegenüber Redundanz und maßgenauen Temperaturspektren priorisieren, ermöglichen einen wartungsarmen, unkomplizierten und somit suffizienten Gebäudebetrieb.

Mobilitäts-Infrastruktur

Nicht nur der Gebäudestandort, auch dessen Angebote bei der Mobilitäts-Infrastruktur können ein suffizientes Mobilitätsverhalten der Bewohner:innen fördern. Fahrradfreundliche Mobilitätskonzepte erhöhen die Attraktivität dieses suffizienten Fortbewegungsmittels und durch geminderte Stellplatzschlüssel kann der Individualverkehr weiter reduziert werden.

Gebäudemanagement

Schlussendlich muss sichergestellt werden, dass die Suffizienz-Ansätze aus der Planung auch in der Nutzungsphase beibehalten werden. Solche Maßnahmen reichen von Leerstand-Vermeidungs-Strategien bis hin zu Shared Spaces, zum Beispiel Hobby-Werkstätten oder Bibliotheken, welche die geteilte Nutzung von Gütern als Suffizienzpraktik fördern.

Beitrag der Suffizienz zur ökologischen Nachhaltigkeit

Schlussendlich stellt sich die Frage, welchen Beitrag Gebäude-Suffizienz für die Einhaltung der Klima- und anderer Nachhaltigkeitsziele leisten kann. Eine der wenigen Studien zu dieser Frage kommt zu dem Ergebnis, dass eine reduzierte Pro-Kopf-Wohnfläche und suffizientes Nutzer:innen-Verhalten in Betrieb und bei der Mobilität die Treibhausgasemissionen um 45 % reduzieren [15]. Alleine durch das Weglassen von Tiefgaragen lassen sich enorme Einsparungen erzielen, denn je PKW-Stellplatz wird so viel CO2 emittiert, wie ein:e durchschnittliche:r Deutsche:r pro Jahr verursacht [16]. Auch die Nutzung von bestehenden Gebäuden macht sich in den meisten Fällen bezahlt. Unterschiedliche Studien beziffern die Einsparungen auf bis zu 20 % der THG-Emissionen verglichen mit Abriss und Ersatzneubau [14].

Aussichten

Für einen zielkonformen Fortschritt, hinsichtlich Klimaneutralität und Ressourcenschutz, ist in Architektur und Bauwesen endlich auch die Suffizienz in der Planungs- und Baupraxis zu berücksichtigen. Es gilt durch kritisches Hinterfragen von Konventionen u. a. flächenreduzierte, gemeinschaftliche Wohnformen zu entwickeln und damit Neubau überflüssig(er) zu machen. Neben einem Umdenken der Planer:innen bedarf es politisches Handeln, um solche Konzepte im Mainstream zu verankern. Dazu gehört es z. B. endlich die graue Energie der verbauten Materialien in den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Gebäudeenergiegesetzes zu berücksichtigen, Umbau bzw. Sanierungen gegenüber Abriss und Neubau zu priorisieren, Umzüge in bedarfsgerechte(re) Wohnungen zu erleichtern und Leerstand effektiv zu verhindern.

Quellen

[1] Bundesregierung (2020): Klimaschutzbericht 2019 zum Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 der Bundesregierung. https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzbericht_2019_kabinettsfassung_bf.pdf

[2] Umweltbundesamt (2018): Die Nutzung natürlicher Ressourcen. Bericht für Deutschland 2018. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/3521/publikationen/deuress18_de_bericht_web_f.pdf

[3] Destatis (2021a): Online-Plattform der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS), Flächeninanspruch-nahme – Indikator 11.1.a: Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche. https://sustainabledevelopment-deutschland.github.io/11-1-a/

[4] Bierwirth, A. (2015): Strategische Entwicklung eines zukunftsfähigen Wohnraumangebots – ein Suffizienz-Szenario. uwf 23, 49–58 (2015). https://doi.org/10.1007/s00550-015-0355-6

[5] Wuppertal Institut (2016): Kommunale Suffizienzpolitik – Ressourcenschutz vor Ort stärken. https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/3448

[6] DIW SOEP (2015): SOEP 2013 – SOEPmonitor Household 1984-2013 (SOEP v30), S. 33.

[7] Fischer, C., & Grießhammer, R. (2013): Mehr als nur weniger. Suffizienz: Begriff, Begründung und Potentiale. Öko-Institut Working Paper 2/2013, S. 10.

[8] https://www.db-bauzeitung.de/suffizienz/

[9] Seegelke, K. (2019): Suffizientes Wohnen statt Flachenverbrauch – Wege zu einem nachhaltigen Wohnflachenmanagement [Tagungsband]. BUND, HafenCity Universität Hamburg. https://www.bund-hamburg.de/fileadmin/hamburg/Themen/Flaechenschutz/Fachtagung_Flaechenschutz_2019/2019-03-29_Tagungsbericht_Suffizientes_Wohnen.pdf

[10] Fuhrhop, D. (2020): Verbietet das Bauen! Streitschrift gegen Spekulation, Abriss und Flächenfraß.

[11] BDA (2019): Das Haus der Erde – politisch handeln. Politische Aufforderungen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land. BDA. https://www.bda-bund.de/2019/08/das-haus-der-erde_bda-position/

[12] Architects for Future Deutschland e.V. (2020). Umfrage der Architects for Future an planende Kolleg*innen zu den Hindernissen beim Bauen im Bestand [Bericht über die Ergebnisse]. https://www.architects4future.de/news/a4f-umfrage-bauen-im-bestand

[13] https://www.ifeu.de/projekt/suprastadt/; https://www.wohnen-optimieren.de

[14] Zimmermann, P. (2018): Bewertbarkeit und ökobilanzieller Einfluss von Suffizienz im Gebäudebereich. Masterarbeit, Technische Universität München.

[15] Pfäffli, K., Nipkow, J., Schneider, S., & Hänger, M. (2012). Grundlagen zu einem Suffizienzpfad Energie Das Beispiel Wohnen. Stadt Zürich Amt für Hochbauten Fachstelle nachhaltiges Bauen.

[16] Lang, W., & Schneider, P. (2017): Gemeinschaftlich nachhaltig bauen – Forschungsbericht der ökologischen Untersuchung des genossenschaftlichen Wohnungsbauprojektes wagnisART.

Über den Autor

Patrick Zimmermann studierte “Gebäudeklimatik“ (B. Eng.) und “Energieeffizientes & Nachhaltiges Bauen” (M. Sc.) an der OTH Regensburg bzw. der TU München. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium arbeitete er als Referent für Klimaschutz & Energiepolitik beim WWF Deutschland. Seit September 2020 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BTU Cottbus-Senftenberg am Fachgebiet „Entwerfen und Energieeffizientes Bauen“. Dort setzt er sich dafür ein, dass Nachhaltigkeit noch viel stärker in die Architektur-Lehre und Planungspraxis einfließt und promoviert zu Suffizienz-Praktiken, -Potentialen und -Barrieren im Gebäudebereich.

Buchrezension: „Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum“ von Nunu Kaller

In ihrem neuen Sachbuch „Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum“ – erschienen am 08. März 2021 im Kremayr & Scheriau Verlag – untersucht Bestsellerautorin Nunu Kaller verschiedene Facetten des Konsumierens und wie dies gesteuert werden kann. Wie beeinflusst die Industrie den menschlichen Kaufantreib und inwiefern entscheiden Kund*innen eigentlich noch selbst über ihn? Warum, was und wie kauft der Mensch? Die Autorin widmet sich u. a. dem Dopamin-High, das den Menschen bei der Schnäppchenjagd überfällt, entlarvt die verschiedenen Tricks von Supermärkten, wie sie Konsument*innen zum Kauf überreden und zerlegt die Greenwashing-Versuche der Modeindustrie. Sie tritt energisch dafür ein, dass Kund*innen nicht die Alleinverantwortung für nachhaltiges Konsumieren tragen, sondern die Industrie und der Markt verantwortungsbewusster mit ihrem Einfluss auf die menschliche Kaufpsychologie umgehen müssen. So malt Kaller ein fulminantes Bild rund um die Konsumpolemik mit dem Ausblick, dass zum einen die Politik und Wirtschaft gravierend zu einer Richtungsänderung beitragen müssen und zum anderen auch jede*r Einzelne sein/ihr eigenes Kaufbedürfnis reflektieren sollte. Schließlich könne man ihrer Ansicht nach niemanden in guten Konsum hinein „shamen“.

Nunu Kaller, die von 2014 bis 2019 als Konsument*innensprecherin bei Greenpeace arbeitete, möchte die Leser*innen nicht zum Nullkonsum bekehren, sondern ausgehend von der Tatsache, dass der Mensch konsumiert, die psychologische, biologische und wirtschaftliche Perspektive dieses Konsums beleuchten. Anhand ihrer Recherche soll die Leitfrage diskutiert werden, ob es „guten“ Konsum überhaupt gibt und wie dieser gegebenenfalls aussieht. Im Vorwort gelungen hergeleitet begründet sie die eigene Motivation in ihrer Relevanz, zumal die Konsumdebatte in Zeiten der Klimakrise für Viele immer wichtiger wird. Schon mit den ersten Seiten spricht Kaller daher jenen Menschen aus der Seele, die sich bereits mit ökologisch nachhaltigem Konsum auseinandergesetzt haben, durch die Fülle an Informationen im World Wide Web zu diesem Thema jedoch verunsichert sind.

Du bringst Menschen dazu, ihr eigenes umweltschädliches Verhalten zu überdenken, wenn du ihnen zeigst, dass sie möglicherweise selbst, ganz direkt und unmittelbar, gefährdet sind.

Nunu Kaller, S.11

Kaller führt die Leser*innen anhand ihrer eigenen Gedanken durch 236 Seiten und veranschaulicht die gesammelten Fakten durch Anekdoten und Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben sowie aus dem ihres privaten Umfelds. Die insgesamt sechs Kapitel widmen sich jeweils einer übergeordneten Frage und navigieren die Leser*innen anregend durch ihre Recherche. Beginnend mit dem ersten Kapitel „Warum kaufen wir?“ geht die Autorin über zu der Feststellung „Man kann nicht nicht konsumieren“ (Kapiel 2), um danach zu erörtern „Was machen die [Industrie und Werbung] mit uns?“ (Kapitel 3) und „Was macht Konsum eigentlich wirklich mit uns?“ (Kapitel 4). Nachfolgend (Kapitel 5) wird diskutiert, warum Konsum überhaupt schlecht ist, um im abschließenden Kapitel „Was ist denn nun ‚guter Konsum‘?“ alle Resultate zusammenzuführen. Die Überschriften sind aussagekräftig gewählt, jedoch wäre für das Motiv des Buches – die Suche nach „gutem“ Konsum – eine darauf ausgerichtete Kapitelaufteilung sinnvoller. So würde das fünfte Kapitel „Warum ist Konsum eigentlich überhaupt schlecht?“ einen guten Einstieg in die übergeordnete Fragestellung bilden. Durch Unterüberschriften, die die sechs großen Kapitel in thematische Blöcke einteilen, wird dem Buch eine stringente Struktur mit bündigen Überleitungen verliehen. Empfehlenswert wäre allerdings die Aufführung der Unterkapitel im Inhaltsverzeichnis gewesen, damit Fakten und Informationen gezielt nachgelesen oder gesucht werden könnten.

Kaller wirft unabhängig von den Kapitelüberschriften viele (moralische) Fragen auf, deren Beantwortung partiell den Leser*innen überlassen bleiben, wie zum Beispiel warum wir kaufen, obwohl uns die Produktionsbedingungen allgemein bekannt sind. Hierdurch tritt die Hauptfrage „Gibt es guten Konsum?“ teils in den Hintergrund. Der/Die ein oder andere Leser*in wird sich deshalb zwischendurch bei der Suche nach dem Sinn hinter den gelesenen Seiten ertappen, jedoch schnell wieder zum roten Faden zurückfinden. Insgesamt zeigt die Autorin also überwiegend nachvollziehbar und schlüssig die facettenreiche Tragweite der Konsumthematik auf, wobei wenige Passagen, beispielsweise die Psychologie der Industrie, eine noch intensivere Erörterung verlangt hätten. Ihre Argumentation untermauert Kaller durch Quellenangaben verwendeter Artikel und Studien sowie weiterführender Literatur in Fußnoten, die für eine bessere Übersichtlichkeit in einem Quellenverzeichnis am Ende des Buches hätten zusammengetragen werden können.

Die offengelegten Fakten und Rechercheergebnisse unterstreicht die Autorin mit Humor und befreit sich durch ihre eher alltagssprachlich gehaltene Langage vom Stereotypen des anstrengenden Sachbuchs. Dass Nunu Kaller sich als leidenschaftliche Wienerin beschreibt, spiegelt ihre Schreibart wider: Als deutsche*r Leser*in stolpert man über österreichische Ausdrücke und schmunzelt über Begriffe wie „Sackerl“ oder „Packerlsuppe“. Nur selten bleibt man an langen Sätzen hängen, deren Sinn sich jedoch nach erneutem Lesen zu entfalten weiß. Stilistisch liest sich das Buch flüssig, Rechtschreibfehler, die den Gesamteindruck trüben könnten, finden sich kaum. Kaller bedient sich dem Binnen-I, um mit ihrer Sprache Geschlechtergleichheit zu generieren. Dies ist für den Sprachwandel zu begrüßen, da das Gendern für weite Teile der Bevölkerung leider noch nicht selbstverständlich und nachvollziehbar geworden ist.

„Wir dürfen auch nicht zu streng mit uns sein. Ja, natürlich darf man hin und wieder sinnlosen Konsum genießen.“

Nunu Kaller, S. 224

Ihre Überzeugung, man könne niemanden in guten Konsum hinein „shamen“, führt insgesamt zu einem selbstkritischen und offenen Blick auf die Thematik, ausgehend von ihrer Person und ihrem Leben. Sie betont authentisch, dass sie sich von ihrer eigenen Konsumkritik nicht ausnehmen möchte und spielt ohne erhobenen Zeigefinger die Rolle des Vorbilds. Erfahrungsberichte, wie sie oder Freund*innen sich sinnlosem Konsum hingaben, rufen Sympathie für die Autorin hervor und führen zu einer größeren Identifikation mit dem Gelesenen. „Wenn Nunu Kaller es schafft, für sich die Bedeutung von ‚gutem‘ Konsum zu erörtern und ihr Kaufbedürfnis demnach anzupassen, wieso ich nicht auch?“ So schafft sie es, die Leser*innen zum Überdenken des eigenen Handelns anzuregen. Hierfür wäre am Ende des Buches eine Zusammenfassung der Möglichkeiten, wie man das eigene Konsumverhalten reflektieren könnte, als Wegweiser nützlich gewesen.

Im Gesamteindruck gewinnt Nunu Kaller die Leser*innen mit ihrem Charme und ihrer Authentizität. Revolutionäre Erkenntnisse bleiben aus, doch scheint dies auch nicht der Anspruch der Autorin zu sein. Viel mehr gibt sie verwirrten Konsument*innen, die sich weiter in Richtung Nachhaltigkeit orientieren möchten, eine Stütze im Informationswirrwarr. Erfrischenderweise begann Kaller ihre Recherchen vor der Corona-Pandemie und geht in ihrem Buch nur kurz auf die Veränderungen, die die Krisenzeit auf unseren Konsum ausübt, ein. Natürlich wäre die Erörterung im Lichte des Online-Shopping-Hochs überaus interessant, doch stellt ihre Forschung dadurch eine angenehme Abwechslung zur aktuellen Berichtserstattung dar.

„Kauf mich! Auf der Suche nach gutem Konsum“ ist eine Erinnerung für diejenigen, die bereits reflektiert und nachhaltig konsumieren, wieso sie dies tun und eine Aufforderung an diejenigen, die bereits „grün affin“ sind, sich aktiv mit ihrem Konsum zu beschäftigen. Ihr Plädoyer für weniger Konsum und mehr Verantwortung mit dem nachhaltigen Grundgedanken im Hinterkopf, weiß angesichts der ausgeprägten Stärken und wenigen Schwächen zu beeindrucken. Mit der richtigen Mischung aus Emotion, Sachlichkeit und Witz hält sie die Lesenden bei Laune und zeichnet ein Bild der Realität, bei dem man nicht sicher ist, ob man lachen oder lieber weinen möchte.

Über die Autorin

Copyright: Julius Hirtzberger

Nunu Kaller, geboren 1981 und seither leidenschaftliche Wienerin, absolvierte ein Studium der Publizistik, Anglistik und Zeitgeschichte. Nach zwei Jahren bei diepresse.com wechselte sie in die NGO-Welt. 2014 bis 2019 arbeitete sie als Konsument*innensprecherin bei Greenpeace. Seit Ende 2019 ist sie selbstständig als Autorin, Speaker, Beraterin und Initiatorin von nunukaller.com, einer Plattform, die heimischen Unternehmen im Corona-Lockdown zu Sichtbarkeit verhalf. Bei KiWi erschienen von ihr die Bestseller „Ich kauf nix!“ und „Fuck Beauty!“.

Suffizienzorientierung – ein Interview mit Josephine Tröger

Suffizienz stellt eine grundsätzliche Verhaltensänderung der Menschen und ein stärkeres Bewusstsein für unseren Konsum in den Mittelpunkt. Für viele ist sie deswegen immer noch die unbeliebteste Nachhaltigkeitsstategie. Wir haben mit der Umweltpsychologin Josephine Tröger über Suffizienz gesprochen und wie ein Paradigmenwechsel durch kollektive Wirksamkeit und Einzelleistungen funktionieren kann.

Deutsche Umweltstiftung: Sie promovieren an der Universität Koblenz-Landau im Bereich der Umweltpsychologie zu Suffizienzorientierung. Was ist eigentlich Umweltpsychologie und was können wir uns unter Suffizienzorientierung vorstellen?

Josephine Tröger: Umweltpsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie, die sich mit Mensch-Umwelt- Interaktionen beschäftigt. Das heißt, sie versucht zu analysieren, wie die Umwelt auf den Menschen wirkt und wie wir Menschen auf die Umwelt wirken, welche Auswirkungen das auf psychische Aspekte wie Kognition, Emotion, und Verhalten hat. Sie ist eine sehr anwendungsorientierte Teildisziplin der Psychologie, in der eigentlich jede Form von Mensch-Umwelt-Interaktionen behandelt werden kann – von Architekturpsychologie bis Mensch-Maschine-Interaktion und der zentralen Frage nach dem Schutz und den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen. Was die Umweltpsychologie sehr besonders macht, ist die große Interdisziplinarität. Sie nutzt Erkenntnisse und Methoden anderer Wissenschaftsdisziplinen und vernetzt, um einen Beitrag etwa zur Lösung der Klimakrise zu leisten. Das ist teilweise sehr herausfordernd, bietet aber auch reichlich Chancen. Ein Projekt wie die sozial-ökologische Transformation ist nur zu bewerkstelligen, wenn viele Disziplinen zusammenarbeiten und -denken

Suffizienzorientierung beschreibt suffizientes Verhalten als „Änderungen in Konsummustern, die helfen, innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der Erde zu bleiben, wobei sich Nutzenaspekte des Konsums ändern“ (Heyen et al. 2013, S. 7)[1]. Die Suffizienz ist die Nachhaltigkeitsstrategie, welche die Endlichkeit der Ressourcen der Erde (auch „planetare Grenzen“ genannt) als oberstes Gut anerkennt und hier eine absolute Grenze, an dem sich z.B. wirtschaftliche Prozesse ausrichten sollen, respektiert. Die Suffizienz hat damit eine große Verwandtschaft mit dem Konzept der starken Nachhaltigkeit.

Als Suffizienzorientierung würde ich die Einstellung und Bereitschaft beschreiben, den Lebensstil an den eben diesen planetaren Grenzen auszurichten. Dabei spielt die Erkenntnis eine Rolle, dass Konsumreduktion einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung der sozial-ökologischen Krise liefert.

Eine Abgrenzung zu den anderen Nachhaltigkeitsstrategien Effizienz und Konsistenz ist wissenschaftlich sinnvoll. In der Praxis und im tatsächlichen Handeln spielen natürlich Wechselwirkungen und Interdependenzen eine Rolle. 

Deutsche Umweltstiftung: Für viele Menschen ist Suffizienz die anstrengendste und unbeliebteste Nachhaltigkeitsstrategie. Warum fällt suffizientes Handeln so schwer?

Das hat aus meiner Sicht vor allem zwei wesentliche Gründe: Zum einen lassen wir uns gern von außen leiten und erzählen, was wichtig ist und was zu einem scheinbar glücklichem Leben gehöre: vom persönlichen Umfeld, von vorherrschenden Normen und Werten, vermittelt durch so etwas wie Werbung. Konsum und Statussymbole spielen gegenwärtig eine große Rolle in unserer Gesellschaft. Andere Formen von Wohlstand, wie Zeit, Sozialleben, Familie, Selbstverwirklichung oder sonstige immaterielle Güter spielen kaum eine Rolle. Sie sind zwar privat wichtig, aber es gibt wenige öffentliche und sichtbare Strukturen, die diesen Bereichen eine hohe Bedeutung zuweisen. In der Wertschätzung und Belohnung von Care-Arbeit wird so etwas ersichtlich. Oder man zeigt seinen beruflichen Erfolg vielleicht lieber mit einem teuren Auto als mit viel Freizeit. Dabei würde ein Verzicht auf ein Auto viel Freizeit bringen, weil man für das dafür nötige Geld auch nicht mehr arbeiten müsste. Die Frage was wirklich wichtig ist, welche individuellen Bedürfnisse im nicht materiellen Sinne vorhanden sind und befriedigt werden müssen, ist ein wichtiger Aspekt von Suffizienz.

Zum anderen sind viele Infrastrukturen in unserer Gesellschaft so geschaffen dass sie suffizienzorientiertes Verhalten nicht belohnen. Nehmen wir das Beispiel Lebensmittelkonsum: Konventionelle Lebensmittel im Supermarkt sind gerade deswegen billiger als die ökologischen Biolebensmittel, weil in konventionellen Lebensmitteln der ökologische Schaden, den diese verursachen, nicht eingepreist ist. Kaufe ich die ökologischen Lebensmittel spüre ich vor allem erst einmal, dass ich mehr Geld ausgebe als die meisten anderen. Das kann sich oft nach einem kurzfristigen Verlust anfühlen – zwar zugunsten eines großen Ganzen, aber für den Industrie und Verbraucher nicht gleichmäßig in die Pflicht genommen werden. Industrie und Verbraucher zahlen für die ökologischen Kosten der Produkte nicht – der Schaden wird ausgelagert. Zukünftige Generationen – und auch wir selbst – werden dafür auf die eine oder andere Art in den nächsten Jahren aufkommen müssen.

Deutsche Umweltstiftung: Kann ein Paradigmenwechsel hin zu Suffizienz funktionieren? Wenn ja, wie wäre dies möglich?

Davon bin ich überzeugt! Die Klimakrise zwingt jetzt schon viele Menschen vor allem auf der Südhalbkugel zu einem unfreiwilligen und ungerechten Konsumverzicht. Und auch wir werden mit dem Fortschreiten der ökologischen Probleme immer größere Einschnitte erleben. Das ist die fatalistische Sichtweise: wer die Natur abschafft wird von der Natur abgeschafft. Es gibt aber auch Grund zum Optimismus. Beispielsweise zeigt gerade die Corona-Krise dass viele Menschen bereit sind, ihr Verhalten zu ändern und auch tatsächlich zu verzichten, wenn ihnen ein guter Grund und größere Zusammenhänge aufgezeigt werden, und Änderung vor allem nicht nur an der Eigenverantwortung hängt, sondern Strukturen verändert werden, auf die ein*e Einzelne*r nur wenig Einfluss hat. 

Außerdem sehe ich, dass sich Suffizienz-Praktiken langsam in Lebenswelten einschleichen. Über Suffizienz wird mehr gesprochen als noch vor wenigen Jahren. Der Druck auf die Gesellschaft, sich zu verändern wächst, da die Folgen der Klimakrise auch stärker vor Ort sichtbar werden. Die Frage ist, ob Veränderung in den nächsten Jahren mehr durch Evolution oder Eruption entsteht, und welche Einflüsse eben von außen notwendig sind. 

Deutsche Umweltstiftung: Welche Tipps können Sie geben, um suffizientes Verhalten mehr in den eigenen Alltag zu integrieren?

Die gerade angesprochenen Strukturen sind ein wichtiger Treiber suffizienten Verhaltens. Als einzelner hat man vermeintlich wenig Einfluss auf diese. Allerdings werden diese auch nur von einzelnen Menschen geschaffen. Ist man durch seinen Beruf beispielsweise in der Lage Entscheidungen zu treffen, die dazu führen, dass sich am besten mehrere Menschen suffizienter verhalten können? Oder kann man Prozesse so verändern, dass sie dann zu einem Weniger an tatsächlichem Ressourcenverbrauch führen? Kann man der Chefin oder dem Chef vorschlagen, dass Pendler*innen die mit dem Rad oder den ÖPNV zur Arbeit kommen, einen Zuschuss bekommen? Oder kann man seiner Gemeinde vor Ort vorschlagen, die Radwege auszubauen? Politisches Engagement ist meines Erachtens ein Schlüssel für Veränderung, weil es Druck ausübt und potentiell neue Strukturen schafft, in denen sich Menschen leichter umweltgerecht verhalten können. Und wir alle sind mal mehr mal weniger an der Schaffung solcher Umstände und Strukturen beteiligt. Diese Macht der Mitgestaltung zu erkennen und einzusetzen, ist sehr wichtig. Am Besten schließt man sich noch mit Freund*innen, die ein ähnliches Interesse haben, zusammen. Das gibt das Gefühl kollektiver Wirksamkeit und hat große Erfolgsaussichten, weil eben bereits mehr Menschen für eine Sache einstehen.

Das andere ist und bleibt das individuelle Verhalten in den verschiedenen Alltagssituationen – am Regal im Supermarkt, zu Hause vorm PC wenn der nächste Einkauf auf einer Online-Plattform lockt, oder bei der Urlaubsplanung. Auch hier gilt es, die eigenen Bedürfnisse zu überdenken und sich von äußeren Einflüssen, die zum Konsum animieren, ein Stück weit zu befreien. – Und sich selbst Fragen zu stellen, wie: Muss ich meinen Kollegen wirklich (m)einen neuen SUV vorführen? Oder um was geht es mir eigentlich, wenn ich Anerkennung von meinen Kolleg*innen haben möchte? Würden diese mich tatsächlich belächeln, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit käme – oder sehen sie mich dann vielleicht sogar als Vorbild und lassen sich anstecken? Ein anderer Aspekt ist auch, dass es bei vielen Konsumgewohnheiten ja gar nicht nur um die ökologischen Kosten alleine geht, sondern auch die privaten und monetären. Will ich wirklich so viel Geld für einen Flug nach Übersee ausgeben? Brauche ich wirklich einen neuen Laptop oder tut es nicht auch ein gebrauchter für weniger Geld? Viele Menschen nehmen Schulden auf sich, um den ganzen Konsum überhaupt erst zu ermöglichen. Das zwingt wiederum an Arbeitsverhältnissen festzuhalten, die nicht erfüllend sind. Das Gefühl zu wenig Geld zu haben, oder unfrei zu sein weil man sich darauf angewiesen fühlt, Einkommen von gewissen Höhen erzielen zu müssen, sind Dinge die unglücklich und auf lange Sicht sogar krank machen. Das hat Forschung zu Themen wie Zeitwohlstand und Wohlbefinden zeigen können. An der Aussage „Weniger ist Mehr“ scheint also schon etwas Wahres dran zu sein – auch wenn Suffizienz genauso heißt: Weniger ist weniger. Punkt.

Und zuletzt ist es wichtig, sich konkrete Pläne zu machen, sich Zeit zu nehmen, zu überlegen, wann, wie, wo, mit welchen Hilfsmittelnkann ich mich suffizienter verhalten. Wie sieht diese konkrete Handlungsalternative aus und was brauche ich, damit ich nicht in alte Muster zurück falle? Das ist wie mit allen Zielen im Leben: Wenn man sie wirklich erreichen will, muss man sich einen Plan dafür machen. 

Deutsche Umweltstiftung: In unserem Schulwettbewerb „Einfach machen – Die Suffizienzdetektive“ haben wir Schüler*innen der Sekundarstufe 1 dazu aufgefordert, ein eigenes Konzept für eine ressourcensparsamere Lebens- und Freizeitgestaltung zu entwerfen. Inwieweit schätzen Sie, sind Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren (fünfte bis zehnte Klasse) bereit, ihr Verhalten anzupassen und damit auf Konsum bzw. Komfort zu verzichten? 

Grundsätzlich sehe ich es so: Junge Menschen sind kreativ und einfallsreich. Wenn ich mir die FridaysforFuture anschaue, sind Kinder um einiges revolutionärer als wir denken und ihnen lange zugetraut haben. Sie sind bereit, die notwendigen Veränderungen selbst mitzutragen (Koos et al, 2019)[1]. Das ist etwas Beeindruckendes und sollte ein Apell an die Erwachsenen sein, die Maßnahmen umzusetzen, die es für eine lebenswerte Zukunft braucht!

Meine Haltung zu Wettbewerben ist allerdings etwas kritisch: Sie bieten zwar die Möglichkeit, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, bergen aber die Gefahr durch kurzfristige Anreize, die langfristigere intrinsische Motivation zu unterbinden. Das heißt: Für die Belohnung strengen sich die Kids an, sie fokussieren sich auf das Produkt, aber setzen sich beispielsweise nicht mit den individuellen Hürden in ihrem persönlichen Umfeld auseinander. Das ist aber wichtig, damit die Kinder ihre Ideen zum suffizienteren Leben erfolgreich umsetzen und sich wirksam fühlen. Wichtig wäre es deshalb, Projekte so zu gestalten, dass vorhandenes Interesse und die intrinsische Motivation auch langfristig gestärkt werden.

Ein anderer Aspekt ist, dass Kinder leider oft einen begrenzteren Handlungsspielraum haben. Sie kaufen nicht für die Familie ein oder entscheiden über den Stromanbieter. In Bezug auf umweltgerechtes Leben hat sich im Kontext von Familie gezeigt, dass Rollenmodelle und Vorbilder sehr wichtig sind. Das heißt, Kinder werden die Ideen, die sie – etwa in so einem Wettbewerb – gewonnen haben, leichter umsetzen können, wenn die Eltern beim genügsameren Leben mitmachen. Es kann aber auch sein, dass die Kinder viel Überzeugungsarbeit in ihrem sozialen Umfeld leisten müssen. Sie können ihre Eltern dann herausfordern und anstecken, gemeinsam etwas zu verändern. – Den Mut der Kinder hierfür zu stärken und Ideen zu entwickeln, wie das gehen könnte, sollte Teil eines solchen Projekts sein.


[1]Heyen, D. ; Fischer, C.; Grießhammer, R.; Wolff, F.; Brunn, C.; Keimeyer, F.; Barth, R. (2013), Für eine Politik der Suffizienz, Politische Steuerung als notwendiger Baustein einer suffizienten Gesellschaft. Freiburg, Öko-Institut. Online abrufbar unter: https://www.oeko.de/oekodoc/1837/2013-506-de.pdf

[2]Sebastian Koos und Elias Naumann (2019): Vom Klimastreik zur Klimapolitik. Die gesellschaftliche Unterstützung der „Fridays for Future“-Bewegung und ihrer Ziele. Forschungsbericht. Konstanz: Universität Konstanz. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-2-1jdetkrk6b9yl4.

Über die Interviewpartnerin

Josephine Tröger ist seit Dezember 2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der AG Sozial, Wirtschafts- und Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau. Seit März 2019 ist sie zudem Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Überprüfung des NBS- Gesellschaftsindikators zum Bewusstsein für Biologische Vielfalt sowie Entwicklung eines alternativen Messverfahrens“ am Steinbeis-Transferzentrum Interventions- und Evaluationsforschung.

© Josephine Tröger

Nachhaltigkeit in der Filmproduktion – ein Interview mit Johannes und Vanouch von „Die Grüne Filmagentur“

Die Filmproduktion Die Grüne Filmagentur verbindet das Filmemachen mit einem umweltbewussten Leben und wurde 2020 von den beiden Filmemachern Johannes Kaczmarczyk und Vanouch Balian gegründet. Im Frühjahr 2019 verfestigte sich deren Idee einer Filmproduktion mit nachhaltiger Positionierung. Zur selben Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit der Deutschen Umweltstiftung  mit der #kaufnix-Kampagne und setzte sich im Rahmen des Schulwettbewerbs „Einfach machen! Die Suffizienzdetektive“ fort. Es entstanden vier Lernfilme für den Schulunterricht, die Themen zu Nachhaltigkeit und Suffizienz lebensnah vorstellen.

Wir freuen uns, von Johannes und Vanouch von Die Grüne Filmagentur einen Einblick zu bekommen, was es eigentlich heißt, nachhaltig Filme zu produzieren. 

© Die Grüne Filmagentur

Deutsche Umweltstiftung (DUS): Ihr seid Gründer von Die Grüne Filmagentur – der nachhaltigen Online-Bewegtbildproduktion aus Berlin. Auf eurer Webseite sagt ihr, dass ihr „überzeugt [seid], dass eine bessere Welt möglich ist“. Welche Vision steckt dahinter?

Johannes und Vanouch: Eine bessere Welt ist auf jeden Fall möglich, wenn jeder für sich und in seinem Umfeld Missstände erkennt, diese benennt und sein Verhalten und die eigenen Gewohnheiten ändert. Das beginnt bei der Mülltrennung und der Ernährung bis zu der Frage, welches Fortbewegungsmittel für die nächste Urlaubsreise benutzt wird. Jeder von uns kann einen Unterschied machen und etwas verändern. Und so versuchen wir als Filmproduktion mit den Ressourcen, die wir haben, positive Veränderungen anzustoßen – unsere Stärken und Talente in den Dienst einer guten Sache zu stellen.

DUS: Was bedeutet das konkret für eure Arbeit?

Unser Ziel ist es, Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, auf den Umweltschutz achten und soziale und ökologische Standards befolgen, bekannter und erfolgreicher zu machen. Mit authentischen Geschichten und ansprechenden Bildern helfen wir Menschen ihre nachhaltigen Visionen nach außen zu tragen. Gleichzeitig gestalten wir die Produktion unserer Filme in jeder Phase möglichst ressourcensparend und versuchen unseren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten.

DUS: Welche Rolle spielt überhaupt Nachhaltigkeit in der Filmbranche?

Es gibt immer mehr Initiativen und Workshops, die dabei helfen Filmproduktionen nachhaltiger zu gestalten. Das ist nicht immer einfach, weil der Kosten- und Zeitdruck bei Filmproduktionen sehr hoch ist. Manches Filmequipment, wie zum Beispiel mobile Stromgeneratoren, waren bis vor kurzem noch gar nicht in nachhaltigen „Ausführungen“ vorhanden, aber auch da tut sich sehr viel. Zum Beispiel sind herkömmliche Stromgeneratoren sehr umweltschädlich, weil sie mit Diesel betrieben werden und keine Luftfilter haben. Mittlerweile gibt es neue Stromgeneratoren bei einigen Filmgeräteverleihern zur Ausleihe, die mit Akkus, Solarpanels und LPG betrieben werden können. Wenn die Akkus nun noch über erneuerbare Energie geladen werden, ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

DUS: Ihr habt mit Die Grüne Filmagentur Lernfilme für den bundesweiten Schulwettbewerb “Einfach Machen! Die Suffizienzdetektive” produziert und seid mit dem Thema Suffizienz in Berührung gekommen. Lässt sich Suffizienz auch in der Filmbranche umsetzen? Habt ihr konkrete Beispiele, wo ihr bereits suffiziente Entscheidungen trefft?

Ja, wir denken schon, dass man Filme suffizient produzieren kann und in unseren Projekten versuchen wir genau das. Zu Beginn und auch im Laufe einer Produktion fragen wir uns immer wieder, wie wir bestimmte Abläufe möglichst ressourcensparend gestalten. Das ist für uns im Prinzip nichts Neues, da es bei einer Film-Produktion auch immer darum geht eine kreative Vision im Spannungsfeld eines begrenzten Geld- und Zeitrahmens umzusetzen. Muss eine Szene bei künstlichem Regen stattfinden, für die viel Wasser benötigt wird oder geht es auch ohne? Ist ein neuer Computer für die Postproduktion (Nachbearbeitung) des Films notwendig, obwohl der alte noch funktioniert? Muss man in ein anderes Land fahren oder gibt es in der Nähe auch einen passenden Drehort für den geplanten Film?

Allerdings darf man nicht vergessen, dass es beim Film um den Aufbau einer Illusion geht. Viele Zuschauer*innen wollen sich in fantastischen Welten verlieren, das Außergewöhnliche sehen, das nichts mit ihrer alltäglichen Realität zu tun hat. Um diese alternativen Realitäten mit wenig Materialeinsatz herzustellen, erfordert es viel Kreativität und Umdenken.

DUS: Was verbindet ihr persönlich, über das Filmemachen hinaus, mit Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit bedeutet für uns bewusst zu konsumieren und darauf zu achten, woher die Konsumgüter kommen. Wir versuchen Dinge nicht einfach wegzuwerfen, sondern überlegen uns wie wir sie reparieren und möglicherweise auch in neuer Funktion weiterverwenden können. Viele unserer Möbel sind 2nd-Hand. Zum Beispiel haben wir ein altes Gewürzregal, das wir auf der Straße gefunden haben, geklebt und es erweist uns nun gute Dienste. Für uns ist Kreativität eben nicht nur im Beruf relevant, sondern auch in der Gestaltung unseres nachhaltigen Alltags.

ÜBER DIE INTERVIEWPARTNER

Johannes und Vanouch sind die Gründer von Die Grüne Filmagentur. Mit authentischen Werbefilmen unterstützen sie Unternehmen und Organisationen, die nachhaltige Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Ihr Ziel ist es, die Visionen von Menschen nach außen zu tragen und somit die Bekanntheit und den Erfolg solcher Unternehmen zu steigern. Die Produktion ihrer Filme gestaltet das Team dabei möglichst ressourcensparend und suffizient.